Singende Olympiasiegerin in Stuttgart: Kugelstoßerin Yemisi Ogunleye Foto: Baumann

Kugelstoßerin Yemisi Ogunleye ist prominenter Gast bei der Stuttgarter Gottesdienst-Reihe „Nachtschicht“ – und singt auch den Gospelsong, der für einen goldenen Moment steht.

Es war ein Abend im Stade de France, der Momente für die Ewigkeit lieferte. Erst draußen, im vom Nieselregen feuchten Ring, aus dem heraus Yemisi Ogunleye die Kugel exakt 20 Meter weit stieß. Und später, in den Katakomben der Arena, als die Überraschungs-Olympiasiegerin aus Mannheim bei der Pressekonferenz spontan den Gospelsong „I Almost Let Go“ anstimmte und alle Anwesenden emotional aufs Tiefste berührte. Das Lied, das sie 2024 in Paris gesungen hat, sorgte jetzt erneut für Gänsehautstimmung. In Stuttgart. Und wieder dank Yemisi Ogunleye.

 

Die Kugelstoßerin trainiert zweimal in der Woche am Olympiastützpunkt im Neckarpark. Derzeit bereitet sie sich auf die Hallen-WM vor, die vom 21. bis zum 23. März im chinesischen Nanjing stattfindet, und trotzdem hatte sie nach der Einheit am Mittwochabend in der Molly-Schauffele-Halle ein paar Meter weiter noch einen Termin. Bei der Gottesdienst-Reihe „Nachtschicht“, die ausnahmsweise nicht in der Andreaskirche in Obertürkheim stattfand, sondern im vollbesetzten Atrium des „SpOrt“. Mit einer Olympiasiegerin auf der Bühne, die emotionale Einblicke gewährte und mit ihrer Eloquenz beeindruckte.

Aus der Siebenkämpferin wird eine Kugelstoßerin

Yemisi Ogunleye (27), die zunächst mit Ballett begonnen und dann geturnt hatte, sprach über die Anfänge ihrer Leichtathletik-Karriere als Siebenkämpferin, über ihre beiden Knieoperationen als Jugendliche und den Wechsel zum Kugelstoßen. „Ich konnte nicht mehr sprinten und springen, da blieb nur noch das Werfen“, sagte sie mit einem Lächeln, „die verletzungsbedingte Auszeit damals, in der ich gelernt habe, dass es auch außerhalb des Sports Dinge gibt, die Spaß machen, hat mich zu dem Menschen geformt, der ich heute bin.“ Neben ihrem Glauben natürlich.

Der Glaube gibt ihr Kraft: Yemisi Ogunleye Foto: Baumann

Yemisi Ogunleye hat nie ein Geheimnis aus ihrer Religiosität gemacht. Ganz im Gegenteil. „Ich hatte zwölf Jahre harte Arbeit hinter mir, ehe ich in Paris den goldenen Moment erlebt habe“, sagte sie im Gespräch mit Pfarrer Ralf Vogel, „ich konnte auf der Weltbühne zeigen, was Gott mir mitgegeben hat. Zum Sport gehört, gut zu trainieren und das Beste zu geben, aber alles, was ich mache, mache ich zu Ehren Gottes. Dank dieser Einstellung gehe ich mit viel Freude in jeden Wettkampf.“ Nach denen es manchmal jedoch auch unschöne Erfahrungen zu verarbeiten gibt.

Schmerzhafte Erfahrung für Yemisi Ogunleye: „Du bist keine von uns“

Nach dem Olympiasieg in Paris erhielt Yemisi Ogunleye, Tochter eines nigerianischen Vaters und einer deutschen Mutter, zahllose Glückwünsche und positive Nachrichten. Aber nicht nur. Sie erfuhr auch Ausgrenzung („Du bist keine von uns“), die sehr schmerzte. „Es war ein negativer Kommentar, der mich tief verletzt hat, ich habe mich enorm gekränkt gefühlt“, sagte die Kugelstoßerin, „ich musste erst lernen, solche Botschaften nicht an mich heranzulassen, mich auf die positiven Dinge zu konzentrieren, mir klarzumachen, dass es sich um eine Minderheit handelt.“ Diskriminierung sei, erst recht für junge Menschen, die noch in der „Findungsphase sind“, eine „große Last“, erklärte Yemisi Ogunleye den rund 500 Zuhörerinnen und Zuhörern im „Nachtschicht“-Gottesdienst, „für mich war der Sport immer auch ein Entkommen. Gott hat jedem von uns ein besonderes Talent mitgegeben.“ Aus dem Yemisi Ogunleye besonders viel gemacht hat.

Yemisi Ogunleye nach ihrem Olympiasieg bei den Sommerspielen 2024 in Paris. Foto: Imago/Beautiful Sports

Zuletzt, bei den deutschen Hallen-Meisterschaften in Dortmund, steigerte sie ihre persönliche Bestleistung auf 20,37 Meter, entsprechend zuversichtlich reist sie zur WM nach China. Wobei sie nie getrieben ist von Erwartungen und Ergebnissen. Sondern von der Begeisterung für das, was sie tut. Diese Freude ist zu spüren, wenn sie über Sport spricht. „Er verbindet, bewegt, verschiebt Grenzen“, sagte die Athletin, die neben ihrer Karriere ein Studium der Sonderpädagogik erfolgreich abgeschlossen hat, nun in Stuttgart, „man kann fallen, aber auch wieder aufstehen – und weiter an sich arbeiten.“ Auch an seinen Ritualen.

Yemisi Ogunleye erzählte, dass sie in den letzten zwei Wochen vor wichtigen Wettkämpfen ihr Handy immer mal wieder für längere Zeit zur Seite legt. „Es hilft mir, mich darauf zu besinnen, was wirklich wichtig ist und was sinnvolle Beschäftigungen sind“, sagte die Olympiasiegerin, „das kann man trainieren wie seine Athletik. Ich habe gelernt: Wenn man sich stundenlang auf Instagram oder Tiktok aufhält, dann bleibt nur Leere zurück.“

Es war das Schlusswort, aber noch nicht das Ende des Auftritts von Yemisi Ogunleye im Stuttgarter „SpOrt“. Anschließend nahm sie ein Mikrofon in die Hand und sang gemeinsam mit der „Nachtschicht“-Band den Gospelsong, der ihr ganz besonders am Herzen liegt. Und der für einen sportlichen Moment steht, der unvergessen bleiben wird.