Ökologisch und nachhaltig? Die neue Bobbahn für die Spiele kostete 124,8 Millionen Euro. Foto: Michael Kappeler/dpa

In Norditalien beginnen an diesem Freitag die Olympischen Winterspiele. Kann das neue Konzept überzeugen und den Ausrichtern zu neuem Glanz verhelfen?

Für den ersten Eindruck gibt’s keine zweite Chance? Dann hat Cortina d’Ampezzo nun tatsächlich jene Probleme, die alle Mahner und Zweifler vorausgesagt haben. Denn wer kurz vor dem Start der 25. Olympischen Winterspiele den Dolomitenort erreicht, sieht: Bagger, schweres Gerät, unzählige Menschen mit Schaufeln.

 

Allerdings: Nicht allein die restlichen Baustellen und Werkeleien an der Ringe-Dekoration sind der Grund. Sondern: der Schnee. Fast 30 Zentimeter am Mittwoch, noch ein bisschen obendrauf am Donnerstag. Bevor dann am Nachmittag erstmals wieder die Sonne auf die „Königin der Dolomiten“ schien, wurde Cortina d’Ampezzo eingehüllt in eine weiße Decke – und kann auf dieser Basis noch schöner glitzern und funkeln, als es der Ort sonst schon gerne tut.

„Der Schnee war auch dringend notwendig“, sagt der Chef im Hotel Baur al Lago am Toblacher See. Der liegt, der Name verrät es, nahe Toblach – oder, wie der italienische sprechende Teil der Südtiroler Bevölkerung sagen würde: in Dobbiaco. Es ist idyllisch hier, der Trubel von Cortina (jenseits der „Landesgrenze“ in Veneto, wie der Chef sagt) ist hier weit weg – und dass der Ort das Zentrum zweier olympischer Wettkampfstätten bildet, muss man eher erklären, als dass es auf den ersten Blick sichtbar wäre.

In Antholz werden die Biathlonrennen ausgetragen, in Cortina fahren die alpinen Ski-Damen um Medaillen, dazu steht hier der Eiskanal, auch Curling wird im Olympiastadion von 1956 gespielt. Toblach liegt in der Mitte – aber längst nicht aller olympischen Aktivitäten.

Das Konzept, mit dem sich Mailand und Cortina d’Ampezzo beworben und den Zuschlag 2019 erarbeitet haben, beschränkt sich nicht auf diese beiden Destinationen – die Metropole und das mondäne Bergdorf. Es gibt zudem Wettbewerbe im Val di Fiemme, in Bormio und in Livigno. Die Schlussfeier findet gar in Verona statt. Es hat vor allem einen Grund, weshalb das so geplant worden ist: Man versprach, vorhandene Sportstätten zu nutzen.

Starker Schneefall verhinderte das Alpin-Training der Frauen Foto: Marco Trovati/AP/dpa

Darüber, wie nachhaltig dieses Konzept nun wirklich ist, wird seit Jahren gestritten. Einerseits, weil trotz allem viele Wettkampfstätten millionenschwer ertüchtigt oder sogar neu gebaut wurden. So geschehen etwa beim Eiskanal „Eugenio Monti“. Der Plan, die Rinne zu renovieren, wurde teurer und teurer. Irgendwann verwarf man die Idee – und hatte nur zwei Optionen: die Bob-, Rodel- und Skeletonwettbewerbe in Innsbruck oder St. Moritz auszutragen. Oder eben neu zu bauen.

Für das Internationale Olympische Komitée (IOC) wäre eine Ausweichdestination in Ordnung gewesen. 124,8 Millionen Euro war man in Italien dann aber bereit zu investieren, um die Spiele komplett im eigenen Land zu halten. Gut angelegtes Geld? Ein vertretbarer Eingriff?

Darüber streiten sich beispielhaft für olympische Sinnfragen unzählige Menschen. Vor allem, weil gerade in Italien schon schlechte Erfahrungen gemacht worden sind. 2006 war Turin Schauplatz der Winterspiele – es entstanden Schanzen, ein Eiskanal und weitere Infrastruktur, die heute nicht mehr genutzt wird. Bei der neuen „Eugenio Monti“ wird das anders sein, versichern nun Bauherren wie Nachwuchsförderer. Die Athletinnen und Athleten sind derweil begeistert von der neuen Rinne.

Weite Wege, aber nicht für die Athleten

Ohnehin sind viele von ihnen froh, dass die Winterspiele nun zurückkehren in den Alpenraum – und damit auch das fortsetzen, was Paris 2024 für die Sommerspiele war. „Das sind Orte mit wahnsinniger Historie im Wintersport“, sagt die Olympiasiegerin Viktoria Rebensburg. „Es ist einfach schön, dass die Spiele wieder in Europa sind“, findet Horst Hüttel, der Chef der Nordischen Disziplinen beim Deutschen Skiverband (DSV), dessen Schützlinge in Predazzo um Medaillen kämpfen werden – und deshalb von den anderen Mitgliedern des Teams Deutschland nicht viel sehen werden.

