Seit mehr als 20 Jahren wird die Sanierung des Opernhauses Stuttgart diskutiert Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Neuer Tiefschlag für die Sanierung des Opernhauses Stuttgart und die Erweiterung des Staatstheater-Areals: 12000 Quadratmeter Nutzungsflächen könnten am Standort nicht realiiert werden, so das Finanzministerium.

Stuttgart - An diesem Montag,8. Oktober, trifft sich der Verwaltungsrat der Staatstheater Stuttgart zu einer außerordentlichen Sitzung. Am vergangenen Donnerstag und Freitag fragen wir nach. Ob es etwa Neues gibt zu einem möglichen Standort für eine von der Staatsoper Stuttgart und dem Stuttgarter Ballett während der geplanten Sanierung des Opernhauses mehrjährig zu nutzenden Spielstätte? Nein, heißt es übereinstimmend von Seiten der Stadt und des Ministeriums für Wissenschaft, Forschung und Kunst. Alles laufe ruhig, entsprechend sei nach der Sitzung auch kein Pressegespräch geplant. Nun aber könnte es nicht nur intern Rede­bedarf geben.

Diskussionen seit mehr als 20 Jahren

Seit mehr als 20 Jahren wird in Stuttgart über die dringend notwendige Sanierung des Openhauses und die Erweiterung des Staatstheater-Areals an sich diskutiert. Ein Gutachten der Bühnen-Spezialisten Kunkel Consulting bringt 2014 neue Bewegung.

Umfangreiche bauliche Veränderungen notwendig

Im Fazit des am 8. Mai 2014 vorgelegten Papiers heißt es: „In den Arbeitsbereichen nahezu ­aller Abteilungen besteht (teilweise umfangreicher) Raumbedarf.“ Weiter seien „umfangreiche Veränderungen in den Raumzuordnungen notwendig“, zudem „umfangreiche bauliche Veränderungen im Bereich der Bühne der Oper“ – zur „Verbesserung“ von deren „Funktionalität“. Die Bühnen-Experten schreiben: „Erweiterung der Gebäude der Württembergischen Staatstheater notwendig“ – und summieren die zusätzlich notwendigen Flächen auf 12000 Qadratmeter.

Bedarf entspricht „Mindestanforderungen“

Zu viel? 2018 wird eine Gegenprüfung vereinbart – beauftragt ist das renommierte Büro Kottke. Am vergangenen Dienstag ­präsentierten die Experten das Ergebnis. der „Prüfung des angemeldeten Bedarfs für die Sanierung und Erweiterung“: „Die Nutzeranforderung“ heißt es da, „entspricht den aktuellen Mindestforderungen an gesetzlichen, normativen und betriebstypischen Flächen“.

„Zwingend notwendig“

Klarer wird das Bild mit Blick auf die Dringlichkeit des errechneten Raumbedarfs: 84 Prozent sieht das Kottke-Team als „zwingend notwendig“ und schreibt vielsagend für die aktuellen Verhältnisse hinter den Kulissen von Opernhaus und Schauspielhaus: „Es greifen die Richtwerte der technischen Regeln für Arbeitsstätten.“ 15 Prozent sehen die Experten als „betrieblich notwendig“ – nicht zuletzt, um die „hohe Qualität“ zu ­sichern. Gerade ein Prozent fällt unter die Rubrik „wünschenswert“.

Knalleffekt aus dem Finanzministerium

Der 2014 errechnete Raumbedarf ist bestätigt, die Staatstheater-Verantwortlichen ­atmen auf. Umso mehr, als Stuttgarts Oberbürgermeister Fritz Kuhn (Grüne) wenige Wochen vorher für einen Knalleffekt gesorgt hatte. Aus Kostengründen stoppte Kuhn die Pläne, die Ausweichspielstätte für Oper und Ballett durch umfassende Umbauten im ehemaligen Paketpostamt am Nordbahnhof einzurichten. 2021 hätten die Arbeiten beginnen sollen, die Saison 2024/2025 sollte die erste Spielzeit außerhalb des Opernhauses sein, 2030 wollte man die angestammte Bühne glanzvoll neu eröffnen.

Zeitplan hinfällig

Kuhns Nein macht diesen Zeitplan hin­fällig. Aktuell gibt es einen neuen Suchlauf. Ist ein neuer Standort gefunden, muss für diesen völlig neu geplant werden. Die Knackpunkte bleiben – eine Zuschauerkapazität von mindestens 1200, besser 1400 Plätzen und Nutzungsflächen für 1000 nicht-künstlerische Arbeitsplätze.

Die Einschätzung

Aus der Präsentation des Büros Kottke am 1. Oktober ergeht ein Prüfauftrag an das ­Finanzministerium, konkret an das Amt für ­Vermögen und Bau.

Dessen „Einschätzung“ hat es in sich. In dem unserer Zeitung bekannten Papier heißt es: „Der im Gutachten rechnerisch ­ermittelte Maximalbedarf von 12.527 ­Quadratmetern Nutzfläche zusätzlich zu bauender Fläche (einschließlich Außen­stellen und ohne Umsetzung des vom ­Gutachter vorgeschlagenen Einspar­potentials) kann nicht innerhalb der ein­vernehmlich festgelegten städtebaulichen Parameter umgesetzt werden.“

Warnung an Stadt und Land

Noch wichtiger aber: Auch ein Verzicht auf die Rückverlagerung von Außenstellen in das Staatstheater-Areal bringe keine ­Sicherheit bezüglich der Machbarkeit des Gesamtprojektes. „Bei Auslobung eines Wettbewerbs können keine vielfältigen ­Lösungsansätze erwartet werden“ heißt es mit Blick auf eine um 2000 Quadratmeter ­reduzierte zusätzliche Nutzfläche. Eine deutliche Warnung an Land und Stadt als Träger der Staatsthater Stuttgart.

Alles auf Anfang?

Die Staatstheater Stuttgart erleben in dieser Saison einen für das größte Dreispartenhaus Europas beispiellosen künstlerischen Neustart. Zeitgleich beginnen mit Viktor Schoner (Staatsoper Stuttgart), Tamas Detrich (Stuttgarter Ballett) und Burkhard C. ­Kosminski (Schauspiel Stuttgart) neue Intendanten ihre Arbeit – zum Quartett wird die Staatstheater-Leitung mit dem bereits amtierenden Marc-Oliver Hendriks als ­Geschäftsführendem Intendanten.

Vor wenigen Monaten, ja Wochen noch, schien für alle Beteiligten die Staatstheater-Zukunft klar: Beginn von Sanierung und ­Erweiterung 2024. Das Interim-Aus machte den Fahrplan zeitlich hinfällig. Stellt aber die „Einschätzung“ aus dem Finanzministerium den Fahrplan an sich in Frage? Überholt sceint zumindest die Antwort von Stadt und Land, es gebe „nichts Neues“.