Bei Olympia steht Bormios halsbrecherische Stelvio-Piste im Scheinwerferlicht. Doch eigentlich hüten sie in dem netten italienischen Bergdorf die Ruhe wie einen Schatz.
Ob man wohl auch als Amateur die berühmten ersten Meter ausprobieren kann? „Keine Chance“, sagt Eugenio Sosio und lacht. „Der Startschuss ist für Profis. Die Athleten sind nach nur fünf Sekunden schon hundert Kilometer pro Stunde schnell.“ Mit 63 Prozent Neigung ist der Beginn der Pista Stelvio so extrem steil wie bei keiner anderen Abfahrt im internationalen Skizirkus. Auch anschließend geht’s in einem Höllentempo weiter: Mit ihrer Hightech-Ausrüstung schaffen die Skifahrer den mehr als drei Kilometer langen Parcours inzwischen in unter zwei Minuten.
Seit 1982, als die Stelvio-Rennstrecke im gleichnamigen Nationalpark eingeweiht wurde, arbeitet Eugenio Sosio im Familienbetrieb Anzi Ski School in Bormio als Skilehrer. Inzwischen ist er auch Teil jenes Quartetts, das die Piste für Weltcups und Weltmeisterschaften präpariert – und nun für die Olympischen Winterspiele. „Zu den 250 000 Kubikmetern Schnee, die mit der Schneekatze verteilt werden, kommen 120 000 Kubikmeter Wasser: Vereiste, spiegelglatte Oberflächen sind zwar verdammt gefährlich, ermöglichen aber neue Rekorde.“
Am 7. Februar, dem ersten Medaillentag der Spiele, geht es auf der Stelvio mit der Herren-Abfahrt los. Dann folgen Super-G, Riesenslalom, Slalom, die Team-Kombination und das erstmals ins olympische Programm aufgenommene Skibergsteigen.
Wenn die Stelvio-Piste aber gerade nicht im Scheinwerferlicht steht, hüten sie in Bormio die Ruhe wie einen Schatz. Viel los ist in dem netten Bergdorf meist nicht, dafür liegt der Ort im Norden der Lombardei etwas zu abgelegen. So bringt einen an normalen Tagen der Lift ohne viel Wartezeit auf den höchsten Gipfel der Cima Bianca. Auf knapp über 3000 Metern werden dann Ski oder Snowboard angeschnallt, um eine der längsten und schönsten Abfahrten der Alpen zu genießen. Über achteinhalb Kilometer und 1817 Höhenmeter geht es ins Tal.
Shuttlebusse fahren zu den noch kleineren Skigebieten Santa Caterina und Cima Piazzi-San Colombano. Wer das Besondere sucht, schließt sich aber einer Tour von Federico Secchi an. Über eine Straße mit unzähligen Haarnadelkurven fährt er hinauf zu den Staudämmen von Cancano. Wo sich im Sommerhalbjahr viele Mountainbiker tummeln, ist der sympathische Bergführer gerne entspannt mit Schneeschuhen unterwegs. Stundenlang lässt sich keine andere Menschenseele blicken, dafür äsen Alpensteinböcke – und am Himmel kreisen derweil die Steinadler.
Es gibt zwei schicke historische Badeanstalten
Zurück im Tal erschließt sich, warum Bormio heute mit dem Claim „The Wellness Mountain“ um Besucher wirbt. Hier im Valdidentro entspringen Thermalquellen, in denen schon die Römer entspannt haben sollen. Unweit des Ortskerns, in dem historische Bürgerhäuser und unzählige Kirchen vom lukrativen Salzhandel vergangener Tage erzählen, steht das städtische Badehaus. Von den dampfenden Außenbecken blickt man über das Städtchen hinweg auf die Skipiste. Mit dem nötigen Kleingeld in der Tasche lohnt auch ein Aufenthalt in den zwei schicken historischen Badeanstalten.
Die Anlage der Therme Bagni Nuovi erstreckt sich rund um ein Jugendstilhotel, das wirkt wie die Kulisse eines Wes-Anderson-Films. Noch höher, auf der zum Stelvio-Pass führenden Straße, liegt die Therme Bagni Vecchi. Hier sprudelt das bis zu 41 Grad heiße Wasser aus Felsgrotten, dazu gibt es Dampfbäder, Saunen und einen spektakulären Infinity-Pool.
