Der deutsche Biathlet Erik Lesser kritisiert das IOC. Foto: dpa/Sven Hoppe

Ist Schweigen Gold? Bei den Olympischen Spielen stellt sich vielen Athleten die Frage, was passiert, wenn sie offen ihre Meinung aussprechen.

Peking - Es geht los! An diesem Freitag werden in Peking die Olympischen Winterspiele eröffnet. Danach geht es nicht mehr um Menschenrechte, Meinungsfreiheit oder die Misere mit dem Coronavirus, sondern um den Sport – hoffen zumindest das Internationale Olympische Komitee (IOC) und die chinesischen Gastgeber. Aber ist das wirklich so? Das wird auch von den Athletinnen und Athleten abhängen. Sie befinden sich auf heikler Mission.

 

Klar, in erster Linie geht es für sie um Medaillen. Aber ganz nebenbei auch um die Frage, wie kritisch sie sich äußern können – egal zu welchem Thema. Ist nur Schweigen Gold?

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Das Problem: Auf diese Frage gibt es bislang keine Antwort. Der Praxistest steht noch aus, und die Regeln sind alles andere als eindeutig. Klar ist lediglich, dass bei den Zeremonien (Eröffnungsfeier, Siegerehrungen, Schlussfeier) und während der Wettkämpfe Protestbekundungen und -aktionen verboten sind. Ansonsten gilt die Drohung zu beachten, die Yang Shu, Mitglied des chinesischen Olympiakomitees in zwei ebenso vage wie brisante Sätze verpackte: „Jede Äußerung, die sich mit dem olympischen Geist deckt, wird geschützt sein. Jedes Verhalten oder Äußerungen, die sich dagegen richten, können mit einer bestimmten Bestrafung geahndet werden, insbesondere wenn sie chinesische Gesetze oder Regeln verletzen.“

Die Reaktion des Vereins Athleten Deutschland folgte prompt. „Die Meinungsfreiheit ist nicht gewährleistet“, erklärte Maximilian Klein, der Beauftragte für internationale Sportpolitik. Es sei zu befürchten, „dass Meinungsäußerungen bei den Spielen mit Repressalien und Nachteilen beantwortet werden“. Weshalb zahlreiche Mitglieder des Team D ihre Haltung vor dem Abflug verdeutlicht haben – die folgende Auswahl erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit.

Erik Lesser, Biathlet

„Wir Sportler müssen jetzt das ausbaden, was das IOC nicht hinbekommen hat. Wir stehen da und müssen uns rechtfertigen für Winterspiele in einem Land, in dem Menschenrechte verletzt werden – was IOC-Präsident Thomas Bach nicht schafft.“

Claudia Pechstein, Eisschnellläuferin

„Bei Olympischen Spielen geht es seit vielen Jahren nicht mehr um den Sport, sondern um Politik. Man sollte die Sportler mitreden oder mitwählen lassen, an welchen Ort Olympische Spiele vergeben werden. Dann wird Wintersport auch dort stattfinden, wo ein Wintersportort ist. Alles andere ist doch absurd.“

Felix Loch, Rodler

„Für die Sportler, die das erste Mal bei Winterspielen sind, tut es mir leid. Man hätte sich gar nicht für Peking entscheiden dürfen. Der politische Boykott ist definitiv richtig.“

Moritz Müller, Eishockeyspieler

„Ich reise als Eishockeyspieler da hin, nicht als Außenministerin Annalena Baerbock. Die Boykott-Diskussionen finde ich zu großen Teilen heuchlerisch. Von uns Athleten wird ein Boykott erwartet – und das von Leuten, die nicht auf ihr Smartphone oder ihre Sneaker, die made in China sind, verzichten wollen.“

Johannes Rydzek, Kombinierer

„Bei der Vergabe von Olympischen Spielen steht einfach nicht der Sport im Fokus. Es geht vor allem um politische und wirtschaftliche Interessen.“

Klare Worte. Offen ist allerdings, was Lesser, Pechstein oder Müller und die anderen Olympiastarter tun werden, wenn sie während der Spiele nach ihrer Haltung oder ihrer Meinung zu kritikwürdigen Themen gefragt werden. Den Mund halten? Sich auf die Zunge beißen? Wegschauen? „Sich frei zu äußern ist auf jeden Fall ein Risiko“, sagt Karla Borger, Präsidentin von Athleten Deutschland, „ich würde es nicht tun.“

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Der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) hat zwar angekündigt, sich in jedem Fall schützend vor seine Athletinnen und Athleten zu stellen. Zugleich riet aber auch Dirk Schimmelpfennig, der Chef de Mission, zur Vorsicht: „Wir gehen davon aus, dass sich unsere gut informierten und gut beratenen Athleten in Peking intelligent und geschickt verhalten werden.“ Er hätte auch sagen können: Solange die Wettkämpfe laufen, ist es besser, sich auf den Sport zu konzentrieren. Auch wenn es genau das ist, worauf die Olympiamacher hoffen.