Bei den olympischen Winterspiele in Peyongchang wird keine russische Flagge wehen. Foto: dpa

Das Urteil über die russischen Systemdoper ist gefällt, noch aber sind längst nicht alle Themen geklärt.

Stuttgart - Das Urteil über die russischen Systemdoper ist gefällt, noch aber sind längst nicht alle Themen geklärt. Die wichtigsten offenen Fragen auf einen Blick.

Ist das Urteil hart genug?

Die Entscheidung des Internationalen Olympischen Komitees ( IOC), Russland wegen seines staatlich gesteuerten Dopingsystems von den Winterspielen in Südkorea auszuschließen und nur einzelne, nachweislich saubere Athleten zuzulassen, stößt auf höchst unterschiedliche Resonanz. Whistleblower Grigori Rodschenkow, der den Skandal aufgedeckt hat, erklärte, er sei „stolz“ auf das IOC-Urteil. „Konsequent“, nannte Bundesinnenminister Thomas de Maizière die Entscheidung. „Ich begrüße das klare Signal an alle Staaten: Wer systematisch dopt, hat keinen Platz in der olympischen Familie.“ Auch Snowboarder Konstantin Schad, Athletensprecher des Ski-Weltverbandes, äußerte sich positiv: „Das ist schon eine knackige Ansage und für Herrn Putin die ultimative Demütigung. Es wurde rechtlich alles ausgereizt.“ Ganz anders sieht Ines Geipel den Fall. Für die Vorsitzende des Dopingopfer-Hilfevereins wäre ein kompletter Ausschluss die einzige Alternative gewesen: „Die Dimension dessen, was in Russland passiert ist, wird durch dieses Urteil zugeschüttet.“ Einig sind sich alle Experten in einem Punkt: Den Worten müssen weitere Taten folgen – bei der Einzelfallprüfung.
Wie viele russische Athleten werden ab 9. Februar in Pyeongchang starten?
Die Forderung der Dopingjäger ist klar: Das IOC darf nur Athleten, die nachweislich nicht Teil des Dopingsystems waren und aktuell sauber sind, nach Südkorea einladen. Präsident Thomas Bach versprach, harte Kriterien anzulegen. Anders als vor den Sommerspielen 2016 in Rio, als die internationalen Fachverbände die meisten russischen Sportler einfach durchwinkten, schlägt diesmal ein neu eingesetztes Gremium unter Vorsitz der ehemaligen französischen Sportministerin Valerie Fourneyron (gleichzeitig Chefin der unabhängigen Behörde für Doping-Testverfahren) mögliche russische Teilnehmer vor. Das letzte Wort hat allerdings das IOC. Die Entscheidung, wer in Pyeongchang starten darf, wird voraussichtlich erst kurz vor der Eröffnungsfeier getroffen. „Die letzten Qualifikationen gehen bis Ende Januar“, erklärte Fourneyron, „wir müssen jetzt die Informationen sammeln und dann am Ende des Qualifikationszeitraums unsere Urteile fällen.“ Alfons Hörmann, Chef des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB), geht fest davon aus, dass die strengen Bedingungen, die das IOC angekündigt hat, dazu führen, dass viele belastete Russen aussortiert werden. Doch exakt so hat er sich auch 2016 vor den Spielen in Rio geäußert. Das Ergebnis ist bekannt.
Was bedeutet das Urteil für die Weltcup-Wettbewerbe in diesem Winter?
Der gesunde Menschenverstand sagt: Athleten, die von Olympischen Spielen ausgesperrt sind, dürfen auch nicht im Weltcup starten. Die Praxis sieht anders aus. Bisher hat das IOC 25 Sportler aus fünf Disziplinen (Bob, Skeleton, Langlauf, Eisschnelllauf und Biathlon) lebenslang für Olympia gesperrt, zuletzt allerdings hob der Bob- und Skeleton-Weltverband IBSF das vorläufig ausgesprochene Startverbot für den Weltcup wieder auf – weil er die Begründung für die IOC-Suspendierung als nicht ausreichend einstufte. Der Ski-Weltverband Fis ließ zunächst einige der gesperrten russischen Langläufer trotz ihres Olympia-Banns im Weltcup starten, ehe er das Sextett um Superstar Alexander Legkow doch aus dem Verkehr zog – geschockt von den Beweisen, die das IOC gesammelt hatte. Sicher ist: Auf die Verbände wird viel Arbeit zukommen. Auch, weil bereits 22 russische Sportler vor dem Internationalen Sportgerichtshof (Cas) in Lausanne gegen ihren lebenslangen Olympia-Ausschluss geklagt haben.
Darf Witali Mutko der Cheforganisator der Fußball-WM bleiben?
Das IOC hat den früheren Sportminister Witali Mutko als Strippenzieher des Dopingsystems enttarnt – und lebenslang von Olympischen Spielen ausgeschlossen. Doch das ist nur die eine Seite der Medaille. Denn Mutko ist nicht nur ein enger Vertrauter von Präsident Wladimir Putin und dessen Vize-Regierungschef, sondern auch OK-Vorsitzender der Fußball-WM 2018. Und es deutet bisher nichts darauf hin, dass der Weltverband Fifa den massiv Belasteten aus dem Spiel nimmt. Fifa-Boss Gianni Infantino, für dessen Verband ein finanziell erfolgreiches Turnier in Russland existenziell wichtig ist, will offenbar an Mutko festhalten – und nimmt dafür auch die nächste Glaubwürdigkeitskrise in Kauf. Bisher gab es, obwohl laut Fifa-Regularien (zumindest) eine provisorische Sperre Mutkos zwingend erforderlich wäre, aus Infantinos Presseabteilung nur Phrasen zu hören: „Die IOC-Entscheidung hat keinen Einfluss auf die Vorbereitungen für die WM 2018, da wir weiterhin daran arbeiten, die bestmögliche Veranstaltung zu liefern.“ Klarer äußerte sich Hörmann. „Die Fifa muss sich damit beschäftigen, inwieweit Mutko noch tragbar ist“, sagte der DOSB-Chef, „wer so gravierend gegen die Werte des Sports verstößt, der hat in einer führenden Position nichts zu suchen.“
Wird Russland bei den Paralympics in Pyeongchang (8. bis 18. März) dabei sein?
Das Internationale Paralympische Komitees (IPC) will am 22. Dezember über einen möglichen Ausschluss Russlands entscheiden. Der oberste Verband der Behindertensportler ist im Vergleich zum IOC aber deutlich handlungsfreudiger: Russland war schon bei den Paralympics 2016 in Rio nicht dabei.
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