Karsten Mewes in „Die Bassariden“ Foto: Oper Mannheim

In der Oper „Die Bassariden“, uraufgeführt 1966 in Salzburg, geht es um den Gegensatz zwischen Gefühl und Verstand. Das Stück ist nur selten auf der Bühne zu erleben, und in Mannheim wurde jetzt wirkungsvoll deutlich, dass dies gute Gründe hat.

Mannheim - Stumme Menschen, die Münder geöffnet zum tonlosen Schrei. Mit grellen Akkorden fährt Hans Werner Henzes Musik in diese Albtraum-Szenerie hinein wie Blitz und Donner zugleich. Das bunte, heutige Volk singt vom Rücktritt des Königs Kadmos, vom Amtsantritt seines Nachfolgers Pentheus – bis der Lockruf des anderen in die Bibliothek dringt, die Volker Thiele auf die Bühne des Mannheimer Nationaltheaters gestellt hat. Der Ruf ist stark. Er kommt aus dem dunklen ersten Stock des Hauses von einem Mann, der in der Vorlage zur Oper, Euripides’ „Bakchen“- Schauspiel, noch ein Halbgott gewesen ist.

Dionysos ist da. Mit ihm hat Pentheus, der Kopfmensch, einen Gegenspieler, und es entsteht: ein Drama. Vernunft und Gefühl sind die Kontraste, zwischen denen sich „Die Bassariden“ aufspannen. Unter der Oberfläche der Oper geht es außerdem um biografische Spiegelungen, in denen der Komponist sein doppeltes Außenseiter­Dasein spiegelt: als Komponist, dessen Stil viele Zeitgenossen als reaktionär verurteilten, ebenso wie als Homosexueller, der ­wegen der Restriktionen im Nachkriegsdeutschland nach Italien emigrierte.

Der Regisseur Frank Hilbrich nimmt all dies in seine Inszenierung auf. Dionysos (hier: „der Fremde“) und Pentheus sind Zwillinge: der eine ganz in Weiß, der andere ganz in Schwarz gekleidet, beide mit der gleichen Perücke, dem gleichen Seitenscheitel, beide auch Teile eines (homo-)erotischen Ganzen, das zueinander strebt. Schon auf der Bühne stellen sich einmal Pentheus und Odysseus derart hintereinander, dass man sie für eine einzige Figur mit vier Armen halten muss.

Nicht alles in Sami Bills Filmbildern ist zwingend

Am eindrucksvollsten sieht man die ­Annäherung der beiden Männer aber in einer der zahlreichen Videosequenzen, die auf den Gazevorhang des ersten Stockwerks projiziert werden: Dort oben wohnen ­Gefühl, Sinnlichkeit, Entgrenzung, die zwischen den Bücherregalen im Erdgeschoss nicht leben dürfen, und dort verwandelt sich in einem virtuosen Drehschwindel Pentheus in Dionysos und Dionysos in Pentheus.

Nicht alles in Sami Bills Filmbildern ist derart zwingend. Manches bacchanalische Begrapschen und Körperverrenken hätte nicht unbedingt sein müssen. Insgesamt aber schafft das Video eine überzeugende zweite Ebene des Un- und Unterbewussten – und macht zwingend deutlich, dass in diesem Stück nicht nur der Gegensatz zwischen Emotion und Rationalität, ja auch Eros und Thanatos verhandelt wird, sondern auch ­jener zwischen Kunst und Wirklichkeit.

Spannungen gibt es genug. Dennoch krankt Chester Kallmans und W. H. Audens Libretto immer wieder an dramaturgischen Durchhängern, die auch Frank Hilbrich nicht zu beleben weiß. Gerade in der Bibliothek gibt es lange Passagen voller abstrakter Diskurse, die das Stück unweigerlich in Richtung des Oratorischen rücken. Hier hätte man nicht nur mehr szenischen Transfer erwartet, sondern gerne auch mögliche Antworten bekommen: Wer genau ist denn nun diese lichte Figur, zu der alle hinpilgern? Was könnte inmitten der gezeigten, zerrissenen und ins Kleinbürgerliche geschrumpften Welt die Rolle der Religion sein? Warum überantwortet sich Pentheus, nachdem er sich auf der Szene als Frau geschminkt und in helle Damenrobe gehüllt hat, am Ende doch noch dem Dionysischen?

Diese Oper wirkt sehr fern

Dort wird der König, wie es die griechische Sage erzählt, von den Mänaden zerrissen, die ihn für einen Löwen halten. Wie diese nach ihrem wilden Mord am Ende zurückkommen ins Bewusstsein und ins Erdgeschoss, wie sie dort stehen mit weißen Plastiktüten in den Händen und wie sie plötzlich entdecken, dass Teile von Pentheus’ Leiche darin sind: Das allerdings ist ein starkes Bild. Es hätte noch stärker gewirkt, wenn Hilbrich außerdem noch eine Brechung jener Zeilen gelungen wäre, die der Chor im Tonfall der Bach’schen Passionen singt: „Die Götter allein sind heilig“, heißt es da, „und was sie wollen, muss sein.“ Und später: „Wir sehen nicht, wir hören nicht. Wir erkennen und beten an.“

Schwierig, schwierig. Diese Oper wirkt sehr fern, und irgendwie haften auch die 1960er noch an ihr wie eine dicke Patina. Ihre Klänge, Henzes Mahler-Ton und den süffigen spätromantischen Überschwang seiner exzellent instrumentierten Partitur kann man aber genießen – in Mannheim auch dank Rossen Gergov, der am Pult für Sinnlichkeit und Struktur sorgt, und dank starker Sänger wie Karsten Mewes als stimmlich wie darstellerisch strahlend-wendiger Pentheus, Sebastian Pilgrim als stimmschöner, profunder Kadmos und Heike Wessels als lustvolle und leidende Agaue.

Diese Oper muss vielleicht nicht sein. Aber sie kann: als Fanal einer vergangenen Schönheit oder als Ausdruck einer verzweifelt-vergeblichen Sehnsucht danach.

Nochmals am 5. und 18. November. www.nationaltheater-mannheim.de

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