Hoher Besuch im Sparkassenforum Böblingen: Vier Winter-Olympioniken und Medaillengewinner sprechen über Motivation, Leistungsdruck und ihre Familien.
Als Johannes Lochner den Bob durch die beiden letzten Kurven steuert, weiß er: Das sind die letzten Momente seiner aktiven Karriere. Doch weiß er auch, dass er mit diesem Lauf sein zweites Mal Gold gewinnen wird. Noch weit vor der Ziellinie beginnen seine Jubelschreie. Lochners Teamkameraden setzen ein, und so schießen sie gemeinsam schreiend durch das Ziel. Und tatsächlich, sein Gefühl hat ihn nicht getäuscht. Der Viererbob um Pilot Johannes Lochner gewinnt Gold bei den Olympischen Winterspielen 2026 in Mailand und Cortina d’Ampezzo.
Solche Geschichten kann nicht nur Lochner erzählen. Auch Franziska Preuß, Felix Loch und Coletta Rydzek haben ähnliche Anekdoten im Gepäck. Sie alle erinnern sich an diesem Abend im Böblinger Sparkassenforum an ihre Zeit in Italien bei den Winterspielen und sprechen über das Leben als Spitzensportler. Ausgefragt werden sie von TV-Moderator Michael Antwerpes.
Biathletin Franziska Preuß: Fehlschuss bringt Neffen 50 Cent
„Für jeden Fehlschuss bekommen meine Neffen 50 Cent von mir“, erklärt Biathletin Franziska Preuß lachend. „Aber nur bei Wettkämpfen“, wirft sie schnell hinterher. Die 32-Jährige startete bei den Winterspielen ein letztes Mal für Team Deutschland. Für ihre Entscheidung aufzuhören sei ausschlaggebend gewesen, dass sie nicht mehr so viel Spaß am Sport habe wie früher.
Das erfolgsverwöhnte deutsche Biathlon-Team schnitt bei den Spielen in Italien insgesamt schlecht ab und gewann nur eine Bronzemedaille. Doch um die Zukunft des Biathlons in Deutschland ist Preuß trotzdem nicht bange. „Wir haben einige Talente, die echt Bock haben“, meint sie. Oft seien es Kleinigkeiten, die verändert werden müssten, um wieder mehr Erfolg zu haben.
Durch Trainerwechsel und eine neue sportliche Leitung sollen es wieder mehr deutsche Athleten aufs Podium bringen. Preuß macht inzwischen Sport nur noch nach Lust und Laune und ist sich sicher, so auch wieder Freude am Langlaufen zu haben: „Ich denke, man kann auch in Zukunft beruhigt den Fernseher einschalten, um Biathlon zu schauen.“
Felix Loch: Den Söhnen ist die Platzierung ziemlich egal
Auf die Frage, warum dieses Jahr bei den Winterspielen keine Medaille für ihn herausgesprungen sei, antwortet Felix Loch ironisch: „Ich habe ja schon so viele, wo soll ich die denn zuhause unterbringen?“. Der 36 Jahre alte Rennrodler bekennt, dass er sich manchmal nicht mehr ausschließlich auf seinen Sport fokussieren könne. Der Grund stehe unten im Ziel und fiebere mit. „Meinen beiden Söhnen ist es total egal, ob ich am Ende Erster oder Sechster geworden bin. Sie meinen immer nur: Du bist gut gefahren.“
Solange sein Körper noch mitmacht, will Felix Loch weitermachen und versuchen, die Jungen zu ärgern. Es kommt schließlich beim Rodeln viel auf Erfahrung an, wovon er einiges hat. „Manuel Neuer steht ja auch noch mit 40 Jahren im Tor der Bayern“, erklärt er schmunzelnd. Doch falle auch ihm der Spagat zwischen Spitzensport und Privatleben oft schwer. „Man muss sich seine Zeit gut einteilen, und man merkt schnell, welche die echten Freunde sind und welche nicht“, erzählt er. Nach seiner aktiven Karriere sieht Loch sich auf der anderen Seite der Bahn als Trainer, wo er den deutschen Rodlern weiter zu Erfolg verhelfen will.
Coletta Rydzek: Nervosität schlägt auf den Magen
Coletta Rydzek sicherte sich bei den Winterspielen in Mailand und Cortina d’Ampezzo einen Platz auf dem Siegertreppchen. Gemeinsam mit Laura Gimmler gewann sie Bronze im Teamsprint beim Skilanglaufen. „Am Tag des Wettkampfs musste ich mich fünfmal übergeben. Nervosität schlägt mir leider immer auf den Magen“, berichtet Rydzek. In einem mitreißenden Endspurt konnte die 28-jährige Rydzek die Medaille um Haaresbreite sichern. „Am Ende entscheiden 20 Zentimeter, ob man vor Freude oder Enttäuschung weint“, sagt sie.
Weiterhin sind beim Skilanglauf die skandinavischen Länder oft vorne. Als Gründe nennt Rydzek unter anderem, dass deutlich mehr Kinder Ski fahren, aber auch, dass der Skisport einen höheren Stellenwert hat als in anderen Ländern. „Viele Kinder fahren dort schon mit Skiern in die Schule“, so Rydzek. Auch in Zukunft will sie oben mitfahren, doch ist der Traum, einmal Gold zu gewinnen, nicht ihr größter Antrieb. „Ich tue es, weil es mir Spaß macht. Vier Jahre Vorbereitung für Olympia mache ich nicht nur für den Erfolg.“
Bobfahrer Johannes Lochner: Kleiner Fehler kann richtig wehtun
Zwei Goldmedaillen – eine im Zweier- und eine im Viererbob – bei den Olympischen Winterspielen hat Johannes Lochner gewonnen, doch der Weg dorthin war durchaus schmerzhaft. „Einmal habe ich mir sogar das Genick gebrochen. Ich hatte großes Glück“, erinnert sich der 35-Jährige. Auch wenn bei dem perfekt choreografierten Einstieg in den Bob nur ein kleiner Fehler passiert, kann es wehtun. „Man bekommt einen Schuh mit 200 Spikes vom Hintermann in den Rücken gerammt. Das tut höllisch weh“, erklärt Lochner.
Außerdem spiele nicht nur der Bob eine Rolle für den Erfolg. Auch die Chemie im Team sei von großer Bedeutung. „Es gibt kaum eine Sportart, bei der drei Teamkollegen im Grunde ihr Leben und ihre Gesundheit in die Hände eines Piloten legen. Man muss sich blind vertrauen.“
Für Lochner ist jetzt Schluss mit dem Leistungssport. Auch er hat inzwischen ein Kind daheim und beschlossen aufzuhören, wenn es am schönsten ist, um mehr Zeit für die Familie zu haben. Doch Momente wie der Sieg bei Olympia oder die Atmosphäre und das Publikum an der Bobbahn am Königssee werden für immer in seinem Gedächtnis bleiben.