Lucas Lazogianis aus Stuttgart-Weilimdorf reist derzeit durch Florida – und anschließend direkt zur Olympia-Vorbereitung. In Paris geht es um die nächste Überraschung.
Lucas Lazogianis ist 23 Jahre alt, zu jung, um diese unglaubliche Geschichte zu kennen. Das Fußball-Nationalteam Dänemarks rückte 1992 kurzfristig für die wegen des Balkankriegs gesperrte jugoslawische Mannschaft nach, wollte sich lediglich nicht blamieren und gewann am Ende, obwohl viele Spieler direkt aus dem Urlaub angereist waren, sensationell den EM-Titel. Nach dem 2:0 im Finale gegen Weltmeister Deutschland sangen die Sieger: „We are red, we are white, we are Danish dynamite!“
Ob auch Lucas Lazogianis in vier Wochen ein Feuerwerk zündet? Im Sport, das haben die Dänen bewiesen, ist alles möglich. Und zumindest die Ausgangslage gleicht sich: Sollte Lucas Lazogianis bei den Olympischen Spielen in Paris eine ähnliche Überraschung gelingen, hätte auch seine Geschichte im Urlaub begonnen.
Akkus aufladen in Florida
Nach einem anstrengenden ersten Halbjahr gönnt sich der Ringer (Klasse bis 97 Kilogramm/griechisch-römisch) aus Stuttgart-Weilimdorf gerade eine Auszeit. Mit seiner Freundin reist er zwei Wochen lang durch Florida. Miami, Everglades, Orlando – das Ziel ist, ein bisschen abzuschalten, herunterzukommen, die Akkus neu aufzuladen. Und zudem hatte Lucas Lazogianis vor, die bisher größte Enttäuschung seiner hoffnungsvollen Karriere zu verarbeiten – die verpasste Qualifikation für seine ersten Sommerspiele. Jetzt? Ist alles ganz anders.
Denn mitten in den USA-Ferien erhielt Lucas Lazogianis am frühen Montagmorgen einen Anruf von Michael Carl. Der Bundestrainer erklärte ihm, dass er für Paris nachnominiert worden sei. „Mit einer so tollen Nachricht bin ich noch nie geweckt worden“, sagt der Student, „das ist der absolute Hammer, ich kann es immer noch nicht richtig fassen. Eigentlich war mein großer Olympia-Traum schon geplatzt – und jetzt geht er doch noch in Erfüllung. Das ist Wahnsinn!“
Starke Leistungen in der Qualifikation
Dass sich Lucas Lazogianis das Ticket an die Seine verdient hat, daran gibt es wenig Zweifel. Bei den Qualifikationsturnieren im Frühjahr in Baku und Istanbul hatte er Pech mit der Auslosung, zeigte auf der Matte aber seine Klasse und verlor das Ringen um die Olympia-Startplätze nur ganz knapp – durch zwei unglückliche Niederlagen im Halbfinale. In Istanbul bot sich nach der Hoffnungsrunde eine weitere Chance, doch es fehlte erneut an Kleinigkeiten. „Was er gezeigt hat, war trotzdem beeindruckend“, sagt Bundestrainer Carl. „Meine Leistung war stark“, meint auch Lazogianis, „anschließend war ich völlig ausgelaugt und am Boden zerstört. Es nicht geschafft zu haben, tat extrem weh.“
Danach wurde der Bundesliga-Ringer vom ASV Schorndorf dennoch deutscher Meister, und weil die Lage rund um die russischen Athleten unübersichtlich blieb, reiste er zum Olympia-Vorbereitungslehrgang nach Bulgarien mit. Dort zog sich Lazogianis eine Knieverletzung zu (Anriss von Innenband und Meniskus), erhielt von Carl einen Trainingsplan, um den Oberkörper fit zu halten, und verabschiedete sich in den Urlaub.
Ein Auf und Ab der Gefühle
Kurz darauf beschloss der russische Ringer-Verband auch die zehn Sportler nicht nach Paris zu schicken, welche die Auswahlkriterien des Internationalen Olympischen Komitees (keine Zugehörigkeit zum Militär, keine Unterstützung des Krieges gegen die Ukraine) erfüllt hatten. Durch diesen Boykott wurde ein Platz frei – und Lazogianis war aufgrund der starken Qualifikationsturniere der erste Nachrücker. „Ich bin so nahe dran gewesen, deshalb ist es nun umso schöner“, sagt er, „es ist ein extremes Auf und Ab der Gefühle, das ich gerade erlebe.“
Auch deshalb hat sich Lucas Lazogianis entschlossen, seinen Urlaub, der noch bis zum Sonntag geht, nicht abzubrechen. Beim Blick auf sein Kampfgewicht gibt es Luft nach oben, folglich ist der eine oder andere Burger kein Problem. Und in erster Linie geht es ihm gerade um sein mentales Wohlbefinden: „Ich brauchte diese Auszeit, will sie vollends genießen. Und mein Knie benötigt ohnehin noch ein bisschen Ruhe. Ich freue mich ungemein über die Olympia-Chance, gehe aber alles mit der nötigen Lockerheit an.“ Und trotzdem nicht ohne Ambitionen.
Die Favoriten sind andere
Nach der Rückkehr bleibt genügend Zeit für eine intensive Trainingsphase, da die Ringer erst am Ende der Spiele dran sind. „Ich habe öfter die Erfahrung gemacht, dass es nach einer nicht optimalen Vorbereitung im Wettkampf umso besser läuft“, sagt der Bronze-Gewinner der letzten U-23-WM, der sich auch in Paris nicht chancenlos sieht. Und vom Bundestrainer in seinem Optimismus bestätigt wird. „Die Topfavoriten sind sicher andere“, meint Michael Carl, „aber wenn er die Emotionen, die er nun in Florida erlebt hat, zu den Spielen trägt, ist eine Überraschung sicher möglich – schließlich hat Lucas einen Entwicklungssprung hinter sich, wie ich ihn bei einem Athleten nur ganz selten erlebt habe. Wenn er gesund bleibt, kann er ein Großer werden.“
Und anschließend seine ganz eigene Urlaubsgeschichte erzählen.