1912 eröffnet: das Opernhaus in Stuttgart. Foto: dpa

Welche Möglichkeiten gibt es für eine zeitgemäße Gestaltung und Ausstattung eines Opernhauses? Politiker von Stadt und Land haben mit Kunstministerin Theresia Bauer und Oberbürgermeister Fritz Kuhn an der Spitze hinter die Kulissen neuer und sanierter Betriebe geschaut.

Stuttgart/Kopenhagen/London - Auch das Schild ist verblichen. „Musikalienlager“ steht neben einer Tür irgendwo im weitläufigen Kellergeschoss des Stuttgarter Opernhauses. Das fensterlose Zimmer dahinter ist winzig; den größten Platz darin nimmt eine Tuba ein. Das Zimmer ist ein Loch. Eine Zelle, in der Tubisten des Stuttgarter Staatsorchesters üben und sich umziehen. Wenn hier einer in das große, glänzende Instrument bläst, fliegen ihm die Töne um die Ohren.

Womöglich stecken sich die Blechbläser dann Stöpsel in die Hörorgane – so wie es David Diamond tut, der ehemalige Korrepetitor des Stuttgarter Balletts, der in einem anderen kleinen, ebenfalls fensterlosen, auf kaum erträgliche Weise überakustischen Raum am Flügel sitzt. Durch das Oberlicht, erzählt Diamond, hat es schon mal mächtig reingeregnet. Bei einem Dachfenster im Flur ist das erst vor kurzem passiert; darunter liegt auf dem Boden noch eine blaue Plastikplane auf dem Boden. Man weiß ja nie, wann der nächste Regen kommt.

Die Stuttgarter Oper ist ein Patchwork aus Provisorien

Das Stuttgarter Opernhaus, 1912 erbaut, denkmalgeschützt und in den 1980er Jahren teilrenoviert, ist heute ein Patchwork aus Provisorien, die konstruktive und anlagentechnische Mängel kitten und das funktionale Flächendefizit kompensieren sollen. Es gibt Treppenstiegen mit offenen, völlig überfüllten Kabelschächten. An Mauern zeugen Setzungsrisse von statischer Dynamik unter dem Haus. Zu klein ist fast alles, die einzelnen Gewerke sind oft weit im Haus verstreut, die Gänge sind verwinkelt, und Künstler wie Techniker arbeiten unter Bedingungen, die dem modernen Arbeitsschutz hohnsprechen. Von den 10 000 Quadratmetern, die der geschäftsführende Intendant des Hauses, Marc-Oliver Hendriks, bei der avisierten Sanierung als Zusatzbedarf errechnet hat, entfallen 60 Prozent auf die Erfüllung der heute geltenden Normen bei Arbeitsstättenverordnung, Brandschutz und Hygienevorschriften. Der Rest gehört der Bühnentechnik, und „ein bisschen funktionale Erweiterung“, sagt Hendriks, brauche man außerdem.

Was dies alles im Idealfall bedeuten könnte, konnte der Verwaltungsrat der Staatstheater auf einer Delegationsreise nach Kopenhagen und London (Covent Garden) in Augenschein nehmen. An der Spitze waren Baden-Württembergs Ministerin für Kultur, Wissenschaft und Forschung, Theresia Bauer, und Stuttgarts Oberbürgermeister Fritz Kuhn dabei, außerdem Jürgen Walter, Staatssekretär im Kunstministerium, und neben Marc-Oliver Hendriks auch der Intendant der Stuttgarter Oper, Jossi Wieler. Von der „Beurkundung eines Willens“ sprach dieser – und von einem „demokratischen Vorgang, auf den wir alle sehr stolz sein dürfen“. Es geht um viel Geld – 342 Millionen hat das Büro Kunkel Consulting zuletzt für die Sanierung in Stuttgart veranschlagt, die 2018 beginnen könnte. Es geht aber auch um die schlichte Frage, was Stadt und Land ein international beachtetes Renommier-Objekt der Hochkultur wert ist.

In Kopenhagen gibt es viel Platz hinter der Bühne und eine neue Bühnentechnik

Aus Stuttgarter Sicht war es eine Reise in Paradiese. Das erste liegt in Kopenhagen. 2005 wurde das neue, privat finanzierte Gebäude der Königlichen Oper eröffnet; 350 Millionen Euro hat es gekostet. Die Architektur ist beeindruckend – nicht nur in ihrem Zusammenspiel von Beton, Fenstern und Holz, sondern auch mit ihren großen, lichten Foyers. 14 Etagen und 1100 Räume hat das Haus, ein großer Orchesterprobenraum mit Platz für 200 Musiker und einem Aufnahmestudio liegt direkt unter der Bühne. Diese wiederum hat – so macht oder wünscht man sich das heute – eine Kreuzform, die man grob mit derjenigen einer alten Kirche vergleichen könnte: Dann entspräche die Bühne der Vierung, die beiden Seitenbühnen dem Querhaus, die Hinterbühne dem Altarraum, und man käme so auf vier in der Größe vergleichbare Flächen, die ein Verschieben, eine Lagerung von Bühnenbildern wie auch die Arbeit an ihnen möglich machen.

