Der Fußball hat Onur Kinavli dabei geholfen, dunkle Phasen zu überwinden. In seinem Verein Betonspor hütet er das Tor. Dabei sieht er kaum etwas.
Matze! Du musst in die Mitte ziehen!“, schreit Onur Kinavli aus vollem Hals übers Spielfeld. In seinem neonorangefarbenen Trikot tigert der Torwart von Betonspor auf und ab, verfolgt genau, was weiter hinten auf dem Spielfeld passiert.
Es ist Sonntagmorgen in Wendlingen. Spieltag zwei der Kleinfeldrunde der Freizeitliga im Württembergischen Fußballverband. Sechs gegen sechs. „Aufpassen! Gut!“, schreit Onur Kinavli wieder. Es ist sein erstes Match an diesem Vormittag, doch schon bald steht ihm der Schweiß auf der Stirn. Vor lauter frühsommerlicher Hitze, aber wohl auch vor Anspannung. Seine Esslinger Mannschaft liegt ein Tor vorn gegen die Rivalen aus Wolfschlugen, doch der Torwart muss in den nur zehn Minuten Spielzeit oft an den Ball. Mal nimmt er ihn im Rollen auf und gibt ihn sofort ins Spiel zurück, mal muss er zur Seite hechten, um den Ausgleich zu verhindern. Ganze achtmal ist der Keeper parat und hält seinen Kasten sauber. Ein persönlicher Topwert. Rein statistisch, so hat er es sich ausgerechnet, hält er jeden zweiten Ball. Und schon das überrascht. Denn Onur Kinavli ist fast blind.
Auf seinem linken Auge sieht er gar nichts, auf seinem rechten liegt die Sehkraft bei 12,5 Prozent. Mit einer Brille kann Onur Kinavli den Wert auf etwa 40 Prozent steigern – wenn er sie denn trägt. Vor 38 Jahren wurde er mit einer Augenkrankheit geboren, deren Name so kompliziert ist, dass er die Schreibweise beim Interview einige Tage vor dem Match vorsichtshalber im Internet nachschlägt: X-chromosomale Retinoschisis. Eine vererbbare Spaltung der Netzhaut, die nur das männliche Geschlecht betrifft. In einer Veröffentlichung der Uni Regensburg wird die Häufigkeit der Erkrankung mit eins zu 5000 bis eins zu 20 000 angegeben „Sie ist sehr, sehr selten. Jedes Mal, wenn ich im Uniklinikum in Tübingen bin, fragen sie, ob sie Studenten hinzuziehen können“, sagt Onur Kinavli und grinst.
Niederschmetternde Diagnose
Der Mann aus Ostfildern-Scharnhausen spricht offen über seine Krankheit. Darüber, warum sein linkes Auge heller aussieht als das rechte und trüb. Dann erklärt er, dass es sich um eine Verkalkung der Hornhaut handelt. Dass etwas mit den Augen nicht stimmt, wurde bei seiner Einschulung festgestellt. Der Bub konnte die unteren Zeilen beim Sehtest nicht lesen. Die Familie wurde zum Arzt geschickt – und erhielt dort die niederschmetternde Diagnose. Sein Gegenüber erkennt Onur Kinavli auf zwei Meter Entfernung nur schemenhaft. Umrisse und Farben ja, aber keine Mimik.
Auto fahren kann er so nicht. Onur Kinavli hat einen Schwerbehindertenausweis, von einer Behinderung will er dennoch nicht sprechen. „Es behindert mich nicht.“ Auch einen Blindenstock benötige er nicht. Er sehe ja. Im Alltag fällt tatsächlich kaum auf, dass er Einschränkungen hat, nur dann, wenn er etwas im Handy nachschaut und es auffallend nah vors rechte Auge hält.
Onur Kinavli ist gelernter Kaufmann im Einzelhandel. Viele Jahre hat er im Elektronikbereich gearbeitet. Seine Verkaufszahlen seien spitze gewesen. Mittlerweile ist er in der Werbeagentur seines Vaters tätig und dort vor allem für den Bereich Social Media zuständig. Über die Nikolauspflege, eine Stiftung für sehbehinderte Menschen, hat er auf Kaufmann für E-Commerce umgeschult, erzählt er. Ende Juli steht die IHK-Prüfung an.
Hauptschulabschluss in Esslingen
In die Schule sei er als Kind indes ungern gegangen, habe viel gefehlt. Sicher auch wegen der Sehschwäche, sagt er rückblickend. „In der Schule musste ich vorne sitzen, und auch da konnte ich die Tafel nicht richtig sehen“, sagt er. Er sei ein sensibles Kind gewesen. Nach dem Hauptschulabschluss in Esslingen habe er sich im Berufsvorbereitungsjahr als Jugendlicher hinter langen Haaren versteckt, mit gebücktem Gang, die lichtempfindlichen Augen auf den Boden gerichtet. Glöckner hätten manche ihn deswegen gerufen.
Heute ist Onur Kinavli selbstbewusst. Die Ausbildung habe befreiend gewirkt. Breitbeinig fläzt er auf dem grünen Ledersofa seines Arbeits- und Wohnzimmers. Vollbart, Tattoos, Silberschmuck, schwarze Markenkleidung. Onur Kinavli ist einer, dem sein Aussehen wichtig ist. Mehrmals wöchentlich treibt er Fitnesssport. Im Zimmer des Wrestling- und Kampfsportfans nehmen Sportgeräte und Hanteln viel Raum ein.
