„München muss ruhiger werden“: Gerade mal 25 Unterstützer hatte eine genervte Münchnerin, die eine Petition gegen den Lärm von Martinshörnern startete. Foto: dpa

Passanten behindern Rettungskräfte, Anwohner fühlen sich von Martinshörnern belästigt und starten eine Online-Petition. Werden wir zu einer Gesellschaft von lauter Egomanen?

Stuttgart - Kinder können ganz schön laut sein. Wer in einem Mehrfamilienhaus wohnt oder eine Kita oder einen Spielplatz in direkter Nachbarschaft hat, weiß das. Doch Kinderlärm ist nichts gegen das Tatütata eines Martinshorns.

Einer Münchnerin ist das Sirenengeheul zu viel geworden. Sie hat auf openpetition.de die Beschwerde „München muss ruhiger werden“ gestartet. Die Forderung der genervten Großstadtbewohnerin: Das Signal müsse „angemessener“ – also seltener eingesetzt werden. Auch Polizei, Feuerwehr und Notarzt müssten sich an die Ruhezeiten halten.

Die Resonanz ist bescheiden. 25 Unterstützer hat die genervte Dame bisher gewinnen können, davon 13 in München. Dafür ist sind die Netzreaktionen umso harscher: „Wie kann man so egoistisch sein?“, schreibt ein User. „Soll das ein Witz sein?“, empört sich ein anderer. „Die Sicherheit der Patienten und Notarzt-Teams geht über die Empfindlichkeiten irgendwelcher Snobs.“

Wird unsere Gesellschaft immer egoistischer?

Dass Rettungseinsätze Leben retten und im öffentlichen wie individuellen Interesse sind, steht außer Frage. Und dennoch: Die Rücksichtslosigkeit gegenüber Rettungskräften habe spürbar zugenommen, erklärt Arno Dick, Fachgruppenleiter Feuerwehr bei der Gewerkschaft Verdi. „Die verbalen Angriffe kann ich kaum noch zählen, die sind an der Tagesordnung“, berichtet auch Rettungsassistentin Kira Farnung.

Wird unsere Gesellschaft immer egoistischer? „Die Forschung bestätigt den wachsenden Egoismus, insbesondere bei jungen Menschen“, betont der Bochumer Sozialpsychologe Hans-Werner Bierhoff. „Das ist eine Entwicklung, die sich – im Vergleich zu früheren Generationen – seit den 1990er Jahren fortgesetzt hat.“

In Online-Petitionen dagegen zeigt sich die Generation „Ich-Ich-Ich“ häufig von einer anderen Seite. Statt Egotrips steht das Gemeinwohl im Vordergrund. Meist geht es um lokale Themen wie den Erhalt von Büchereien, Schwimmbädern und Gartenanlagen, zusätzliche Spielplätze und bessere Busverbindungen.

Das digitale Bürger-Begehren boomt.

Laut openpetition ist die Zahl der Unterschriften auf der Internetplattform in Deutschland von rund 2,6 Millionen im Jahr 2014 auf mehr als 3,6 Millionen 2017 gestiegen. Die Zunahme hat auch damit zu tun, dass die elektronische Spontanaufwallung so einfach ist. Mit wenigen Mausklicks kann jeder auf freien Plattformen wie openpetition.de, change.org, avaaz.org oder campact.de sein Anliegen veröffentlichen, diskutieren und unterschreiben lassen.

Hinzu kommen unzählige Blogs, Social-Media-Kanäle und E-Mail-Accounts, die zur öffentlichen Meinungsvielfalt aufrufen. Nach Ansicht von openpetition-Gründer Jörg Mitzlaff geht es Initiatoren und Unterstützern von Online-Petitionen vor allem darum sich kurzfristig Gehör verschaffen. Und wohl oft auch ihrem Ärger Luft zu machen

Kommunale Interessen überwiegen

Die meisten Anliegen spiegeln reale Sorgen und Wünsche der Bürger im Land wieder. So werden ein kommunales Wildtierverbot im Zirkus und die Zulassung elektrischer Skateboards, ein Hundespielplatz oder Standklimaanlagen in allen Lkws gefordert.

