Olympia in Pyeongchang „Winterspiele haben keinen Sinn mehr“

Von Gunter Barner 

Skipisten am Mount Gariwang: 58 000 Bäume standen Olympia im  Weg Foto: YNA
Skipisten am Mount Gariwang: 58 000 Bäume standen Olympia im Weg Foto: YNA

Früher war Axel Doering ein Kritiker der Olympischen Spiele, heute bezeichnet er sich als Feind. Der Naturschützer aus Garmisch-Partenkirchen ärgert sich, dass die Eingriffe in die Natur immer schlimmer werden, die Funktionäre nichts dazu lernen und der Kommerz das Sagen hat.

Stuttgart - Sind olympische Winterspiele aus der Sicht von Umweltschützern überhaupt noch vertretbar? Der Naturschützer Axel Doering sagt, auf keinen Fall.

Herr Doering, statt Pyeongchang könnte in diesen Tagen Garmisch-Partenkirchen Gastgeber der Olympischen Winterspiele sein. Ihr Schmerz dürfte sich in Grenzen halten.
Ich schaue mir das in Pyeongchang an und denke in jeder Sekunde: Dem Himmel sei Dank sind wir von dem verschont geblieben, was die dort alles angerichtet haben.
Für die Abfahrtsstrecke der alpinen Rennläufer wurden mindestens 58 000 Bäume aus einem Urwald abgeholzt. Mit welchen Folgen?
Wenn Sie davon ausgehen, dass auf einem Hektar Wald zwischen 250 und 500 Bäume stehen, dann sind rund hundert Hektar eines Primärwalds gerodet worden, an dem bis dahin der Mensch noch nie etwas geändert hatte. Das ist schlimm, ein irrsinniger Eingriff. Diese Wälder sind sehr selten und verfügen über eine sehr große Artenvielfalt.
Die gerodete Fläche am Mount Gariwang soll nach den Spielen wieder aufgeforstet werden.
Das glaube ich aber erst, wenn ich es sehe. Oft heißt es nach den Olympischen Spielen, dass dafür leider kein Geld mehr da ist. Aber selbst wenn: Der Wald wird auch nach drei- vierhundert Jahren nie wieder so sein, wie er ursprünglich war. Die Vielfalt leidet. Außerdem werden die Flächen für so eine beschneite Ski-Abfahrt akribisch planiert, weil man ansonsten sehr viel teuren Kunstschnee braucht, um sie glatt zu kriegen. Das zieht Erosionen nach sich, das Wasser versickert nicht mehr in sonst vorhandenen Unebenheiten und Erdlöchern.
Im Vergleich dazu wären die Spiele in Garmisch deutlich grüner gewesen?
In der Theorie schon. Aber ich war hier im Skigebiet 40 Jahre lang der Förster. Und ich habe erlebt, was Funktionären einfällt, wenn so ein Großereignis ansteht. Plötzlich wachsen die Wünsche und Sehnsüchte. Bei der Bewerbung für die Ski-WM 2011 hier bei uns war es Konsens, dass man mit nur einer Abfahrtsstrecke auskommt. So war es auch mit den Naturschutzverbänden vereinbart. Als man dann den Zuschlag bekommen hatte, hieß es plötzlich, es gebe Sicherheitsbedenken – verbunden mit der Frage: Herr Doering, wollen Sie Tote? So hat man die zweite beschneite Abfahrt durchgesetzt.
Welche Umweltsünden ärgern Sie in Pyeongchang am meisten?
Diese Olympischen Winterspiele sind eine Gesamtsünde und völlige Rücksichtslosigkeit gegenüber der Natur. Es wird ja immer wärmer, was bedeutet: Man braucht immer aufwendigere Beschneiungsanlagen, die immer größere Eingriffe in die Natur erfordern.
Wie erklären Sie sich diese Ignoranz der Funktionäre?
Durch ihre völlige Ahnungslosigkeit. Wir haben das schon bei der Bewerbung von Garmisch-Partenkirchen für Olympia 2018 erlebt. Man trifft bei den Machern auf eine Mischung aus völliger Inkompetenz, Rücksichtslosigkeit und Arroganz.
Das Internationale Olympische Komitee verlangt, dass bei einer Bewerbung gewisse Standards und Normen erfüllt werden.
Und daran wird sich meiner Meinung nach auch nichts Nennenswertes ändern. Als Garmisch-Partenkirchen und München bei der ersten Bewerbung ihre Vorstellungen nicht durchsetzen konnten, haben sie gesagt: Wir haben verstanden. Dann haben sie den Reset-Knopf gedrückt und dasselbe System noch einmal hochgefahren – und das mehrmals. Gekostet hat das 33 Millionen Euro.
Fehlt die Sensibilität, werden die Kritiker nicht ernst genommen?
Ich nenne das Hochnäsigkeit. Die haben ja auch behauptet, dass 80 Prozent der Menschen für die Olympischen Spiele sind.