Den Kontrast zum Edel-Spa gibt’s dann mit Hausmannskost auf dem Teller. Bei Simone Rini vom Agriturismo Rini erhält man die typischen Pizzoccheri-Nudeln aus Buchweizen auch zum Mitnehmen. Traditionell serviert er sie mit Kartoffeln, Butter und Casera-Käse: „Eben all dem, was man als armer Bauer im Veltlin früher hatte.“ Auch „Kröten“ kommen in Bormio auf den Tisch: So nennt der Volksmund frittierte Sciatt-Bällchen mit Käsekern, serviert mit Zuckerhutsalat (oder für Naschkatzen auch mit Schokolade und Sahne). Das Tal der Adda und die höher gelegenen Weiden bringen aber noch weitere Produkte auf den Tisch, neben Nebbiolo-Rotwein auch Bergkäse und in der Bergluft gereifte Wurstwaren. Der Mann mit der besten Auswahl ist Alberto Tagliaferri von der Macelleria De Lorenzi. Bei ihm gibt’s den berühmten Bresaola della Valtellina, Slingiza-Rindersalami und als Spezialität geräucherten Schinken aus der Hirschkeule.
Edoardo Peloni macht aus den Ingredienzien für seinen Kräuterlikör dagegen ein Geheimnis. Kein Wunder: Das Rezept für den Amaro dello Stelvio des Hauses Braulio stammt von seinem Ur-Urgroßonkel und ist gut 150 Jahre alt. Ob es elf, 13 oder gar 15 Inhaltsstoffe gibt wird nicht verraten: Sicher ist nur, dass Enzian, Schafgarbe, Wacholder und Wermutkraut 30 Tage in Alkohol und Quellwasser mazerieren, bevor der Alpenbitter in großen Fässern aus Eichenholz lagert.
Der Stelvio-Amaro muss 36 Monate reifen
„Unsere wichtigste Zutat ist die Zeit“, sinniert der Firmenchef im Halbdunkel seiner weitläufigen Keller, die Bormios Hauptstraße Via Roma untertunneln. Während also ein paar hundert Meter weiter bald Olympioniken in einem Affenzahn die Stelvio-Piste runtersausen werden und es dabei um Millisekunden geht, hat er die Ruhe weg. Die gerade produzierte Charge seines Stelvio-Amaros kommt ohnehin erst in den Verkauf, wenn das Spektakel längst wieder vorbei ist: „Er muss 36 Monate reifen, um sein volles Aroma zu entwickeln.“
Info
Anreise
Mit dem Zug bis nach Zernez in Graubünden ( www.bahn.de ), dann weiter per Bus via Livigno ( www.silvestribus.it ) nach Bormio ( www.busperego.com ).
Unterkunft
Zu Fuß zum Skilift und ins Ortszentrum kommt man vom netten Hotel Daniela. Doppelzimmer mit Frühstück ab 100 Euro, www.hoteldanielabormio.it . Schick logiert man im Jugendstil-Grandhotel QC Bagni Novi und nebenan im historischen QC Hotel Bagni Vecchi. DZ/F mit Thermenbesuch ab 298 bzw. 308 Euro, www.qcterme.com .
Essen und Trinken
Lokale Spezialitäten wie Buchweizennudeln serviert Familie Rini in ihrem Agriturismo, www.agriturismobormio.it . Gute Restaurants sind Al Filo ( www.ristorantealfilo.it ) und Da Riccardo ( www.ristorantebormio.it ). Wild und andere Spezialitäten gibt’s in der Macelleria De Lorenzi, www.facebook.com/p/Macelleria-De-Lorenzi-Bormio . Den berühmten Kräuterlikör Braulio verkostet man an der Quelle in der Via Roma, Führung immer dienstagabends, Preis: zehn Euro, www.amarobraulio.com .
Aktivitäten
Das Skigebiet von Bormio (13 Lifte und 50 Kilometer Piste) ist bis 12. April geöffnet (Tagesticket 63 Euro). Um die Ecke liegen die Skigebiete Santa Caterina (acht Lifte, 35 Kilometer Pisten) und Cima Piazzi-San Colombano (zehn Lifte, 25 Pistenkilometer). Das Zwei-Tage-Kombiticket kostet 120 Euro, sechs Tage 329 Euro, www.bormioski.eu . Ein Team an Bergführern organisiert Ausflüge zum Eisklettern, Skitouren und Schneeschuhwanderungen, www.guidebormio.com .Besonderes Flair haben die historischen Thermen Bagni Vecchi und Bagni Nuovi, Eintritt jeweils 58 Euro für fünf Stunden, Tageskarte 72 Euro, www.bagnidibormio.it . Im Ortskern bietet das städtische Hallenbad Bormio Terme ein Außenbecken mit Panoramablick, Tagesticket 35 Euro, Senioren 26 Euro, www.bormioterme.it .
Allgemeine Informationen
Tourismusamt Bormio, www.bormio.eu . Die Olympischen Spiele finden vom 6. bis zum 22. Februar in Mailand und Cortina d’Ampezzo statt. Die Ski-Alpin-Wettbewerbe werden in Bormio ausgetragen, www.olympics.com.