Michael Jung aus Horb könnte in Paris als erster Vielseitigkeitsreiter das dritte Einzel-Gold gewinnen. Er selbst ist optimistisch – weil seine Pläne bisher meistens aufgegangen sind.
Manchmal muss man verzichten, um am Ende belohnt werden zu können. Vor vier Wochen lagen Michael Jung (41) und Chipmunk beim CHIO in Aachen nach der besten Dressur und einem fehlerfreien Springen klar in Führung, verzichteten dann aber auf den Geländeritt und den möglichen Sieg – um die Chancen auf den Olympiasieg in Paris nicht zu schmälern. „Das war so vorgesehen“, sagt der Vielseitigkeitsreiter aus Horb, „also haben wir uns daran gehalten.“ Nun soll, im Garten von Schloss Versailles, auch noch der Rest des Plans aufgehen. Womit sich Michael Jung endgültig zum König der Reiter küren würde.
Er selbst hält bekanntlich nichts von solchen Superlativen, dafür ist er viel zu bescheiden. Ein klares Ziel für die anstehenden Sommerspiele formuliert der dreimalige Olympiasieger (Gold im Einzel und Team 2012 in London, Gold im Einzel 2016 in Rio/jeweils auf Sam) aber sehr wohl. „Ich will zwei Medaillen holen“, sagt er, „etwas anderes zu sagen, wäre nicht korrekt.“ Und damit nicht seine Art. Ehrlich ist Michael Jung auch, wenn er an Tokio 2021 zurückdenkt.
Tokio ist abgehakt – aber nicht vergessen
In Japan waren Jung und Chipmunk klar favorisiert, als erster Vielseitigkeitsreiter der Geschichte hätte er das dritte Olympia-Gold holen können. In der Dressur ging das Paar in Führung, auch der Geländeritt lief perfekt – bis zum 14. Sprung. Mit einer kleinen Berührung nahmen Jung und Chipmunk das Hindernis und befanden sich schon auf dem Weg zum nächsten, als der 30 Zentimeter dicke Balken doch noch zu Boden fiel. Aus Sicht des Reiters ein klarer Fehler des sogenannten MIM-Systems, das helfen soll, schwere Stürze zu vermeiden. Hatte sich der Balken diesmal zu leicht aus den Sicherheitsklammern gelöst? Waren diese nicht korrekt angebracht worden? Ein Protest des deutschen Teams wurde abgewiesen, die Chancen auf eine Medaille waren dahin. „Wir konnten nichts dafür, haben eine tolle Leistung abgeliefert. Durch äußere Einflüsse nicht gewinnen zu können, war extrem bitter und eine riesengroße Enttäuschung“, sagt Michael Jung, „natürlich ist Tokio mittlerweile abgehakt. Vergessen ist es nicht.“
Das liegt auch daran, dass Michael Jung aus diesem Wettkampf vor drei Jahren wichtige Lehren gezogen hat: „Man darf sich keine Fehler erlauben! Und alles, was man beeinflussen kann, muss man auch beeinflussen!“ Oder anders ausgedrückt: Tokio 2021 hat den Mann, den nicht wenige Experten für den besten Reiter der Welt halten, noch stärker gemacht. Dazu kommt, dass Chipmunk weiterhin zu den absoluten Top-Pferden gehört. „Seine Form ist genau so, wie ich mir das wünsche“, sagt Michael Jung, „wir können in Paris ganz vorne dabei sein.“ Auch weil kein Konkurrent besser vorbereitet sein wird als er selbst.
Das fotografische Gedächtnis hilft Michael Jung
Der alte Kalauer, dass Reiter nur zu faul zum Laufen sind, verfängt bei Michael Jung jedenfalls nicht. Ganz im Gegenteil. Er geht alle Kurse vor dem Start vier- bis fünfmal zu Fuß ab. Dabei prägt er sich jeden Meter ein – nicht nur die Hindernisse mit ihren diversen Sprüngen, sondern jeden Hügel, jede Senke, jedes Merkmal des natürlichen Geläufs. Zugleich legt er seine persönliche Ideallinie fest, die oft schwierig und riskant ist, aber Zeit spart. Dabei hilft ihm, dass er über ein fotografisches Gedächtnis verfügt: „Wenn man mich nachts um 3 Uhr weckt, kann ich die Geländekurse von London, Rio und Tokio fehlerfrei rekapitulieren.“ Daran hat sich nichts geändert – obwohl Michael Jung mittlerweile öfter mal auf andere Gedanken kommt.
Der Berufsreiter ist verheiratet mit Faye Füllgraebe-Jung, das Paar hat zwei Kinder: Mit Tochter Mara (wird im August ein Jahr alt) und Sohn Lio (drei Jahre) verbringt er so viel Zeit wie möglich. Und empfindet dies nicht nur persönlich als Bereicherung, es hilft ihm auch im Sport. „Wenn mal etwas daneben geht, unterstützt mich die Familie, dies leichter wegzustecken“, sagt der dreimalige Welt- und siebenmalige Europameister, „es ist die perfekte Ablenkung.“ Und die beste Möglichkeit, um die Akkus wieder aufzuladen.
Folglich wird Michael Jung – egal, wie die Wettbewerbe in Versailles auch ausgehen – keinen Gedanken daran verschwenden, seine einzigartige Karriere zu beenden. „Es macht mir immer noch riesigen Spaß, Pferde auf das nächste Level zu bringen“, sagt er, „ich bin nicht Reiter geworden, um irgendetwas zu gewinnen, sondern um die Faszination dieses Sports zu erleben – und das hoffentlich noch weitere 15 oder 20 Jahre.“ Hört sich nach einem guten Plan fürs Leben an.