Das Bürgerbegehren hat sie eines Besseren belehrt.
Mag sein. Aber sie lernen nichts daraus.
Wie Paul Breitner, der als Olympia-Botschafter in Freilassing rief, man solle doch froh sein, dass mit Olympia mehr Leben in den verlassenen Flecken komme.
Bayern-Vorstand Karl-Heinz Rummenigge sagte, dass ihm die Quertreiber am Rande der Alpen auf die Nerven gehen. Dieses blöde Gerede hat dazu beigetragen, dass sie mit dem Host-City-Vertrag, den Pflichten als Gastgeber, bei den Menschen derart in Verschiss geraten sind, dass sie da so schnell nicht mehr herauskommen.
Nie mehr Olympische Winterspiele in Deutschland?
Winterspiele ergeben keinen Sinn mehr – und zwar weltweit. Wissen Sie, ich habe während der Bewerbungen von Garmisch-Partenkirchen für die Winterspiele 2018 und 2022 sehr viel gelernt. Ich bekam Zugang zu Informationen, die ich zuvor nicht bekommen habe, ich war in viele Abläufe mit eingebunden. Und ich muss sagen: Alles was ich im Zuge dieser Bewerbungen erfahren habe, war immer noch schlimmer als das, was ich eh schon wusste.
Nicht die geringste Aussicht auf Besserung?
In unserem ursprünglichen Widerstand war ja das Thema Doping nur eine Randnotiz. Inzwischen ist diese Betrügerei ein zentrales Thema. Ich habe als Kritiker begonnen, heute bin ich ein Feind der Olympischen Spiele. Die sollen den Laden zusperren und was ganz Neues aufmachen.
Haben Sie mit IOC-Chef Thomas Bach über seine olympische Agenda gesprochen? Es soll alles kleiner und übersichtlicher werden.
Wir hatten mal einen E-Mail-Austausch. Aber ehrlich gesagt: Was sollte ich mit ihm bereden? Von diesem Internationalen Olympischen Komitee (IOC) ist keine Besserung zu erwarten. Die Spiele werden entgegen allen Beteuerungen weiter kommerzialisiert und aufgebläht. 2010 in Vancouver gab es noch 86 Entscheidungen, in Sotschi 98, jetzt in Pyeongchang sind es 102. Bachs Kampf gegen Doping ist unglaubwürdig, seine Verbindungen zu Diktatoren wie Putin sind zumindest kritikwürdig, im IOC sitzen noch immer Gestalten wie Ex-Fifa-Chef Joseph Blatter. Das IOC ist in meinen Augen nicht mehr reformierbar. . .
. . . und die Olympischen Spiele?
Die Winterspiele sind inzwischen ein Anachronismus. 22 Orte haben bisher Winterspiele ausgetragen. Wenn der Klimawandel so weiter geht, wird es in 50 Jahren nur noch fünf, sechs Orte geben, die das können. Vielleicht verlegt das IOC die Winterspiele irgendwann komplett in die Halle. Dann können sie ihr Spektakel auch in Katar machen.
Olympiasieger Markus Wasmeier fordert, dass sich Deutschland mal wieder bewerben soll. Was antworten Sie ihm?
Dass er schon bei den Bewerbungen für 2018 und 2022 viel Schmarrn erzählt und nichts daraus gelernt hat. Es hieß vor Jahren, Garmisch-Partenkirchen müsse endlich was machen, weil uns die Leute nicht mal mehr auf der Landkarte finden. Inzwischen haben wir 1,6 Millionen Übernachtungen im Jahr und kommen allmählich in die Situation von Mallorca. Wir müssen uns überlegen, wohin mit unserem Tourismus. Wie viele Gäste können wir uns leisten? Es gibt schon Ermüdungserscheinungen unter den Einheimischen gegenüber den Touristen.

Axel Doering (Jahrgang 1947) war über 40 Jahre lang Revierförster in Garmisch-Partenkirchen. Er ist Vorsitzender des Bund-Naturschutz in Garmisch-Partenkirchen (BN) und des Arbeitskreises Alpen des BN. Als langjähriger Gemeinde- und Kreisrat kennt er nicht nur den Ort, die Landschaft und die Wälder, sondern auch die politischen Hintergründe vieler Entwicklungen in seinem Heimatort.Er zählte zu den profiliertesten Stimmen des Widerstands gegen die Bewerbungen von Garmisch-Partenkirchen für die Olympischen Winterspiele 2018 und 2022. Mit der ersten Bewerbung unterlag sein Heimatort dem derzeitigen Olympia-Gastgeber Pyeongchang.in zweiter Anlauf wurde 2013 von Bürgerentscheiden in Garmisch-Partenkirchen (52,11 Prozent gegen die Bewerbung), München (52,1), im Berchtesgadener Land (54,02) und im Landkreis Traunstein (59,67) gestoppt.

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