Die Kopenhagener Kreuzbühne besitzt fünf dieser Flächen; die Räume auf der Hinter- und auf den Seitenbühnen sind so hoch, dass man 15 Meter hohe Bühnenbilder in ihnen lagern kann, und über Touchscreens können auf dem absenkbaren Bühnenboden in Windeseile Wagen über Zahnräder gefahren werden. Die Verwandlung der Bühne vom „Wozzeck“ zu „La Traviata“ dauert so gerade mal 20 Minuten; auch der Schwingboden für das Ballett lässt sich in Windeseile hochfahren.

Mit neuer Technik und mehr Platz könnte der Stuttgarter Spielplan viel abwechslungsreicher sein

In Stuttgart brauchen für dessen Aufbau 20 Mitarbeiter etwa 40 bis 45 Minuten, und zwischen den Akten von „La Traviata“ sind für den Umbau zehn Minuten Pause nötig. Die Bühnenbilder werden in der alten Zuckerfabrik in Bad Cannstatt gelagert, nur die Ausstattung der nächsten zwei Wochen lagert in der Stahlgasse neben der Bühne – in Einzelteilen allerdings, die vor den Vorstellungen immer wieder neu montiert werden müssen. „Wir haben“, sagt Hendriks, „bei uns nur 1,5 Prozent der vier nötigen Flächen, und von vier Bühnenwagen können wir nur zwei fahren.“ Dass die Oper Stuttgart pro Jahr etwa 100 Vorstellungen mehr spielt als die Oper in Kopenhagen und in dieser Saison 22 Werke auf dem Spielplan hat, grenzt angesichts dieser Vergleiche an ein Wunder. Verfügte man hier über die technischen Möglichkeiten der Dänen, dann ließe sich die Zahl der Vorstellungen nochmals erhöhen, der Spielplan könnte abwechslungsreicher sein, und bekäme man womöglich auch jene Erhöhung der Auslastung hin, die Marc-Oliver Hendriks für sein Haus anstrebt.

Es geht aber auch um die Entschärfung einer Zeitbombe. Momentan wird die Unterbühne in Stuttgart noch von einem Computer der Generation 1983/84 gesteuert. Ersatzteile gibt es (ebenso wie für die Dimmeranlage von 1979) kaum mehr, nach und nach gehen die Techniker, die das System beherrschen, in den Ruhestand. Die Elektronik ist lange schon abgängig. „Vielleicht“, sagt Arno Laudel, technischer Leiter der Oper, „kommen wir mit diesem System, weil es kollabiert, gar nicht bis zum Zeitpunkt der Schließung, sondern müssen vorher schon schließen – ein Horrorszenario.“ Außerdem, ergänzt Hendriks, biete man heute den Regisseuren die Möglichkeiten einer modernen Anlage nicht an „aus Scheu davor, dass wir uns zu viel Komplexität in die Abläufe hineinholen und dass wir das im Störungsfall dann nicht mehr bewältigen können“.

London: „Wir sind heute ein komplett anderes Unternehmen geworden“

Weiter nach London. Bei der Renovierung des Royal Opera House Covent Garden wurden nicht nur Bühnenflächen und Proberäume (unter anderem durch vier neue Tageslicht-Ballettsäle) um das 12-Fache erweitert („Nach Quadratmetern“, so der Architekt Jeremy Dixon, „haben wir dabei nie gefragt“) sowie die Technik erneuert, sondern das Gebäude wurde auch in seine Umgebung eingepasst – und mit gastronomischen Angeboten nach außen geöffnet. „Wir sind“, sagt der Intendant Alex Beard auch mit Blick auf das mediale und das Vermittlungsangebot seines Hauses, „heute ein komplett anderes Unternehmen geworden.“

Das könnte auch einmal für die erst entkernte, dann grundsanierte Oper Stuttgart gelten. Am kommenden Montag, dem 16. November, wird der Verwaltungsrat der Staatstheater über die nächsten Schritte hin zu diesem Ziel entscheiden. Von dieser Sitzung, in deren Folge ein Architektenwettbewerb ausgeschrieben werden soll, erhofft sich der geschäftsführende Intendant klare Aussagen zu den Möglichkeiten der Erweiterung, zur Bebauung eines der Innenhöfe, in dem ein Café, vielleicht auch eine Lounge den Zugang zur Hochkultur erleichtern und den Ort attraktiver machen sollen, wie auch zur Erweiterung der Seitenbühne um zwei Meter in Richtung Landtag. „Falls diese Erweiterung nicht genehmigt wird, stellt sich die Sinnfrage für das gesamte Gebäude. Dann können wir hier in Stuttgart zeitgemäßes Musiktheater nicht aufführen.“

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: