Bahnrad-Olympiasiegerin Kristina Vogel spricht im Sporttalk über ihr Leben zwischen Triumph und Behinderung.
Große Erfolge, schicksalhafte Rückschläge – die seit einem Trainingsunfall an den Rollstuhl gefesselte Bahnrad-Olympiasiegerin und vielfache Weltmeisterin Kristina Vogel war am Donnerstagabend zu Gast im Sparkassenforum Böblingen. An bekannten Gesichtern aus der Sportszene herrschte auch unter den gut 100 Zuhörern kein Mangel. Ob Rad-Olympiateilnehmerin Lisa Brandau aus Schönaich, Triathletin Luisa Moroff aus Darmsheim oder die bekannten Veranstaltungsorganisatoren Karen und Axel Stahl – sie alle lauschten gespannt den Ausführungen von Kristina Vogel, die erst im Impulsvortrag und dann im Zwiegespräch mit Sportmoderator Michael Antwerpes aus ihrem bewegenden Leben erzählte.
Denn Rückschläge und schicksalhafte Wendungen hatte Kristina Vogel wahrlich genug zu verkraften und stand doch immer wieder auf, kämpfte und erfand sich neu. „Man kann nicht aufhören zu treten“, charakterisierte sie ihren Sport auf dem Bahnrad mit der fixen Nabe ganz ohne Gangschaltung und Bremsen – und das galt und gilt für die heute 32-Jährige schon immer und auch sonst in ganz besonderer Art und Weise.
Auf einmal war alles schwarz
Geboren 1990 als Wolgadeutsche in Kirgistan kam sie als Kleinkind nach Deutschland, verbrachte die ersten zwei Jahre im Asylbewerberheim und wurde später in der Nähe von Erfurt heimisch. „Wir mussten absolut bei Null anfangen“, blickt sie zurück. Nicht einfacher wurde es, als sie später mit zwei immer arbeitenden Eltern auch noch ihre drei jüngeren Schwestern zu betreuen hatte. Blieb als kleine Auszeit der Sport. Tanzen und Radfahren – die Entscheidung zwischen beidem fiel der Jugendlichen schwer. „Ich warf eine Münze“, erzählte sie.
Das Ergebnis ist bekannt. Vom ersten Bundessichtungsrennen in Stuttgart führte der Weg über deutsche, Europa- und Weltmeistertitel bis hin zu den beiden Sprint-Olympiasiegen in London 2012 und Rio de Janeiro 2016. Dann kam der 26. Juni 2018, Kollision und Sturz beim Training im Cottbuser Radstadion. „Mein schwerster Unfall“, bemerkte sie nüchtern auf der Bühne des Sparkassenforums, „ich gab alles und auf einmal war es schwarz.“ Ihr Leben hing nach mehreren Operationen am seidenen Faden. „Ich hatte einen Moment, wo ich dachte, ich lass los“, berichtete sie ganz offen von ihren damaligen Fieberträumen.
Rückkehr vom Boden in den Rollstuhl als Herausforderung
Doch dann erwachte die Kämpferin in der vorher so erfolgreichen Sportlerin. „Ich dachte ,Kristina kämpfe!’“, sagte sich die so schwer Verunglückte. Nach nur sechs Monaten schaffte sie ihre neue „Master Challenge“, die selbstständige Rückkehr in den Rollstuhl vom Boden, und konnte aus der Klinik in ein wieder weitgehend selbstbestimmtes Leben entlassen werden. Immer dabei ihr Partner, selbst ein ehemaliger Radsprinter, der ihr seit 14 Jahren in allen Höhen und Tiefen zur Seite steht.
Als Trainerin und Fernseh-Expertin ist Kristina Vogel dem Radsport auch weiterhin treu. Außerdem engagierte sie sich politisch als Stadträtin. „Deutschland ist nicht behindertenfreundlich“, sagt sie und sieht weiterhin großen Handlungsbedarf. „Der Unfall hat mir enorme Reife gegeben“, fasst sie für sich selbstbewusst zusammen. Und: „Es ist, was du draus machst!“