Christian Gerhaher und Chor in Zürich Foto: Monika Rittershaus

An der Oper Zürich hat Intendant Andreas Homoki Alban Bergs Oper „Wozzeck“ aus dem Naturalismus heraus und in die Groteske hinein gezaubert. Das Experiment gelingt – auch dank eines genialen Bühnenbildes und dank Star-Bariton Christian Gerhaher in der Titelpartie.

Zürich - Wer ist Wozzeck? „Er sieht immer so verhetzt aus“, sagt der Hauptmann in Georg Büchners „Woyzeck“ zum traurigen Titelhelden des Schauspiels, und auch in Alban Bergs Opernfassung des Stücks geht es um einen Getriebenen, um ein Opfer schlimmer Verhältnisse. Dem schaut man zu, wie er leidet, den hört man sich an, wie er sein „Wir arme Leut’!“ in den Theaterraum hinein klagt.

Man vernimmt, wie Wozzeck immer wieder aus der Realität hinausgleitet, und als der arme Kerl endlich entdeckt, was er selbst will und sein kann, betrachtet man seine Ermordung der untreuen Geliebten mitleidig, ein wenig voyeuristisch und wie die logische Konsequenz einer bedauerlichen, aber sehr fernen gesellschaftlichen Situation. Interessantes Stück, wirklich; und schlimm war das aber auch – damals.

Bergs Musik ist auch hart und distanziert

Alban Bergs Oper ist nicht schwer zu inszenieren. Ein bisschen Naturalismus, gewürzt mit einem Quäntchen Empathie: Damit kommt man als Regisseur bei diesem Stück schon ziemlich weit. Dabei will und sagt die Musik auch etwas ganz anderes – und vieles von dem, was der Zürcher Generalmusikdirektor Fabio Luisi, oft fast kammermusikalisch ausgearbeitet, aus dem Graben der Zürcher Oper tönen lässt, ist jetzt auch dort auf der Bühne zu sehen.

Bergs Musik ist nämlich nicht nur expressionistisch, nicht nur mitfühlend, ja manchmal gar pathetisch. Sie ist auch sehr klar. Sie ist hart. Sie distanziert sich. Ihre musikalischen Linien sind oft wie grobe Striche einer Karikatur. Es gibt viel Groteskes, Satirisches in dieser Partitur. Das hört man sonst oft nur nebenbei. In der Inszenierung des Zürcher Intendanten Andreas Homoki aber wird es zum Thema. Sein „Wozzeck“ hört auf die Musik, und mit ihrer Hilfe gelingt Homoki das scheinbar widersinnige Kunststück, uns ein Werk nahezubringen, indem er es in die Ferne rückt.

Annäherung durch Entfernung

„Wozzeck“ in Zürich: Das ist ein Kasperle­theater. Allerdings kein schlichtes. Michael Levine hat eine Reihe von Bilderrahmen auf die Bühne gestellt, die eine Eigendynamik entwickeln: Sie öffnen und schließen sich, bewegen sich nach unten und oben, geben sich als Abbild der mechanischen Zwangsläufigkeit der Ereignisse, und nach dem Mord an Marie kippen die Rahmen kunstvoll zur Seite.

Ein geniales Bühnenbild! Über die Unterseite der Bilderrahmen lehnen sich die handelnden Personen, die schon bei Büchner Typen sind, mit weiß geschminkten Puppengesichtern, tauchen von unten auf und verschwinden dorthin auch wieder, und wenn sie sich vervielfachen oder plötzlich auch mal verkehrt herum auftauchen, dann merkt man, dass Regisseur wie Bühnenbildner die Perspektive des Titelhelden eingenommen haben, in der sich Wahn und Wirklichkeit abwechseln. Manchmal darf man dabei sogar ein wenig lächeln, und das schwere Stück wird überraschend leicht.

Gerhaher ist eine Puppe mit Herz und Verstand

Ein Puppentheater nach Art von Achim Freyer ist Homokis Inszenierung allerdings nicht. Dafür ist sie zu beweglich. Und dafür ist der Star unter den Sängern zu reflektiert und zu empathisch. Christian Gerhaher als Wozzeck ist, wenn man im Bild bleiben will, eine Puppe mit Herz und Verstand. Hervorragend sind auch der Tambourmajor (Brandon Jovanovich), Andres (Mauro Peter), der Hauptmann (Wolfgang Ablinger-Sperrhacke) und der Doktor (Lars Woldt) besetzt, aber Gerhaher legt noch eine Schippe drauf.

Gesangs-Gourmets können über die Vokalbehandlung des Baritons staunen, auch über die subtile Art, wie er Deklamations-Passagen zu einer Art Beinahe-Gesang formt und dabei exzellent die Balance hält zwischen Schönheit und Schmerz.

Zwischen Schönheit und Schmerz

Das Menschliche, das in Gerhahers Gestaltung einfließt, ist aber auch insofern wichtig, als es Entscheidendes zurechtrückt: Das Opfer Wozzeck ist auch ein Täter; der Einzelne ist nie aus der Verantwortung zu entlassen, und selbst eine Welt voller Mechanik, voller Typen und Puppen hebelt noch lange nicht moralische Kategorien aus.

Am Ende, nach dem letzten, pathetischen Zwischenspiel der Oper, das Homoki unbebildert lässt, als hätte es ihm die Sprache verschlagen, tritt der Kinderchor auf – mit Kopien aller Figuren in klein. Ihre Wege sind vorgezeichnet. Jeder bleibt, was er ist; jeder ist, was er sein soll. Die Geschichte setzt sich fort. Das Stück könnte von vorne beginnen.

Nochmals am 19., 22., 25. und 29. 9. sowie am 6. 10.; Karten: 00 41 / 4 42 68 66 66

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