Aber auch um das große Ganze geht es – wie die „Aufhebung des Glühbirnenverbots“ (25 126 Unterstützer), ein Ende des „Renten-Sinkflugs“ (80 203), „Menschenrechte vor Profit“ (31 469) oder den „Schutz für stillende Mütter in der Öffentlichkeit“ (23 925).

„Drei Möhren“ statt „Drei Mohren“

Mitunter sind die Petitionen einfach nur abstrus. So fordern Aktivisten von Amnesty International auf openpetiton.de, dass das Augsburger Traditionshotel „Drei Mohren“ wegen postkolonialistischer Diskriminierung in „Drei Möhren“ umbenannt werden müsse (433 Unterstützer).

Auf openpetition.de wird „für den Erhalt von Berührungsangeboten und Selbstbestimmung – Finger Weg von sinnlichen Massagen!“ (1455 Unterstützer) geworben. Auf der Petitions-Webseite des Bundestages (epetitionen.bundestag.de) verlangte ein Petent, dass exhibitionistische Handlungen von Frauen geahndet werden sollten. Blank ziehende Männer allein zu bestrafen verstoße gegen das Gleichheitsgebot.

Direkte Folgen? Fehlanzeige

Nur die wenigsten Petitionen haben direkte Folgen, geschweige denn bewirken sie einen gesellschaftlichen Wandel. Die meisten verschwinden im digitalen Nirwana. „Wenn man sich die Plattformen anschaut, dann stellt man fest, dass ein Großteil der Petitionen kaum Unterstützer hat und wahrscheinlich auch wirkungslos bleibt“, sagt die Hamburger Politikwissenschaftlerin und Expertin für Online-Kommunikation Kathrin Voss.

Kinderlärm gehört zu den Themen, bei denen vielen die Galle hochkommt. Umso überraschender, dass dieser Dauerbrenner in der analogen Welt bei Online-Petitionen keine Rolle spielt. Die Netzgemeinde akzeptiert wohl, dass Krach für die Entwicklung normal ist und bei Kinderlärm eine „erweiterte Toleranzgrenze“ (Deutscher Mieterbund) angebracht ist. Wie hat es ein Düsseldorfer Richter formuliert: ‚Ein Mehrfamilienhaus ist kein Kloster, Kinder können nicht wie junge Hunde an die Kette gelegt werden.‘“

Beispiele für Online-Petitionen

Juni 2017: 12 200 Unterschriften konnten die Fans einer Petition für eine „Äffle und Pferdle“-Ampel in Stuttgart der Stadt übergeben. Dennoch blieb Sozialbürgermeister Werner Wölfle im Namen der Stadt bei dem Nein zu den Zeichentrick-Kultfiguren aus dem SWR-Fernsehen. Aus juristischen Gründen, hieß es zur Begründung.

März 2018: 5815 Unterstützer hatte eine Online-Petition des Frankfurter Stadtelternbeirats und des Stadtschülerinnenrats „für ausreichend saubere und sanierte Toiletten in jeder Schule“. Der Magistrat der Stadt sagte daraufhin bis 2021 fünf Millionen Euro für die Sanierung der WCs zu.

April 2018: 291 842 Personen unterstützten die Petition, dass der Kampfhund Hund Chico nach der tödlichen Attacke auf zwei Menschen in Hannover nicht eingeschläfert werden sollte. „Bitte lasst Chico leben! Er hatte nie ein gutes Hundeleben!“. Die Veterinärbehörde ließ den Staffordshire-Terrier-Mischling dennoch töten.

April/Mai 2018: 36 358 Personen unterzeichneten die Petition „Englisch Abitur 2018 Baden-Württemberg unfair!“ Wie die betroffenen Gymnasiasten waren sie der Meinung, dass die Sprachenprüfung „enorm schwierig“ gewesen sei. Das Kultusministerium hielt trotzdem an den Noten fest.

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