Julia Taubitz hat in Cortina d’Ampezzo Olympia-Gold gewonnen – und nutzt dabei eine bittere Erfahrung, die sie vor vier Jahren viele Tränen gekostet hat.
Wie sehr im Sport Freud und Leid beieinander liegen, ist hinlänglich bekannt. Weiterer Beweise bedarf es eigentlich nicht. Am Dienstagabend gab es im Eiskanal „Eugenio Monti“ in Cortina d’Ampezzo dennoch einen. Mit zwei deutschen Rodlerinnen in den Hauptrollen.
Für Julia Taubitz war vor dem letzten der vier Läufe alles angerichtet. Die 29-Jährige aus Oberhof ging mit einem satten Vorsprung ins Finale, lieferte eine saubere letzte Fahrt – und saß wenig später vor Freude weinend auf ihrem Schlitten. Der Jubel kannte kaum Grenzen. Einige Meter weiter war das ganz anders. Da stand Merle Fraebel, weinte voller Traurigkeit und zog sich irgendwann die rote Kapuze über den Kopf. „Für Merle“, sagte Patric Leitner, „tut es mir furchtbar leid.“ Der Bundestrainer ergänzte: „Es wäre ein Kopf-an-Kopf-Rennen geworden.“
Nach dem ersten Lauf hatte die 22-jährige Fraebel in Führung gelegen, dann hatte Taubitz gekontert. An Tag zwei sollte der Krimi seinen Höhepunkt erreichen. Doch dann erlebte die Jüngere der beiden ihren persönlichen Tiefpunkt. Merle Fraebel verpatzte den Start in Lauf drei, schlug rechts und links an die Bande – und verlor über eine Sekunde. Eine Medaille war damit außer Reichweite. Am Ende wurde sie Achte. Anna Berreiter kam auf Platz sechs.
„Natürlich ist sie jetzt mega traurig“, sagte Leitner. Der Chefcoach betonte aber auch: „An ihr werden wir noch viel Freude haben.“ Man werde Merle Fraebel im Team nun wieder aufbauen. Und sollte diese dennoch Zweifel haben, künftig Großes erreichen zu können, dann muss sie sich eigentlich nur die Geschichte ihrer Teamkollegin vor Augen führen. Was diese übrigens selbst tat zwischen Lauf drei und vier.
Nicht ganz freiwillig natürlich. Denn Julia Taubitz erlebte ihren olympischen Albtraum vor vier Jahren. Als Favoritin war sie nach Peking gereist – und stürzte schon im zweiten Durchgang, rutschte auf dem Bauch liegend ins Ziel und war jede Chance auf eine Medaille los. „Mir ging es wirklich dreckig“, erklärte sie am Tag danach – und gab zu: „Ich hätte auch nie gedacht, dass mich der Sport mal in so ein tiefes Loch ziehen kann.“
Als sie Merle Fraebel patzen sah, dachte Julia Taubitz kurz an diesen Moment vor vier Jahren – schaffte es dann aber, negative Gedanken nicht zuzulassen und fokussiert zu bleiben. Was sich auszahlte. Ihr Start gelang auch im finalen Lauf, schon drei Kurven vor dem Ziel sei sie sich dann sicher gewesen, dass es diesmal geklappt hat. Und dass „ein Kindheitstraum“ in Erfüllung gegangen ist.
Es gibt eine weitere Chance auf Gold
„Ich habe mich sehr gefreut und viel geweint“, sagte sie nach der Siegerehrung und war ganz zufrieden damit, dass die Goldmedaille kein Leichtgewicht ist. „Das Mäuschen hier“, sagte sie und wog die Plakette in ihrer linken Hand, „ist ganz schön schwer. Das macht es mir leichter, alles zu realisieren.“ Dass sie nach acht WM-Titeln und fünf Triumphen im Gesamtweltcup nun auch Gold bei Olympia gewonnen hat.
Patric Leitner gab seinem Schützling („Sie hat total verdient gewonnen“) quasi den Partybefehl. Aber auch der Bundestrainer erinnerte sich an Peking 2022 – und machte mit einer Anekdote deutlich, für welch große Sportlerin er Julia Taubitz hält.
„Als ihr das damals passiert ist, hat sie sich nicht in ihrem Zimmer versteckt“, erzählte Leitner. Vielmehr habe sie ihre Teamkolleginnen Natalie Geisenberger (Gold) und Anna Berreiter (Silber) bei deren Rückkehr ins olympische Dorf am Eingang empfangen – und ihnen Applaus gespendet. „Respekt“ zollt Leitner ihr dafür noch heute. Er betonte: „Sie ist eine Kämpferin.“
Die hat in den Jahren seit Peking „viel gearbeitet“, sagte sie – und auch nicht versucht, das Erlebte aus ihrem Gedächtnis zu streichen. „Das gehört zu mir“, sagte sie – und: „Ich hoffe, dass ich nun ein Vorbild bin und man sieht: Auch nach einem solchen Rückschlag kann man sich seinen Kindheitstraum noch erfüllen.“ Daher sei sie mit dem Abstand von vier Jahren „dankbar“ für die Erfahrung von Peking, „auch sie hat mich nun zu diesem Gold gebracht“. Das nun erst einmal gefeiert wird.
„Ich lasse schon gerne mal die Sau raus“, sagte Julia Taubitz am Dienstagabend lachend – aber auch wissend, dass sie es nicht übertreiben darf. Denn am Donnerstag hat sie die Chance auf eine weitere Medaille in der Teamstaffel. „Halbgas“, versprach sie daher für die Medaillenfeier, erst nach dem letzten Rennen heiße es dann „Vollgas“. Womöglich mit einem zweiten goldenen „Mäuschen“ um den Hals.