Pleiten, Pech und Pannen: Tim Tscharnke kommt kurz vor dem Ziel zum Sturz. Foto: dpa

Enttäuschende Medaillenausbeute bei den Olympischen Winterspielen in Sotschi entfacht aufs Neue die Diskussion über die Sportförderung.

Enttäuschende Medaillenausbeute bei den Olympischen Winterspielen in Sotschi entfacht aufs Neue die Diskussion über die Sportförderung.

Sotschi - Thomas Bach ist in einer recht komfortablen Situation. Die Spiele von Sotschi sind zu Ende, in Russland gelten sie als voller Erfolg, und der oberste aller Olympier durfte feststellen: „Ich habe keine einzige Beschwerde von auch nur einem Athleten gehört.“ Gut für Bach, dass er mittlerweile Präsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) ist – und nicht mehr der obersten deutschen Sportorganisation vorsteht. An Beschwerden hätte es ihm da wohl nicht gemangelt.

Die deutsche Olympiamannschaft hat bei den Spielen von Sotschi zwar acht Siege eingefahren – in seiner Gesamtheit fährt das Team dennoch als Verlierer nach Hause. Wer das nicht glaubt, muss lediglich einen Blick auf den Medaillenspiegel werfen. Da stehen sogar die Niederlande vor Deutschland, das mit 19 Plaketten (acht goldene) das angestrebte Ziel (30) deutlich verpasst hat.

Gut, das Zählen von Medaillen ist einerseits umstritten, andererseits beziehen die Holländer ihre Stärke lediglich aus einer einzigen Disziplin (Eisschnelllauf). Dass die Winterspiele an der Schwarzmeerküste alles andere als ein Erfolg waren für den deutschen Sport, muss man dennoch niemandem der ranghohen Sportfunktionären erklären. „Wir sind nicht zufrieden“, sagte Bernhard Schwank, der Leistungssportdirektor im Deutschen Olympischen Sportbund. Und fragt sich wohl: „Was nun?“

Die Reflexe sind die alten – der Ruf nach mehr Geld vom Staat für die Förderung des Spitzensports ist bereits deutlich zu hören. Dabei gibt es im Prinzip keinerlei Hoffnung, dass sich der Fonds, aus dem die sportliche Elite des Landes ihre Unterstützung bezieht, vergrößert. „Wir sind gut beraten, diese Förderung beizubehalten“, sagte Thomas de Maizière (CDU), der für den Sport zuständige Bundesinnenminister, zwar, machte aber auch klar: „Die Bäume wachsen nicht in den Himmel.“ Weshalb es innerhalb der Sportorganisationen durchaus Sinn ergibt, sich den Einsatz der bisherigen Summe von rund 130 Millionen Euro pro Jahr genauer anzuschauen.

Recht schnell wird man dann bei der Frage landen: Muss nach wie vor flächendeckend gefördert werden – oder konzentriert man sich auf bestimmte Sportarten? Für DOSB-Präsident Alfons Hörmann liegt der Fall relativ klar: „Wenn ich vor der Wahl stehen würde, 20 Medaillen im Eisschnelllauf zu gewinnen oder zehn in fünf Sportarten, würde ich die zweite Variante nehmen.“ Dennoch gibt es gute Beispiele für eine derartige Fragestellung, etwa die Disziplinen im Bereich Ski-Freestyle.

Da sagt der zuständige Sportliche Leiter im Deutschen Skiverband (DSV), Heli Herdt, zwar: „Geld macht keine Medaillen.“ Und verweist darauf, dass der französische Dreifacherfolg im Skicross der Herren nicht die Folge eines großen finanziellen Engagements gewesen sei. Wolfgang Maier, sein Vorgesetzter im DSV, forderte vom Sport-Dachverband dennoch ein Bekenntnis zu diesen jungen Disziplinen: „Wenn der DOSB es weiter möchte, soll er es fördern. Wenn er es nicht möchte, stellen wir es ein.“ Freeskier und Snowboarder beklagen seit Jahren, dass es in Deutschland noch nicht einmal eine Halfpipe gebe. Bau und Unterhalt gelten als zu teuer.

Eine schonungslose Diskussion über das Portfolio des deutschen Spitzensports wird im Nachgang der Winterspiele von Sotschi in Gang kommen, der Optimierungsbedarf scheint – unabhängig von den Finanzen – groß. Auch das haben die alles andere als harmonischen Tage von Sotschi gezeigt. Im Lager der Rodlerinnen schwelt ebenso ein Streit zwischen Ost und West wie bei den Bobfahrern. Deren Vorsprung in Sachen Material ist dahin, zwar mischen Entwickler von mehreren kompetenten Stellen mit, eine Bündelung der Kräfte ist dennoch nicht gelungen. Auch bei den Eisschnellläuferinnen gab es mal wieder Zoff, von einem leistungsfördernden Reizklima kann nicht mehr geredet werden. Was Hörmann daher nun auf alle Fälle vermeiden will, ist, dass auch noch unter den einzelnen Sportfachverbänden ums Geld gestritten wird. „Es sollte nicht der eine über den anderen reden“, bat der DOSB-Präsident und regte die konstruktive Zusammenarbeit an: „Wir sind offen für alle konkreten Vorschläge.“ Solange sie die Zahl der gewonnen Medaillen für die Zukunft wieder steigert. Oder ist gerade dieser Wunsch nicht mehr zeitgemäß?

„Wir sollten nicht zu kritisch und negativ auf die schauen, die lange sehr erfolgreich waren“, sagte Hörmann. Und Michael Vesper, der Generaldirektor des DOSB, verwies darauf, dass die Zahl der Platzierungen zwischen Rang vier und acht mit über 50 durchaus den Erwartungen entsprochen habe. Ausschließlich die Zahl der Medaillen kann die Stärke einer Sportnation tatsächlich nicht widerspiegeln. Der größte Finanzier des deutschen Sports sieht jedoch keinen Grund, von hohen Zielen abzurücken. „Wir reden hier über Leistungssport“, sagte ­Thomas de Maizière.

In den kommenden Monaten muss er mitentscheiden, wie er in Deutschland künftig funktioniert.

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