Ewelina Marciniak hat die Oper „Dialogues des Carmélites“ von Francis Poulenc an der Staatsoper Stuttgart inszeniert – mit großartigen Sängerinnen.
Eine verstörende, unheilvolle Marschmusik, ein Ritschen, ein dumpfer Schlag. Ein weiteres Opfer ist von der imaginären Guillotine gefällt. „Salve Regina“ singen sie im Chor, aber eine Stimme nach der anderen erstirbt. In der Stuttgarter Staatsoper gehen die Frauen, entkleidet bis auf den Unterrock, tief ergriffen durch einen Glaskasten und erstarren unter einer Blutdusche. Dann legen sie sich, rot und nass gezeichnet, der Reihe nach an die Bühnenrampe: mahnend, wie zur Leichenschau.
Herausragende Neuproduktion
Letzte Töne, sphärisch. Licht aus. Schon brandet Jubel auf. Und Bravo-Geschrei. Eigentlich absurd, gruselig. Aber es ist nur Oper, eine Inszenierung: „Dialogues des Carmélites“ von Francis Poulenc. Die Begeisterung des Premierenpublikums war freilich berechtigt am Sonntagabend: Das ist eine herausragende Neuproduktion, dirigiert von Cornelius Meister und mit einem phänomenalen Sängerinnen-Cast. In einem „außergewöhnlichen Augenblick der Emotion“ habe er den Schluss der „Carmélites“ komponiert, schrieb der sehr katholische französische Komponist im Juli 1954 an Pierre Bernac: Man könne, „kühl betrachtet“, sagen, „dass diese Musik erschütternd ist in ihrer Einfachheit, Resignation und – ihrem Frieden“. So ist es, und so wirkt die 1957 uraufgeführte Oper noch heute. Aber kühl lässt sich das nicht hören.
Höhepunkt des jakobinischen Terrors
Das Werk verhandelt eine wahre Episode aus der Französischen Revolution, die Hinrichtung der 16 Karmelitinnen von Compiègne am 17. Juli 1794, auf dem Höhepunkt des jakobinischen Terrors. Fiktiv ist die Hauptfigur im Libretto von Georges Bernanos: Blanche, deren Mutter bei ihrer Geburt gestorben ist, leidet von klein auf unter panischen Angstzuständen, geht ins Kloster, um dort im Glauben Heilung zu finden von ihrer „schrecklichen Schwäche“. Als die Revolutionäre den Nonnen verbieten, ihre Ordensregeln zu leben, suchen diese den Märtyrerinnentod – nur Blanche nicht, die flieht. Aber als sie sieht, wie ihre Mitschwestern standhaft bleiben, verliert sie ihre Furcht und alle Selbstzweifel und folgt ihnen aufs Schafott. Das ungefähr ist die Libretto-Geschichte. In Stuttgart inszeniert Ewelina Marciniak die „Dialogues des Carmélites“ aber aus entschieden feministischer Perspektive, und zwar nicht als „Sister Act“: also ohne Nonnen. Nur im Zuschauerraum saßen welche bei der Premiere, echte Ordensschwestern.
Die polnische Regisseurin erzählt von einer Frauengemeinschaft: religiöse Flowerpower, bunt, frei, wild, fast sektiererisch. Und politisch aktiv, für Demonstrationen haben sie Schilder gemalt: „My Body My Choice“, „Sisterhood Is Powerful“ oder „A Woman’s Place Is In The Revolution“. Sie kämpfen für ihre Rechte gegen eine uniformierte Gesellschaft – und sollen ausgerechnet von den Männern, die Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit (!) propagieren, ausgelöscht werden.
Das spielt sich ab auf leerer Bühne (Mirek Kaczmarek) mit spiegelglattem Boden: stahlkalte Wände, schneidend abweisend, zerkratzt wie das imaginäre Guillotinenmesser. Dazu fahrbare abstrakte Räume, zeichenhafte Skulpturen, bedrängendes Licht, blutiges Rot. Ewelina Marciniak erzählt fassbar den persönlichen Weg der Blanche: Die Priorin Madame de Croissy, die ihr eine Mutter geworden ist, stirbt brutal, quälend im Delirium – so furchtbar kann der Tod sein (ein ergreifender Auftritt von Evelyn Herlitzius). Und sie erlebt, dass auch unter den Schwestern männlicher Machtkampf herrschen kann; Mère Marie beansprucht die Führung – und unterliegt der friedvollen Madame de Lidoine. Blanche flüchtet in dieser Inszenierung nicht aus Angst. Sie muss sich um ein Mädchen kümmern, will das Kind schützen – jetzt hat sie eine Aufgabe. So kehrt sie selbstbewusst zurück, geht in den Tod in einem Akt radikalen Widerstands.
Spiritueller Schönklang in allen Schattierungen
Das alles wird getragen von einer emotionalen, im Grunde spätestromantisch-modernen Musik: von dramatischem, spirituellem Schönklang in allen Schattierungen und auch veristischer Tonmalerei, als wäre Giacomo Puccini nie gestorben oder hätte aus dem Jenseits mitkomponiert. Auch mixt Poulenc lyrische französische Farben und heilige Messe in die Partitur. Das Staatsorchester Stuttgart hat unter Cornelius Meister einen perfekten Abend: sehr expressiv, leuchtend, sehr ausdrucksvoll in der musikalischen Klarheit.
Großartig die Sängerinnen, das ganze Ensemble samt Chor: allen voran Rachael Wilson als Blanche mit einer betörend feinen Stimme, die aber auch kraftvoll die Zerrissenheit dieser Frau begreifbar machen kann. Diana Haller, ein Mezzo mit höchster Strahlkraft, ist die burschikos rivalisierende Mère Marie, Simone Schneider die dramatisch souveräne Madame Lidoine, Claudia Muschio die junge, zarte Sœur Constance. Welch ein Aufgebot! Und wie berührend allein schauspielerisch Helene Schneiderman und Catriona Smith ihre Rollen verkörpern. Stark auch der Tenor Cameron Becker als Blanches Bruder.
Frauen-Solidarität und Menschlichkeit
Wie geht das alles auf? Marciniak zieht nicht einfach eine moderne Feminismus-Story durch, sie stellt den geschichtlichen Kontext her, bettet ihre überzeitliche Botschaft ein: Marie Antoinette und die Frauenrechtlerin Olympe de Gouges tauchen als Zeuginnen auf, beiden wurde in der Französischen Männer-Revolution der Kopf abgeschlagen. Historische Kostüme (Julia Kornacka), Perücken-Chor. Und in der Schafott-Szene steht eine Suffragette am Rand und fordert das Frauenwahlrecht. Fundamentalismus, weibliche Solidarität, Menschlichkeit. Die Inszenierung hat auch einen plakativen Charakter – aber der Einwand verstummt angesichts der Schlussszene, der tiefen musikalischen Ernsthaftigkeit.
Starkes Finale von Cornelius Meister
Schluss
Es war die letzte Premiere von Cornelius Meister als Generalmusikdirektor der Staatsoper Stuttgart – ein starkes Finale. Auch sein Vorvorgänger Manfred Honeck hatte im April 2011 die Poulenc-Oper als seine letzte Stuttgarter Neuproduktion dirigiert.
Vorstellungen
„Dialogues des Carmélites“, Opernhaus Stuttgart, 1., 8., 12., 15. und 18. April