Glänzend aufgelegt: das Staatsorchester Stuttgart Foto: Matthias Baus

Das Saisoneröffnungskonzert der Staatsoper Stuttgart bringt sehr Unterschiedliches zusammen – Schmonzetten und Wagner zum Beispiel. Das passt zum Leitmotiv der kommenden Spielzeit .

Man hätte auch Schuberts „Winterreise“ wählen können. Das „Fremd bin ich ausgezogen“ hätte exzellent zu dem Thema gepasst, mit dem sich die Staatsoper Stuttgart in der gerade begonnenen Spielzeit ganz besonders beschäftigen wird. Man hat aber nicht Schuberts bekanntesten Liederzyklus ausgesucht, sondern ein anderes Werk des Komponisten, und diese Wahl macht ebenfalls etwas deutlich.

 

Grenzen überwinden – das ist das Ziel

„Ich wandre fremd von Land zu Land, so heimatlos, so unbekannt“, heißt es in dem Gedicht „Der Wanderer an den Mond“ von Johann Gabriel Seidl, das Schubert vertont hat. Dieses Lied bringen beim Saisoneröffnungskonzert am Sonntagabend der Bass David Steffens und der Pianist Alan Hamilton auf die Bühne des Opernhauses. Es passt ebenfalls zu dem roten Faden, der sich programmatisch durch die Spielzeit des Hauses ziehen wird, ist aber ein bisschen weniger bekannt. So arbeitet auch die Auswahl der Werke dem Motto des Jahres zu: Um Fremdheit wird es 2025/26 gehen, um Grenzen wie um Möglichkeiten, diese zu überwinden. „Grenzen, die verbinden“: So formuliert es die Staatsoper selbst. Das Assoziationsfeld, das sich mit diesem Paradoxon auftut, ist ureigenes Terrain der Kunst, und so bringt die Musik des Saisoneröffnungskonzertes sehr Unterschiedliches zusammen: Klassik und Schlager, Oper und Musical, Stimmen und Instrumente, große Sinfonik und intime Kammermusik, Bekanntes und Unbekanntes.

Dafür, dass alles im Fluss bleibt, sorgen das glänzend aufgelegte Staatsorchester unter der Leitung des Darmstädter Generalmusikdirektors Daniel Cohen, der Staatsopernchor, der erstmals bei der konzertanten Spielzeiteröffnung dabei ist, und der Intendant des Hauses selbst. Viktor Schoner hat die Gabe, Informationen mit lockerem Entertainment zu verbinden, und so galoppiert der Abend mit heiterem Tiefsinn an der Wegstrecke entlang, die das Haus bis Juli 2026 abstecken will.

Musikalisch reicht die Riege der Gäste von Schubert über Smetana, Debussy, Tschaikowsky und Wagner bis hin zu wunderschönen mexikanischen Schmonzetten. Die Verweise auf die kommenden Opernpremieren liegen auf der Hand, und es adelt das Programm, dass man Smetanas „Moldau“ eben nicht Strauß’ Donauwalzer hinterherschickt, sondern – geografisch ebenfalls korrekt, aber viel fantasievoller – Schuberts Lied „Auf der Donau“.

Der Tenor wünscht sich viele Küsse

Die kernige Herrenfraktion des Staatsopernchors verleiht dem „Tannhäuser“-Pilgerchor sinnfällige Dramaturgie und eine theatralische Wucht, die ein paar Präzisionseinbußen bei Koordination und Intonation vergessen macht. Das Duo Steffens/Hamilton verbindet Genauigkeit mit großer Lebendigkeit. Der Tenor Oscar Encinas, neues Mitglied des Opernstudios, wünscht sich mit Feuer viele Küsse („Besame mucho“), und die Mezzosopranistin Itzeli del Rosario macht Augustín Laras „Solamente una vez“ zu einer fein durchgestalteten Bravournummer. Und unter Daniel Cohens Leitung findet das Orchester zu großer Klarheit und rhythmischem Drive – bis hin zum finalen Ohrwurm aus Bernsteins „Candide“.

Ausweg aus dem Albtraum

Dort ziehen Solistinnen und Solisten gemeinsam mit dem Chor eine Bilanz, die wie eine Selbstdefinition des Hauses wirkt: „Wir sind weder rein noch weise noch gut, wir werden unser Bestes geben und lassen unseren Garten sprießen.“ So sei’s. Die Gäste auf Viktor Schoners rotem Sofa – die Komponistin Sara Glojnarić, die Landtagspräsidentin Muhterem Aras und der Dirigent Daniel Cohen, fragen nach der Verortung von Heimat und Paradies (Glojnarić), plädieren dafür, Komplexität auszuhalten (Aras). Und der Israeli Cohen äußert die Hoffnung, dass die multikulturelle Identität seines Heimatlandes diesem helfen möge, „aus diesem Albtraum herauszufinden“. Dafür bekommt er langen, lauten Applaus.