Bis vor fünf Jahren sei er dick gewesen. Das war in der dunkelsten Phase seines Lebens. Onur Kinavli, der Mann, den so viele mit den flotten Sprüchen und dem charmanten, offenen Lächeln kennen, dessen Vorname im Türkischen so viel wie Ehre, Stolz bedeutet, wird nachdenklich. 2017 sei schlimm gewesen. Scheidung nach kurzer Ehe, Jobverlust, starkes Übergewicht, Bandscheibenvorfall, Depressionen. „Ich stand auf der Brücke. Ich habe gewartet, bis die Bahn kommt“, sagt er unvermittelt. Sätze, die nachhallen.
Er ignoriert den Rat der Ärzte
Vom Suizid abgehalten habe ihn der Gedanke an seinen Verein Betonspor. An die Mannschaft, die er 2004 gemeinsam mit seinem besten Kumpel gegründet hat. In der er erst vor zwei Jahren die Kapitänsbinde abgegeben hat. In der sein Vater Trainer ist. „Wenn ich gesprungen wäre, hätte es diese Mannschaft nicht mehr gegeben“, sagt er und blickt auf ein Regal, das neben dem grünen Sofa steht. 39 Pokale finden darin Platz. Das seien längst nicht alle. Um die 60 habe der Club bereits geholt.
„Fußball ist für mich lebensnotwendig. Wenn ich mal sonntags nicht auf dem Sportplatz bin, muss es mir wirklich schlecht gehen“, sagt Onur Kinavli. Joggen, kicken, davon haben ihm die Ärzte eigentlich abgeraten, „und schon gar nicht im Tor“. Die Erschütterungen könnten die Netzhaut weiter schädigen. Diesen Rat hat er aber schon als Kind ignoriert, erst heimlich gebolzt, dann die Eltern angebettelt, im Verein spielen zu dürfen. Auch in Diskotheken soll er laut ärztlichem Rat eigentlich nicht, wegen der Lichter. Tanzen geht er trotzdem gern. Ein Leben in vollen Zügen. „Dann kann ich wenigstens sagen, ich habe etwas erlebt.“
Betonspor wurde vor 18 Jahren gegründet. Es ist ein internationaler Verein, der sich auch in der Flüchtlingsarbeit engagiert. „Ich bin ein in Berlin geborener und in Esslingen aufgewachsener Türke“, sagt Onur Kinavli lachend. Die Liebe zum Land seiner Vorfahren geht ihm buchstäblich unter die Haut. Auf dem linken Arm trägt er als Tattoo einen Ausschnitt der türkischen Landkarte plus Halbmond mit Stern, auf dem rechten Unterarm die Unterschrift Atatürks. Als die Mutter kurz auf dem Handy anruft, spricht er Türkisch mit ihr. Die Familie ist innig. Vater, Mutter, der jüngere Bruder, der wiederum zwei Kinder hat. An der Wand hängt eine große Fotocollage. Ein Geburtstagsgeschenk. Onur im weißen schicken Anzug, Onur in Siegerpose im Fußballtrikot. „Wir lieben dich sehr“, steht auf Türkisch darauf. Seni çok seviyoruz. „Meine Eltern haben sehr gelitten“, sagt Onur Kinavli über die Zeit, in der er die Diagnose Retinoschisis bekam und binnen neun Monaten als Kind dreimal operiert wurde.
Kinavli krempelt seinen Alltag um
Seine dunklen Phasen hat Onur Kinavli überwunden. Er ist Coach und Speaker, das bescheinigt ihm eine gerahmte Urkunde auf dem Schreibtisch. Außerdem hat er seinen eigenen Youtube-Kanal. Er will andere Menschen motivieren. „Ich habe kein richtiges Thema. Ich spreche über mein Leben“, sagt er, darüber, wie er seinen Alltag umgekrempelt habe. In 20 Monaten habe er damals mit Sport und gesunder Ernährung mehr als 50 Kilogramm abgenommen. „Man soll sich von niemandem etwas einreden lassen. Mir hat auch keiner zugetraut, dass ich Fußball spielen kann“, sagt er.
Seit 2020 trainiert Onur Kinavli eine C-Jugend-Mannschaft beim TV Nellingen. Dort unterstützt ihn ein Co-Trainer. Im Tor bei Betonspor ist er freilich auf sich allein gestellt. Wie er die Bälle hält, so richtig weiß er das selbst nicht. Er habe starke Reflexe und eine gute Sprungkraft, habe ihm mal ein Profitorwarttrainer attestiert. Der Rest: Intuition. Zwei Jahre hintereinander sei er zum besten Torhüter der Freizeitliga gewählt worden. Onur Kinavli sagt das mit Stolz in der Stimme. Als fast blinder Goalie hat er es mittlerweile zu gewisser Berühmtheit gebracht. Der SWR war da, das ZDF, mehrere Boulevardzeitungen aus dem In- und Ausland. Eine hat eine Partnerin für ihn gesucht. Die fehlt ihm tatsächlich zum Glück. „Jeder Mensch braucht jemanden an seiner Seite“, sagt er.
Auf der Innenseite seines linken Oberarms trägt er eine große dunkle Tätowierung. Sie zeigt sein eigenes Auge, das blinde. „Es wird irgendwann rausmüssen“, sagt er unumwunden. Dann wird er eine Prothese bekommen. Schon jetzt bereitet das Auge Probleme, doch noch ist Onur Kinavli zur Entfernung nicht bereit. Und wenn dann doch, habe er sein Auge trotzdem bei sich, als Tattoo. Es ist ein Teil von ihm. Er hadere nicht. „Es sind Tatsachen, die ich nicht verändern kann. Es wäre vergeudete Energie.“ Und wenn sich irgendwann die Sehkraft seines verbliebenen Auges doch weiter verschlechtern sollte? Onur Kinavli grinst. „Dann spiele ich Blindenfußball.“