Olympia-Hoffnungen aus der Region Stuttgart (von links nach rechts): Michael Jung, Franziska Brauße, Laura Siegemund (oben), Darja Varfolomeev und Leo Neugebauer Foto: imago/IPA Sport, Hasenkopf, Lee, Lafrentz, Mill

Aus der Region Stuttgart sind viele Athletinnen und Athleten bei den Olympischen Spielen in Paris vertreten. Einigen ist auch Großes zuzutrauen in Frankreich. Fünf davon stellen wir vor.

Zur großen deutschen Olympia-Mannschaft in Paris gehören auch etliche Athletinnen und Athletinnen aus der Region Stuttgart, wobei es eine nicht ganz unwichtige Besonderheit gibt: Diesmal stehen im Team D so viele Gold-Hoffnungen aus Württemberg wie nie zuvor bei Sommerspielen. Wir stellen die prominentesten Gesichter vor – darunter eine Olympiasiegerin und einen Olympiasieger, der schon dreimal ganz oben auf dem Podest stand.

 

Vielseitigkeitsreiten: Michael Jung

Nicht wenige Leute, die sich im Pferdesport auskennen, halten Michael Jung für den besten Reiter der Welt. Er selbst würde das über sich natürlich niemals sagen, dafür ist er viel zu bescheiden. Der 41-Jährige aus Horb lässt lieber Taten sprechen. Als erster Vielseitigkeitsreiter überhaupt könnte Michael Jung in Paris das dritte Olympia-Einzelgold gewinnen, nach London 2012 (dort siegte er auch noch mit dem deutschen Team) und Rio de Janeiro 2016 (als er zudem noch Silber mit der Mannschaft holte). Es wäre die Krönung seiner eindrucksvollen Karriere – und eine kleine Wiedergutmachung für die verpatzten Olympischen Spiele in Tokio. Auch 2021 lag der Favorit auf Gold-Kurs, kassierte dann aber im Geländeritt einen höchst unglücklichen Fehler, der mehr an der Konstruktion des Hindernisses lag als an ihm und seinem Pferd, die Medaille war allerdings trotzdem weg – daran änderte auch ein durch das deutsche Team eingereichter Protest nichts. Die Motivation von Michael Jung hat dieses Missgeschick noch gesteigert, auf Chipmunk peilt der dreimalige Welt- und siebenmalige Europameister nun in Paris erneut das Podest an, in der ihm eigenen Zurückhaltung. „Im Sattel muss man sich aufs Reiten konzentrieren“, sagt er, „da zählen keine Statistiken.“

Bahnvierer: Franziska Brauße

Die Bahnradfahrerin hat nicht viele Schwächen, eine davon ist, dass sie nur ganz schwer „nein“ sagen kann. Weil sie als erfolgreiche Sportlerin nicht nur bei Medienvertretern ziemlich gefragt ist, führt das zwangsläufig zu einem Kalender, der gut gefüllt ist mit Terminen von Veranstaltungen für den guten Zweck. Umso wichtiger war für Franziska Brauße (25), rechtzeitig die Kurve zu bekommen, auch bei sozialen Veranstaltungen zumindest hin und wieder die Bremse zu ziehen – um mit vollem Fokus auf Paris zusteuern zu können. Denn: „Wer einmal Olympiasiegerin geworden ist, der will das unbedingt noch einmal erleben.“ 2021 sicherte sich die Athletin aus Eningen mit dem Bahnvierer nicht nur Gold in Tokio, das Quartett gewann auch bei der WM, der EM und der Wahl zur Mannschaft des Jahres in Deutschland.

Seither ist die Verantwortung von Franziska Brauße noch einmal gestiegen. Weil Lisa Brennauer ihre Karriere beendet hat, ist sie der neue Motor des Vierers. Und das nicht nur, weil sie zu den besten Zeitfahrerinnen der Welt auf der Bahn gehört (sie holte WM-Gold 2022 in der Einerverfolgung), sondern weil sie auch außerhalb des Ovals eine echte Führungsfigur ist – die zur nächsten Olympia-Medaille ganz sicher nicht „nein“ sagen würde.

