Stuttgarts Oberbürgermeister Fritz Kuhn hält die Kosten für den Interimsbau für zu hoch. Archivf Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Nach einem Alleingang von Stuttgarts Oberbürgermeister Fritz Kuhn, der die neu errechneten Kosten von 116 Millionen Euro für die Oper in Stuttgart nicht mittragen will, hält das Land am gefundenen Interimsstandort fest und drängt auf einen zügigen Beginn der Opernsanierung.

Stuttgart - Zunächst hat das Ganze etwas von absurdem Theater. 116 Millionen Euro für eine Interimsspielstätte, die nur fünf Jahre genutzt und dann abgerissen werden soll: Das sei entschieden zu viel und nicht vermittelbar, verkündete am Mittwoch der Stuttgarter Oberbürgermeister Fritz Kuhn. Aus der Summe, die ein Gutachter für die Ertüchtigung des ehemaligen Paketpostamts am Nordbahnhof als Ausweichquartier der Oper und des Balletts während der dringend notwendigen Sanierung des Littmannbaus errechnet hätte, leitete er ab, „dass der Standort nicht geht“. Schließlich hatte man die Kosten für den Umbau der Interimsspielstätte zuvor nur auf knapp die Hälfte (55 Millionen Euro) geschätzt. Am Freitag dann äußerte sich der paritätische Mitfinanzierer der Staatstheater und des Sanierungs-Großprojekts, das Land Baden-Württemberg. „Gutachten weist Paketpostamt an der Ehmannstraße als möglichen und geeigneten Standort für eine Interimsspielstätte aus“, prangt in fetten Buchstaben zuoberst auf einer Pressemitteilung.

Das passt ja gar nicht zusammen. Nein, mehr: Das ist ein Gegenschlag – allerdings einer, der keiner sein will. Spürbar bemüht sich die Stellungnahme des Kunst- und des Finanzministeriums vor der anstehenden Verwaltungsratssitzung der Staatstheater am 18. Mai um eine Versachlichung der Debatte. „Auch wenn uns diese Kostendimension für das Interim noch einmal zum Nachdenken zwingt“, zitiert die Pressemitteilung Baden-Württembergs Wissenschaftsministerin Theresia Bauer, „- die Sanierung der Württembergischen Staatstheater duldet keinen Aufschub.“ Gisela Splett, Staatssekretärin im Finanzministerium, ergänzt: „Das Gutachten liefert uns eine wesentliche Grundlage für das weitere Vorgehen. Es zeigt auf, mit welchem Kostenrahmen wir für die Anforderungen des Staatstheaters rechnen müssen. Arbeitsplätze, Sitzplätze, Bühne, Orchestergraben – all das wird an jedem möglichen Standort einer Interimsspielstätte gebraucht.“

Das Land dringt auf Deeskalation

Marc-Oliver Hendriks, geschäftsführender Intendant der Staatstheater, ist ebenfalls auf Deeskalation bedacht: „Wir werden“, sagt er auf Nachfrage, „am kommenden Freitag im Verwaltungsrat die Sachlage im Paketpostamt genau darstellen. Wir sind der Meinung, dies ist ein sehr gut geeigneter Standort.“ Und weiter: „An einem anderen Standort, der weniger geeignet ist, würde das Interim deutlich mehr Geld kosten, denn das Paketpostamt bringt schon sehr viel Substanz mit.“

Was ist bei Fritz Kuhn passiert? Noch vor knapp zwei Monaten luden Stadt und Land zu einer denkwürdigen Pressekonferenz, deren einziger Sinn und Inhalt darin bestand, öffentlich den gemeinsamen und unumstößlichen Willen zur Sanierung des technisch wie baulich in die Jahre gekommenen, gut einhundert Jahre alten Stuttgarter Opernhauses zu bekunden. Damals stand der Stuttgarter OB in großer Einigkeit neben dem Ministerpräsidenten, der Kunstministerin und der Finanzstaatssekretärin. Kaum aber hat man jetzt konkrete Zahlen für einen Teil des Großprojektes errechnet, bekommt einer der Beteiligten kalte Füße. Lang hatte es gedauert, bis man sich auf das Postgebäude an der Ehmannstraße als Interim geeinigt hatte, nie wurde dabei die Frage nach einer Nachnutzung gestellt (die es, nebenbei, auch etwa am Eckensee, beim Finanzministerium oder am Mercedes-Benz-Museum nicht gäbe). Nun jedoch, wo eine konkrete (und hohe) Summe im Raum steht, ist Nachhaltigkeit plötzlich ein Thema. Theresia Bauer greift es auf: Es sei ihr bewusst, „dass derartige Summen eine sinnvolle Nachnutzung nahelegen. Unter diesem Aspekt könnte die Ehmannstraße allerdings ein geeigneter und attraktiver Standort für eine Interimsstätte sein.“ Vor dem Hintergrund der städtischen Zusicherung, das Gelände im Anschluss an die Interimszeit als Kompensation für vom Projekt Stuttgart 21 genutzte Flächen dem Park zuzuschlagen, wirkt Bauers Aussage allerdings problematisch.

Am Freitag diskutieren Stadt und Land im Verwaltungsrat der Staatstheater

Und was wird nun passieren? Am nächsten Freitag wird viel zu reden sein – nicht nur über mögliche Nachnutzungen. Geht es nach dem Land (und nach dem designierten Opernintendanten Viktor Schoner, der bereits für kommenden November ein Opern-Experiment im Paketpostamt geplant hat, um das Publikum schon mal ein bisschen neugierig zu machen), dann duldet die Sanierung keinen Aufschub, also auch kein erneutes Suchen. Die baulichen, räumlichen und technischen Verhältnisse im Haus sind nicht länger tragbar; dass bisher alles noch gut gegangen ist, ist ein Wunder. Außerdem, so Marc-Oliver Hendriks zu möglichen alternativen Standorten, gebe es „im Übrigen eigentlich keinen Rübenacker auf Stuttgarter Gemarkung, den wir nicht in Betracht gezogen hätten“. Neues Suchen, muss man hinzufügen, würde zwangsläufig wiederum die Gesamtkosten des Projektes erhöhen. Auch am Bau ist Zeit Geld; wer hier zu lange wartet, der muss am Ende wirklich mit Zahlen rechnen, die auch Politikern außerhalb eines angstgeprägten Vor-Wahlkampfmodus Angst bereiten.

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