Seung-Gi Jung als Simon Boccanegra, im Hintergrund der Badische Staatsopernchor Foto: Falk von Traubenberg

Am Badischen Staatstheater Karlsruhe hat David Hermann Verdis „Simone Boccanegra“ inszeniert.

Karlsruhe - Ein Tisch wird aufgebaut, eine lange Tafel mit weißem Tuch. Zwölf Männer mit langen Gewändern und wallenden Haaren nehmen hinter ihr Platz, in ihrer Mitte der Mann, den sie zu ihrem Führer machten: Simon Boccanegra, der Doge von Genua. Im zweiten Akt von Giuseppe Verdis Oper über Macht, Liebe und Intrigen im Italien der Renaissance, einem der zunächst erfolglosesten Werke des Komponisten, stellen der Regisseur David Hermann und der Bühnenbildner Christof Hetzer am Badischen Staatstheater Karlsruhe Leonardo da Vincis berühmtes Abendmahls-Gemälde nach: mit Simon als dem Messias in der Mitte und mit dem Verräter inmitten der Jünger.

„Simon Boccanegra“, 1857 auf der Basis eines Librettos von Francesco Maria Piave uraufgeführt und fast ein Vierteljahrhundert später nach Eingriffen Arrigo Boitos endlich erfolgreich auf die Bühne (der Mailänder Scala) gebracht, ist ein Stück voller kaum entwirrbarer Handlungsstränge und unwahrscheinlicher Entwicklungen – einschließlich mehrerer Namens- bzw. Identitätswechsel. Ohne die Musik wäre das Stück reine Kolportage, unglaubwürdig in seiner Erzählung, oft holzschnittartig in der Charakterzeichnung. Verdi indes haben die extremen Gefühle und Gefühlskontraste im Libretto gereizt, und die Klänge und Melodien, die er dazu erfand, gehören – zumal bei den differenziert ausgestalteten Rezitativen, bei den subtil gestalteten Übergängen zwischen den einzelnen Nummern und bei vielen charakteristischen Details der Instrumentierung – zum Kühnsten, Farbigsten und Überraschendsten, das dieser Komponist geschaffen hat. Johannes Willig, erster Kapellmeister am Badischen Staatstheater, kann Etliches im Orchester hörbar machen. Zwar kommt nicht alles im Streichersatz, zumal bei rhythmisch akzentuierten Begleitfiguren, exakt auf den Punkt. Hörbar werden aber feine Details im Bläsersatz und klangfarblich aparte Arien-Instrumentierungen, die der Zeichnung der Bühnenfiguren oder bestimmter emotionaler Situationen dienen; gut gelingt die orchestrale Unterfütterung von Verdis neuem, flüssigem Parlando-Ton, und wirkungsvoll kündigen im Falle des vom tödlichen Gift angegriffenen Titelhelden Posaunen dessen Lebensende an. Den guten musikalischen Eindruck unterfüttern vor allem Seung-Gi Jung, ein Heldenbariton, der die Zwischenlage der Titelpartie glänzend ausfüllt; dazu Rodrigo Porras Garulo als Adorno von italienischer Tenor-Eleganz, und Konstantin Gorny als rabenschwarzer, aber auch auf anrührende Weise zerrissener Fiesco. Barbara Dobrzanska braucht eine Szene Anlauf, gelangt dann aber als Amelia/Maria zu (gerade im Bereich des Leisen) sehr feinen Gestaltungsmomenten.

Traumlogik als Lösung

Die Szene indes bleibt ein Problem. Auch David Hermann, der in Karlsruhe schon „Boris Godunow“ und „Das Rheingold“ auf überzeugende, ja im Falle Wagners geradezu faszinierend neue Weise in Szene setzte, rehabilitiert den Handlungszickzack von „Simon Boccanegra“ nicht. Immerhin hat er eine Idee, die einen roten Faden hergibt: Gezeigt wird ein Politiker, dem seine Macht eine Last ist, und die Idee, dass sich diese Last ein Ventil auch in (Alp-)Träumen suchen könnte, ermöglicht eine Einbindung selbst der obskursten Handlungsstränge und -momente in die Erzählung. Auf der Drehbühne des Bühnen- und Kostümbildners Christof Hetzer wechseln Außen- und Innenschauplätze eines alten Palastes, der mit Details (Telefone an Säulen) aufs Heute verweist und dessen Zierfiguren und Fresken in den Massenszenen ebenso lebendig werden wie eine bleiche Untote (die verstorbene Gattin des Dogen). Die Einbrüche der Vergangenheit in die Gegenwart erfolgen stets in historischer Kostümierung – auch im Falle der zahlreichen Bibel-Anspielungen im Libretto, denen Hetzer etwa mit seiner Gewandung von Simones Tochter Maria als Marienerscheinung zuarbeitet.

Macht, zeigen Hermann und Hetzer, macht nicht nur einsam, sondern auch traurig, womöglich gar irre: Am Ende des dritten Aktes, nachdem Simon durch Gift zu Tode gekommen ist, sitzt Adorno, der neue Doge, in seinem Amtszimmer am Tisch und unterschreibt mechanisch ein Papier nach dem anderen – flankiert von zwei höhnisch grinsenden Männern, die eben noch seinen Vorgänger zugrunde richteten. Die Inszenierung rundet sich. „Simon Boccanegra“ mag als Stück nicht zu retten sein. Aber es ist packend und lohnend, die Gründe dafür selbst zu erleben.

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