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Bei den Olympischen Spielen in Vancouver genießt Curling eine ungewohnte Popularität.  

Vancouver -  Es gibt Sportarten, für die sich normalerweise kein Mensch interessiert. Aber alle vier Jahre, bei den Olympischen Spielen, schlägt ihre große Stunde. Dann überträgt das Fernsehen Curling - wenn's sein muss, auch stundenlang.

Das Urteil der US-Presse über die Sportart Curling bei den Olympischen Spielen vor acht Jahren war vernichtend. "Klingt blöd, sieht blöd aus, ist blöd"" titelte die "Salt Lake Tribune". Und auch bei einem Kolumnisten von "US-Today" stieß das Geschiebe und Geschrubbe mit den Steinen nicht gerade auf eine Woge der Begeisterung: "Lieber schaue ich um Mitternacht den Angestellten meines Supermarkts zu, wenn sie den Boden wischen."

Die Forderung der Journalisten an den damaligen IOC-Präsidenten Juan Antonio Samaranch, der Curling 1998 olympisch machte: Nehmt die flotten Feger sofort wieder aus dem Programm. Diese Statements waren natürlich ziemlich schlicht, aber irgendwie nachvollziehbar. Verbannt in eine Einöde namens Ogden fanden 2002 die Curling-Wettbewerbe statt, weshalb auch kaum Karten verkauft wurden.

In Deutschland dagegen waren die Zuschauer fasziniert: Rund acht Millionen verfolgten vor dem Fernseher das Spiel mit den 19,96 Kilogramm schweren Steinen. Wegen der Zeitverschiebung zur besten Sendezeit, allerdings muss man fairerweise zugeben, dass keine anderen Wettbewerbe stattfanden. Auch bei Olympia in Turin, vier Jahre später, versteckten die Organisatoren die Curler in der Provinz. Pinerolo hieß der Ort, und außer ein paar verrückten Japanern und Schulkindern, die Freikarten geschenkt bekommen hatten, saß kaum jemand auf den Tribünen.

In Vancouver jedoch bekommen die Curlingspieler nun endlich die lang ersehnte Aufmerksamkeit. In einer schönen Halle nahe der Innenstadt kämpfen die Teams um Medaillen. Und das vor einem fachkundigen Publikum. Kein Wunder: Mehr als 800.000 Kanadier beherrschen selbst das Spiel, das sich dem Laien allerdings nur schwer erschließt. Curling ist ein Art Boccia auf Eis. Man kann es auch ein wenig mit Schach vergleichen. Eine Mannschaft besteht aus vier Spielern, die versuchen jeweils acht Steine auf einer 44,5 Meter langen und 4,75 Meter breiten Eisbahn möglichst nahe in einen dreifarbigen Zielkreis zu bugsieren. Der Gegner sollte dies natürlich mit seinen Steinen verhindern. Und nun kommt der Besen zum Einsatz. Er reguliert die Geschwindigkeit des kleinen runden Klotzes. Wer sein Spielgerät näher in den Mittelpunkt schiebt als der Gegner, bekommt einen Punkt.

Die Kanadier sind absolute Meister im Umgang mit Stein und Schrubber und können sich auf die Unterstützung ihrer Fans verlassen. Fast jeder Wettbewerb ist ausverkauft, auf den Rängen wird ordentlich Rambazamba veranstaltet. Musik spielt auf, die La-Ola-Welle tobt durchs Olympic Centre. "Wahnsinn. Hier sind 5000 Menschen in der Halle. So etwas wäre bei uns unvorstellbar. Bei uns schauen nur die Familie und ein paar Freunde zu", sagt Stella Heiß begeistert. Die erst 17 Jahre alte Nationalspielerin ist die Tochter des früheren Eishockey-Nationaltorhüters Peppi Heiß, und man kann sie durchaus als eine Exotin bezeichnen.

Denn der Curling-Sport in Deutschland hat kaum Nachwuchs. Und wenn Andrea Schöpp, die mit Abstand erfolgreichste Curlerin, ihre Karriere beenden sollte, sieht es ganz düster aus um diese Sportart. "Würde ich jetzt aufhören - mir wird himmelangst. Es sind nur ganz wenige junge Spielerinnen da, es kommt nichts nach", sagt die 44-Jährige vom SC Riessersee.

Ein erfolgreiches Abschneiden in Vancouver wäre daher sicherlich hilfreich, Curling wieder mehr in den Fokus der Öffentlichkeit zu rücken. Danach sieht es aber nicht aus. Die deutsche Damen-Mannschaft ist mit zwei Niederlagen gegen Kanada und Großbritannien gestartet. Die Männer machten es besser und gewannen knapp mit 7:6 gegen die Schweiz. Und bekamen dafür vor ausverkauftem Haus donnernden Applaus. Ein schönes Gefühl, das sie sicher öfter genießen würden.

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