So sieht das Wappen des Stuttgarter Stadtbezirks Möhringen aus – mehrere Tausend Unterzeichner einer Online-Petition stören sich daran. Foto: Ulrich Gohl

Das Möhringer Stadtwappen zeigt vier Symbole. Eines davon, so ist es auf der Webseite des Stadtteils zu lesen, ist der „Kopf eines Mohren“. Nun wurde eine Online-Petition gestartet – mit der Aufforderung, das Wappen abzuändern.

Stuttgart - In Zeiten weltweiter Black-Lives-Matter-Demos gerät das Möhringer Stadtwappen in die Kritik. Es bildet in klischeehafter Weise eine Schwarze ab – mit dicken roten Lippen, krausem Haar und überdimensionierten Ohrringen. Das hat offenbar dazu geführt, dass seit Mittwoch eine Online-Petition auf der nach eigenen Angaben weltweit größten Kampagnenplattform change.org läuft, die die Abänderung des Stadtwappens bewirken will. Die Möhringer Bezirksvorsteherin Evelyn Weis will so einen Schritt nicht überhasten.

Okan Alaca, der die Petition aufgesetzt hat, und seine Mitstreiter richten diese Forderung an die Bezirksvorsteherin Weis und an die Stadt Stuttgart und wollen neben der sofortigen Abänderung des Möhringer Stadtwappens ein klares Zeichen gegen Rassismus setzen. Das Möhringer Ortswappen, so ist es auf der Webseite des Stadtbezirks zu lesen, zeigt neben einem zerbrochenen Rad, einer dreilatzigen Fahne und fünf schwarzen Kreisen auch den „Kopf eines Mohren“, wie die streitbare Darstellung dort beschrieben ist.

Bereits knapp 2800 Unterzeichner

„In Anbetracht des laufenden Diskurses über systematische Verharmlosung rassistischen Gedankenguts und dessen visuelle Abbildung, wende ich mich an die Stadt Stuttgart, um mit sofortiger Wirkung eine Änderung des Stadtteilwappens für Stuttgart-Möhringen vorzunehmen“, schreibt Alaca in der Petition, die bis Freitagnachmittag knapp 2800 Mal unterzeichnet wurde.

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„Die Bezeichnung ‚Mohr’ und die groteske Skizzierung des ‚Mohrenkopfs’ (oftmals als Diener abgebildet) stammt aus der deutschen Kolonialzeit und hat eine klare rassistische Konnotation“, so Alaca weiter. Wegen der „menschenverachtenden Anmaßung, Schwarze Menschen im historischen Kontext abwertend darzustellen“, sei dieses nicht als Stadtteilwappen geeignet und gehöre abgeschafft.

Bezirksvorsteherin Weis distanziert sich von Rassismus

Möhringens Bezirksvorsteherin Weis zeigt nur teilweise Verständnis für die Petition. „In der aktuellen Situation kann ich den Unmut beziehungsweise das Unverständnis über das Wappen selbstverständlich nachvollziehen. Ich verwehre mich aber dagegen, die Inhalte des Wappens von Möhringen auf eine Stufe mit den menschenverachtenden Vorkommnissen in den USA zu stellen“, sagt Weis, „wir sind aufgeschlossen gegenüber unterschiedlichen Meinungen, interessiert, diskussionsbereit und weltoffen.“ In keiner Weise seien die Möhringer aber diskriminierend, sondern betrachteten alle Menschen als gleichberechtigt, ungeachtet der Herkunft, des Geschlechtes, der Hautfarbe, der körperlichen Merkmale oder sonstiger möglicher Unterscheidungskriterien. „Wir differenzieren nicht nach Gruppen, sondern sehen nur den Menschen“, sagt Weis.

Dies sei auch der Grund, weshalb sich in Möhringen angesichts der aktuellen gesellschaftlichen Diskussionen – noch vor Bekanntwerden der Online-Petition – die Arbeitsgruppe „Stadtwappen“ gebildet habe. Die AG bestehe aus Mitgliedern des Bezirksbeirats Möhringen und setzt sich kritisch und ergebnisoffen mit dem Wappen auseinander, so Weis. Dazu würden, soweit möglich, die Entstehung und Entwicklung des Wappens recherchiert und das weitere Vorgehen besprochen. Bevor jedoch ein abschließendes Urteil gebildet werden könne, müsse zuerst der geschichtliche Hintergrund eruiert werden. „Bei dem gesamten Prozess sollen auch die Einwohnerinnen und Einwohner von Möhringen mitgenommen werden. Denn diese identifizieren sich mit ihrem Stadtteil“, sagt Weis.

Wappenteil durch Möhre ersetzen

Ersten Erkenntnissen und Vermutungen zufolge sei das Wappen, genauer dessen Inhalt, jedoch historisch entstanden und habe nichts mit Rassismus zu tun. „Bei dem Möhringer Stadtwappen handelt es sich um ein sogenanntes sprechendes Wappenbild“, sagt Weis, „das heißt, es nutzt die Lautsprache – sodass es auch für Menschen zugänglich ist, die nicht lesen und schreiben können“. Das Bild des „Mohren“ werde dabei als Bild für Möhringen genutzt. „Zurückzuführen ist es wohl auf den alemannischen Sippennamen ‚Moro’. Genaueres wird aber aktuell recherchiert“, sagt Weis.

Den Alternativvorschlag der Petenten jedenfalls lassen jene ersten Erkenntnisse durchaus plausibel erscheinen. Denn Okan Alaca schlägt vor, das Wappenteil beispielsweise durch eine Möhre zu ersetzen, da diese genau so wenig mit der Wortherkunft Möhringens zu tun habe wie Schwarze.

Die Darstellung vergleichbarer Stereotypen war in Stuttgart auch in der Vergangenheit schon häufiger Bestand von Diskussionen. So fiel etwa Anfang 2020 der Entschluss, dass die Schausteller auf dem Cannstatter Wasen sich künftig vertraglich verpflichten müssen, auf diskriminierende Werbung und diskriminierende Gestaltungsmerkmale ihrer Fahrgeschäfte zu verzichten.

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