Das Fleimstal liegt zwar nur rund 50 Kilometer Luftlinie von Cortina entfernt, im Winter benötigt man mit dem Auto aber mehr als drei Stunden. Vom Olympia der langen Wege ist daher oft die Rede gewesen zuletzt. Für die Sportlerinnen und Sportler an ihren jeweiligen Standorten ist es das Gegenteil. Die modernisierte Langlauf-Arena in Tesero liegt direkt an der Hauptstraße, die durchs ganze Tal führt. Bis zum Olympischen Dorf, das sich in Predazzo befindet, sind es nur gut fünf Kilometer. Und von dort bis zu den beiden Schanzen nur drei Minuten zu fahren. Dass die Skispringer, Langläufer und Kombinierer hier unter sich sind? Ist halt so.

„Für uns ist es eine olympische Weltmeisterschaft“, sagt Julian Schmid mit einem Lächeln, und sein Kombinierer-Kollege Johannes Rydzek meint: „Ich finde es schön, dass vorhandene Strukturen genutzt werden – und am Ende ist doch ohnehin jeder nur auf seine Wettkämpfe fokussiert.“ Unterschiede gibt es im deutschen Lager trotzdem.

Die Langlauf- und Kombi-Teams haben sich ein eigenes Quartier gesucht. Sie residieren in der Villa di Bosco, einem vier Kilometer nördlich von Tesero gelegenen Hotel. Die Skispringer und ihre Betreuer wohnen dagegen im Olympischen Dorf. „Das gehört für mich dazu“, sagt Bundestrainer Stefan Horngacher, „wir sind bei Olympia, also wollen wir Olympia auch erleben.“ Trotzdem haben sich auch die deutschen Bobfahrer und Rodler ein eigenes Quartier gesucht.

Viele olympische Dörfer

Olympische Dörfer gibt es dennoch einige. In Mailand, wo die Spiele an diesem Freitag mit der Eröffnungsfeier im Fußballstadion Giuseppe Meazza gestartet werden. Aber auch anderswo, etwa in Cortina. Dort haben die Mobile-Homes wenig zu tun mit dem Stadtbild, das altehrwürdige Hotels sowie Luxusmarken prägen. Und es verwunderte kaum, dass am Donnerstag zum Start der Curlingwettbewerbe mal kurz der Strom weg war. Der wird ja anderswo im Ort gebraucht.

Das Grand Hotel „Savoie“ (hier wohnt die IOC-Familie) funkelt unter anderem mit dem Grand Hotel „Ampezzo“, dem Hotel „de la Poste“ und dem „Parc-Hotel Victoria“ um die Wette. Das „Franceschi Park Hotel“ dient als „Villagio Italia“ und wird abends in den Landesfarben angestrahlt. Alt, aber mondän, lautet das Motto. Auf dem Weg in die Moderne gibt es dagegen auch Probleme. Die Gondel, die Zuschauer in den Zielbereich der Alpin-Rennen bringen sollte, ist noch nicht fertig. An der Bobbahn versteckt der Schnee viel Bauschutt. Und auch nicht jede Nobelherberge hat den Betrieb schon aufgenommen.

Der „Bellevue-Komplex“ füllt eine riesige Fläche im Ortskern, aber noch ist nicht einmal der Rohbau fertig. Das Hotel „The First“ ist noch umgeben von einer Hülle, die den Stand der Arbeiten nicht genau erkennen lässt. Es wirbt ganz offen mit der Eröffnung 2027. Wenn Cortina d’Ampezzo ein zweites Mal vom olympischen Prestige profitieren will.

1956 waren die Spiele schon einmal zu Gast in dem herrlich spektakulär umrahmten Dolomitenort. Erstmals wurden damals Winterspiele live im TV übertragen – und das zeigte Wirkung. Später begründeten Sophia Loren oder Gina Lollobridgida den Ruf Cortinas, zudem wurde der Ort Filmkulisse für Elizabeth Taylor und Henry Fonda („Die Rivalin“) sowie für James-Bond-Darsteller Roger Moore („In tödlicher Mission“).

Wird Norditalien im Gegensatz zu 2006 nun also wieder neuen Glanz erhalten? Den Milliarden-Investitionen stehen ungefähr genauso viele Einnahmen entgegen. Zudem positive Auswirkungen in Höhe von 5,3 Milliarden Euro. Das rechneten Forscher der Universitäten Venedig und Mailand vor. Ob ihre Prognose Realität wird, kann in den kommenden zwei Wochen nicht beantwortet werden. Ob das Modell, vorhandene Sportstätten trotz großer Distanzen dazwischen zu nutzen, dennoch olympisches Flair aufkommen lässt, dagegen schon.

Aktuelle und ehemalige Athletinnen und Athleten scheinen da ganz zuversichtlich. „Auch, wenn die Wettkampfstätten weit auseinanderliegen“, sagt der Ex-Biathlet Michael Rösch, „geil wird es trotzdem.“ Die Bilder aus den Dolomiten werden dazu beitragen. Erst Recht nach dem Schneefall der vergangenen Tage.