Esther Dierkes und Björn Bürger sind international gefragte Opernsänger, miteinander verheiratet und haben vier gemeinsame Kinder. Ein Hausbesuch in Stuttgart-Degerloch.
So köstlich das kunstvoll verzierte Petit Four auch ausschaut, es trifft nicht Elises Geschmack. Der Zuckerguss ist zu zuckrig oder zu hart oder beides. Das bereits auseinandergenommene Feingebäck landet auf Papas Teller, stattdessen widmet sich das kleine Mädchen lieber einem Stückchen Erdbeerkuchen. Es gibt an diesem Nachmittag Tee und Süßes. Dass Esther Dierkes und Björn Bürger und ihre vier Kinder heute mal alle zusammen daheim sind, das ist etwas Besonderes. „Das kommt nicht so oft vor“, sagt Esther Dierkes.
Die Eheleute sind erfolgreiche Opernsänger. Beide gehören zum Ensemble der Staatsoper Stuttgart, außerdem übernehmen sie freiberuflich noch Engagements in ganz Europa. Oft spielen sie mehrere Rollen an unterschiedlichen Häusern parallel. Zwei Tage zuvor erst ist Björn Bürger (39) aus Zürich heimgekehrt, direkt am Abend, nachdem im dortigen Opernhaus der Vorhang für „Die tote Stadt“ gefallen war. Morgen geht’s wieder hin.
Arbeitswoche hat sechs Tage, Feiertage kennen sie nicht
Der Terminkalender der Eheleute ist, gelinde gesagt, wild. Esther Dierkes (35) wird ab dem 18. Mai als weibliche Hauptrolle Desdemona in der Stuttgarter Produktion „Othello“ zu sehen sein. Die Anspannung steigt. An diesem Abend ist die Klavierhauptprobe, die wichtigste Probe vor der Premiere. Dauer: open end. Nine to five gibt’s bei der Sopranistin und dem Bariton nicht. Proben sind vormittags und abends. Die Arbeitswoche hat für sie sechs Tage, Feiertage kennen sie nicht. Vieles läuft spontan. „Ich habe heute meinen Tagesplan für morgen bekommen“, sagt Esther Dierkes.
Baby Leonore wird eins, die Zwillinge Elise und Johann sind vier, Gustav ist sechs. Mit vier Kindern und zwei Vollzeitjobs ist es anstrengend, bekennen beide. Der Alltag brauche extrem viel Planung, Flexibilität und helfende Hände. Am Kühlschrank hängt ein Kalender. In ihm sind die Einsätze von Betreuungspersonen minutiös festgehalten – fürs nächste halbe Jahr.
Die Buchungen der preisgekrönten Profisänger sind langfristig. „Wir haben Verträge für drei bis vier Jahre“, erklärt Esther Dierkes. Das Netzwerk ist engmaschig. Zwei Babysitterinnen auf Minijob-Basis gibt es, tatkräftige Nachbarn, die Familie, die bei Bedarf von auswärts anreist. „Wir hatten lange Au-pairs, aber das geht räumlich nicht mehr“, sagt sie. Die Wohnung sei schlicht zu klein geworden.
Seit zehn Jahren lebt das singende Duo in Stuttgart-Degerloch auf dem Haigst, wo die Straßen Figaro-, Meistersinger- oder Freischützstraße heißen. Hier, im „Dorf im Dorf“, wie Björn Bürger sagt, fühlt das Paar sich pudelwohl. An den Wänden des Wohnzimmers mit dem flauschigen hellen Teppich hängt moderne Kunst. Der Blickfang im Raum ist das schwarze Klavier. Außenrum garniert die kleine Leonore gerade glucksend ihre Babyspielsachen. In der Erdgeschosswohnung ist viel Leben drin. Die Jungs vollführen Kopfstände auf dem Sofa, es wird gerannt und gelacht. Natürlich wird viel musiziert. Zur Verfügung stehen Gitarren, Geigen, Flöten, Trommeln. Gustav spielt Kontrabass, ein Instrument, das er sich selbst ausgesucht hat. „Wir zwingen hier niemanden, Musik zu machen. Der Job ist hart genug“, sagt Esther Dierkes. Und freilich wird in der Familie auch gesungen. Weniger „Schni-Schna-Schnappi“ und „Biene Maja“, mehr „Zauberflöte“ und „Rusalka“. Björn Bürger zeigt auf das gut gefüllte Plattenregal. Es befindet sich extra auf Kinderhöhe, der Plattenspieler ebenso.
Was die Kleinen bei Mama und Papa auf der Bühne hören, wollen sie auch daheim hören – und nachsingen. „Elise ist unsere Königin der Nacht“, sagt er. Die Nachbarn sind die Beschallung gewöhnt. Esther Dierkes lächelt. Ab und an finde sie anerkennende Nachrichten im Briefkasten vor.
Beide wollten stets eine große Familie
Esther Dierkes trägt die Anfangsbuchstaben der Namen ihrer Kinder als Glitzeranhänger an einer Halskette. Ihren Björn hat sie auf auf der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Frankfurt kennengelernt, „bevor es trubelig wurde“, sagt sie lachend. Dann fügt sie hinzu: „Wir haben zusammen singen gelernt.“ Dass beide trotz des Strebens nach einer Bühnenkarriere eine große Familie wollten, stand stets fest. „Das ist der Ausgleich zu dieser Opernwelt“, sagt Björn Bürger. Seine Ehefrau fügt hinzu: „Ich glaube, dass wir dadurch auf der Bühne besser sind.“ Durch den familiären Gegenpol seien beide entspannter, die Kinder würden ihre Kreativität, ihre Fantasie und ihre Spielfreude fördern; Dinge, die sie auf der Bühne bräuchten.
Im Umkehrschluss glauben die Eltern, dass ihre Kinder profitieren von einer musikalischen Früherziehung, die ganz nebenbei läuft, und vom Herumreisen in Europa. In der näheren Zukunft stehen bei den zwei gefragten Solisten Engagements in Frankreich, den Niederlanden, der Schweiz oder in Großbritannien an, ebenso deutschlandweit. Heute hier, morgen dort. Die Agentur der beiden sitzt in Paris, die Gesangslehrerin ebenfalls. Sie wird bis heute immer wieder aufgesucht, um an den Stimmen zu feilen. Wenn es geht, ist der Nachwuchs stets dabei. Die Lehrerin sei wie eine Oma für die Kinder.
Die Eltern wissen: Mit Kindern kommt es sowieso immer anders
Gustav kommt bald in die Schule. Bislang lief es so: Wer gerade am meisten mit einer Produktion beschäftigt ist, übernimmt weniger Aufgaben in der Kinderbetreuung, und wenn das heißt, dass sich die Kinder eine Zeit lang im Ausland aufhalten, dann ist das so.
Wie das ab Herbst klappt, wird sich finden müssen. Mama und Papa wissen: Mit Kindern kommt es sowieso immer anders. Denn schließlich sind da noch die ganz normalen kleinen Dramen, die alle Familien kennen. Der Kuchen schmeckt mir nicht. Ich will etwas anderes anziehen. Ich will jetzt aber lieber auf dem Trampolin hüpfen.
Esther Dierkes und Björn Bürger lächeln, während um sie herum vier Kinder krabbeln und brabbeln und über den Teppich kugeln und auf dem Sofa turnen. Beide strahlen dabei eine bemerkenswerte Leichtigkeit aus. Esther Dierkes sagt: „Sonst könnten wir es nicht machen.“