Die russische Langläuferin Daria Neprjajewa darf bei den Olympischen Winterspielen starten – als neutrale Athletin. Foto: Imago/Bildbyran

Auch bei den Olympischen Winterspielen im Norden Italiens sind nur wenige Athletinnen und Athleten aus Russland und Belarus dabei – doch die Rückkehr ist nicht mehr fern.

Politische Botschaften sind bei olympischen Wettkämpfen untersagt, doch manchmal ist die Lage zu bedrohlich, um zu schweigen. Dachte sich zumindest Wladyslaw Heraskewytsch. Also hielt der Skeleton-Pilot aus Kiew nach seinem dritten Lauf im Zielbereich des Eiskanals von Yanqing ein selbst gebasteltes Schild in die Höhe. „No war in Ukraine“ stand darauf zu lesen. Kein Krieg in der Ukraine. Das war im Februar 2022.

 

Vier Tage nach dem Ende der Winterspiele in Peking überfiel Russland die Ukraine, der Angriffskrieg tobt bis heute. Vier Jahre später schaut die Welt wieder auf Wladyslaw Heraskewytsch. Bei der Eröffnungsfeier der Winterspiele von Mailand und Cortina wird der mutige Athlet an diesem Freitag der Fahnenträger des ukrainischen Teams sein. Seine Botschaft hat er schon vorher verkündet. „Jedes Mal, wenn ich in die Ukraine fahre, besuche ich eine Beerdigung“, sagte er in einem SZ-Interview und kritisierte, dass im Norden Italiens Sportler aus Russland und Belarus am Start sein werden: „Das ist einfach nur traurig und schlecht. Denn es normalisiert die Handlungen Russlands.“

Bei den Paralympics gibt es keine Auflagen mehr

Auch vor zwei Jahren, vor den Sommerspielen in Paris, hatte die Russland-Frage das Internationale Olympische Komitee (IOC) beschäftigt. So sehr, dass das innige Verhältnis, das Russlands Präsident Wladimir Putin und Thomas Bach, der Herr der Ringe, bis dahin pflegten, zerbrach. Denn das IOC hob zwar den kompletten Ausschluss von Russland und Belarus auf, die neuen Regeln aber passten dem Machthaber in Moskau trotzdem nicht. Denn es durfte (nach Überprüfung durch die Fachverbände) nur starten, wer nachweislich keine Verbindung zum Militär oder zu Sicherheitsorganen hat, nicht aus einem Armee-Sportclub kommt und kein Kriegs-Unterstützer ist. Nationale Symbole und Fahnen waren verboten, Hymnen wurden nicht gespielt. Und Mannschaften blieben weiterhin außen vor. Letztlich waren in Paris 15 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus Russland sowie 16 aus Belarus als „individuelle neutrale Athleten“ dabei, viele von ihnen beim Tennis-Turnier. Ähnlich ist das Szenario nun wieder. Zumindest bei Olympia.

Mutiger Skeleton-Pilot aus der Ukraine: Wladyslaw Heraskewytsch Foto: imago/ZUMA Press Wire

In den zurückliegenden Monaten mussten einige Wintersport-Weltverbände russische und belarussische Einzelsportler wieder zulassen, der kollektive Bann hielt einer Überprüfung durch den Internationalen Sportgerichtshof (Cas) nicht stand. Zugleich änderte auch das IOC seine Strategie: Bei den Olympischen Jugendspielen 2026 in Dakar wird es wieder ein russisches Team geben, das Flagge zeigen darf. Und das Internationale Paralympische Komitee (IPC) legte gleich eine komplette Kehrtwende hin. Die Paralympics in Mailand und Cortina (6. bis 15. März) finden mit Russen und Belarussen statt – ohne Auflagen. „Das ist menschlich und sportlich falsch“, sagte die Stuttgarter Para-Athletin Anja Wicker dem ZDF, „der Krieg läuft ja weiter, es hat sich nichts geändert.“ Dagegen frohlockte der russische Sportminister Michail Degtjarjow: „Wir kehren in den Weltsport zurück.“ Ein bisschen dauert es allerdings noch.

Kein Treffen der Biathleten bei Olympia

Bei den Winterspielen im Norden Italiens sind, wenn keine Gründe mehr gefunden werden, die gegen eine Teilnahme sprechen, 13 russische und sieben belarussische Sportlerinnen und Sportler zugelassen – unter denselben Bedingungen wie 2024 in Paris. Sie verteilen sich auf acht Sportarten (Ski alpin, Langlauf, Ski-Freestyle, Skibergsteigen, Eiskunstlauf, Eisschnelllauf, Shorttrack, Rodeln), prominente Namen sind außer der belarussischen Ski-Freestylerin Hanna Huskowa, die 2018 Aerials-Olympiasiegerin wurde, nicht darunter, und auch keine Biathleten. „Das ist zwar etwas polemisch“, sagte Christian Winkler, der Kommunikationschef des Weltverbandes (IBU), „aber es ist schwer vorstellbar, dass ukrainische und russische Athleten mit einem Gewehr nebeneinanderstehen.“

Auch für Wladyslaw Heraskewytsch wäre dies ein olympisches Horrorszenario. Auf die Frage, ob es stimme, dass das IOC ihn gewarnt habe, auch diesmal wieder Haltung zu zeigen und ein Plakat in die Kamera zu halten, antwortete er klar und deutlich („Ukrainische Funktionäre wurden kontaktiert, sie haben diese Information an mich weitergegeben“). Offen ließ er, ob er sich an diese Anweisung halten wird: „Wir werden die IOC-Regeln nicht verletzen. Aber wir werden sicherstellen, dass die Welt davon erfährt, was in der Ukraine geschieht.“ Ein Krieg, der auch die Welt des Sports spaltet.