Kommerz-Kritiker Claus Vogt: Stadionatmosphäre im Besprechungszimmer Foto: Baumann

Claus Vogt zählt nicht zu den Puristen, die das Geld im Profifußball verteufeln. Der Fan des VfB Stuttgart fürchtet aber die zunehmende Macht des Kapitals. Darum initiierte er eine Online-Petition wider den Kommerz.

Stuttgart - Eigentlich sollte sich ein Ticket kaufen, wer ihn besuchen will. Denn Claus Vogt (47) hat aus seiner Firma so etwas wie ein Fußballstadion gemacht. Der grasgrüne Teppichboden führt am Tischkicker vorbei ins Besprechungszimmer – mit Reliquien aus den besseren Zeiten des VfB Stuttgart. Aus Lautsprechern über der Tür tönt die Radio-Livereportage von 1992 aus Leverkusen: der Glücksmoment, als Guido Buchwald den VfB zur Meisterschaft köpfte. Wer will, kann es sich auf den Klappsesseln der alten ­Cannstatter Kurve bequem machen. An den Wänden zeugen Trikots, Mützen, Wimpel und Fotos von der Leidenschaft des Unternehmers. Fehlt eigentlich nur noch, dass seine 50 Mitarbeiter wie Spieler ins Chefbüro stürzen: „Trainer, es gibt da ein Problem!“

Die Fan-Fair-Play-Petition

Doch so sehr der Vorsitzende der Geschäftsführung bei der Böblinger Intesia Group seine eigene kleine und heile Fußballwelt genießt, so sehr sorgen ihn die Zustände im Zirkusunternehmen Bundesliga. Claus Vogt sagt, was inzwischen viele Kritiker ­sagen: „Fußball ist mehr als Millionentransfers, Merchandising und Sponsoring.“ Aber Vogt nörgelt nicht nur, er tut auch was ­dagegen. Seine Fan-Fair-Play-Petition im Web richtet sich gegen die überbordende Kommerzialisierung im Fußball. Weshalb ihn die Frage nicht überrascht: Führt er sein kleines Imperium im Facility Management vielleicht wie die Caritas?

Er schüttelt den Kopf, hebt wie ein Torwart abwehrend die Hände. „Natürlich geht es auch in der Immobilienbewirtschaftung um Gewinnoptimierung, aber eben nicht ausschließlich um Profitmaximierung.“ Um es mit Paracelsus zu sagen: Allein die Dosis macht, dass ein Ding kein Gift ist.

Claus Vogt ist kein selbstverliebter Fußballromantiker, kein puritanischer Ultra, der die Zeichen der Zeit verkennt. Er kauft sich und seinen drei Kindern auch mal ein Trikot, er reist mit dem VfB zu Auswärtsspielen, und seine Kunden wissen es zu schätzen, wenn sie auf den Business-Seats im Mercedes-Benz-Stadion den Luxus des Umworbenen genießen. Er selber steht mit Kindern oder Freunden lieber in der Cannstatter Kurve: Block 33 A, Reihe eins, Platz 1 bis 3. Vogt sagt: „Das alles ist ja völlig okay, Kommerz gehört zum Geschäft.“ Er beklagt aber, dass sich die Grenzen verschoben ­haben: weg von den Bedürfnissen der Fans, hin zu den Erfordernissen des Big Business, des großen Geschäfts. „Wir verlieren Maß und Ziel aus den Augen.“

Besser machen statt besser wissen

Er nennt sich „fußballverrückt“, will allerdings nicht zu den gehören, die alles besser wissen. „Mein Vater hat immer gesagt: Von den Besserwissern gibt es genug. Sei ein Bessermacher!“ Daran hat er sich gehalten. Auch, weil der Chef seine beiden Jungs ­immer mit ins Stadion genommen hat, wenn die Stars mit dem roten Brustring kickten. Noch heute weht das VfB-Banner auf dem Haus im Waldenbucher Ortsteil Glashütte, hoch oben und weithin sichtbar. Vogt will die Uhren nicht zurückdrehen, aber ein bisschen mehr von der Faszination dürfte es schon sein, die Sepp Herberger einst so beschrieben hat: „Zum Fußball gehen die Menschen, weil niemand weiß, wie es ausgeht.“

Vogt kritisiert, dass man inzwischen eben viel zu oft weiß, wie es ausgeht. „Der FC Bayern wird Meister. Dahinter kommen Dortmund, Leverkusen, eventuell noch Wolfsburg. Demnächst vielleicht auch Leipzig und Hoffenheim. Auf lange Sicht spielen dann doch immer die gleichen Teams in der Champions League.“ Die machen dann die Kasse, mit der sie den anderen die Preise und die Chancen verderben. So entsteht ein Kreislauf aus Macht und Moneten: in dem die großen Vereine immer reicher werden, die kleinen immer ärmer. Das Regiment des Fernsehens, gesplittete Spieltage und steigende Eintrittspreise machen Fußball zum Exklusivereignis. Und der Fan ist nur noch Teil der Karnevalsabteilung.

Mehr Fans in die Vereinsgremien

„Das viele Geld macht den Wettbewerb kaputt“, ärgert sich Claus Vogt, „aber Fußball ist Teil unserer Kultur. Und deshalb schützenswert.“ Weil er den Mächtigen des Kartells so viel Einsicht nicht zutraut, hat er die Petition wider den übertriebenen Kommerz ins Netz gestellt. Das Ziel: Jeder Verein soll verpflichtet werden, im obersten Clubgremium mindestens einen Fanvertreter zu platzieren. „Damit wir die Haltung der Fans mit einbringen können.“

Claus Vogt ahnt, dass deshalb die Welt nicht stillstehen wird, aber er hegt die Hoffnung, dass 30 000 oder 40 000 Gleichgesinnte die Petition unterschreiben. Damit ließe sich dann Eindruck bei der Politik machen. „Und vielleicht“, sagt Vogt, „beschäftigt das Thema dann irgendwann sogar den Bundestag.“ Seine Taktik ist kühn, aber der Hobbyfußballer Vogt weiß aus Erfahrung: Frechheit siegt.

VfB Stuttgart - 2. Bundesliga

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