Rhythmische Sportgymnastik: Darja Varfolomeev

Es ist acht Jahre her, in Sibirien war es spät am Abend, als Darja Varfolomeev mit ihrer Mutter vor dem TV-Gerät saß. Sie schauten sich die Übertragung der Olympischen Spiele in Rio de Janeiro an, es lief das olympische Finale in der Rhythmischen Sportgymnastik, und die damals Neunjährige begann zu träumen – davon, wie sie selbst einmal auf dieser Bühne steht, ihr Können zeigt, um Medaillen kämpft. Nun wird dieser Traum Realität, was das Ergebnis großen Talents, harter Arbeit und unbeugsamen Willens ist. Allerdings trägt Darja Varfolomeev (17), die am Stützpunkt in Schmiden trainiert, eine Bürde mit sich herum, die aus fünf goldenen Plaketten besteht.

Bei der WM 2023 gelang der Supergymnastin einfach alles: Sie holte sämtliche fünf Einzeltitel (Mehrkampf, Ball, Keulen, Band, Reifen) und wird seither an diesem Megaerfolg gemessen. Bei der EM 2024 war sie nicht mehr ganz so überlegen, gewann Gold mit dem Band und Bronze im Mehrkampf. In Paris hat sie nur eine Chance, denn olympisch ist lediglich der Mehrkampf. Darja Varfolomeev gehört in diesem Wettbewerb fraglos zu den Favoritinnen. Der Rest? Soll einfach nur traumhaft werden.

Zehnkampf: Leo Neugebauer

Am 2. und 3. August wird im Stade de France der Leichtathletik-König gekürt, der erstmals vom VfB Stuttgart kommen könnte – denn der Favorit heißt Leo Neugebauer. Das liegt an den großen Qualitäten des Zehnkämpfers, aber auch an ein paar nicht ganz unwichtigen Zahlen. Vor sechseinhalb Wochen absolvierte Neugebauer (24) den bisher besten Wettkampf seiner Karriere. Bei den US-College-Meisterschaften in Eugene kam der Mann aus Leinfelden-Echterdingen, der in Austin/Texas studiert hat, auf herausragende 8961 Punkte. Damit führt Leo Neugebauer die Weltjahresbestenliste vor dem Esten Johannes Erm an, der eine Woche später bei der EM mit 8764 Zählern den Titel gewann. Allerdings hat der VfB-Star schon selbst erlebt, dass vergangene Leistungen nichts zählen, wenn es um Medaillen geht. Auch bei der WM 2023 in Budapest startete Leo Neugebauer als Saisonbester und führte nach Tag eins deutlich, am Ende aber wurde er Fünfter. Für ihn spricht, dass er bei seiner ersten großen Meisterschaft enorm viele Erfahrungen gesammelt hat. Er weiß nun, wie es ist, sich im Feld der weltbesten Zehnkämpfer zu bewegen. Und was nötig ist, um am Ende auf dem Podest zu stehen. Zuzutrauen ist ihm folglich alles. „Wo meine Grenzen sind“, pflegt er zu sagen, „das weiß ich selbst noch nicht.“

Tennis: Laura Siegemund

Die erfolgreiche Tennisspielerin hat vor zwei Jahren ein Buch veröffentlicht. Es heißt „Wild Card“ und gibt Tipps, wie mentale Herausforderungen im Spitzensport, aber auch in anderen Bereichen des Lebens gemeistert werden können. Dass sie für diese Frage tatsächlich eine Expertin ist, hat Laura Siegemund (36) oft genug bewiesen. Sie kommt zwar mittlerweile auf ein gewonnenes Preisgeld von rund 5,5 Millionen Euro, doch ihre Karriere auf den Tennisplätzen dieser Welt war ein stetes Auf und Ab – es stellten sich immer wieder neue Aufgaben. Ihre größten Erfolge feierte die Doppelspezialistin, die in Stuttgart wohnt, stets im Team. Die Sechstplatzierte in der Doppel-Weltrangliste gewann drei Grand-Slam-Titel: bei den US Open 2016 in New York und zuletzt den French Open 2024 in Paris im Mixed, dazu noch 2020 bei den US Open im Doppel. Kein Wunder, dass sie auch für die Sommerspiele in Paris eine gefragte Partnerin ist – und Deutschland seine wohl stärksten möglichen Tennis-Paarungen aufbietet: Im Mixed geht Laura Siegemund mit Einzel-Olympiasieger Alexander Zverev an den Start, im Doppel mit Angelique Kerber. In beiden Konkurrenzen ist eine Medaille sicherlich möglich. Und danach ja vielleicht das nächste Buch fällig. Schließlich gibt es keine größere Herausforderung als Olympische Spiele.