Toni Sailer, Jean-Claude Killy – und nun Franjo von Allmen. Der Schweizer hat zum dritten Mal bei diesen Winterspielen Gold gewonnen. Was zeichnet ihn aus?
Dass an diesem Mittwoch in Bormio Historisches geschehen war, zeigte schon der Blick auf die Anzeigetafel. Das Super-G-Rennen der Herren war gerade zu Ende gegangen – und ganz oben auf der Liste der Platzierten stand ein Name, der bei diesen Olympischen Spielen von Mailand und Cortina schon zweimal dort geführt worden war. Der Schweizer Franjo von Allmen also hat neben der Abfahrt und der Team-Kombination (mit Tanguy Nef) auch den Super-G gewonnen. Fast noch unglaublicher wurde es dann aber in einem der ersten Interviews, die der 24-Jährige nach seinem Sieg gab.
Er sagte: „Mir fehlen die Worte.“ Und das kommt nicht häufig vor. Normalerweise nämlich ist der Mann aus Boltigen im Kanton Bern verbal mindestens genauso unterhaltsam wie auf Skiern. Beispiele gefällig? Bitte sehr.
Als Franjo von Allmen nach seinem Gold in der Abfahrt ohne Medaille zu den TV-Interviews erschien, erklärte er: „Die Medaille hat mir jemand in den Safe gebracht. Ich kenne mich, die verliere ich noch.“ Er ergänzte: „Ich bin ein bisschen ein Chaot.“ Als er darauf angesprochen wurde, zu den eher gewichtigeren Fahrern zu gehören, antwortete er: „Wenn mir jeder sagt, ich sei fett, dann muss ich das Fett ja irgendwie nach unten schieben.“ Und als er gefragt wurde, ob er sich nach den Spielen ein Tattoo stechen lassen wird, konterte er: „Auf einen Ferrari klebt man ja auch keinen Aufkleber.“
Nein, macht man nicht. Aber über das Tattoo könnte er ja trotzdem noch mal nachdenken. Allerdings könnte es nun sogar größer ausfallen als zunächst gedacht. Denn: Wäre die Goldmedaille dieser Spiele das Motiv, von Allmen bräuchte nun drei davon. „Es ist“, sagte er nach seinem dritten Gold, „komplett unrealistisch.“ Er meinte den Mittwochvormittag, aber auch „diese ganzen Olympischen Spiele“. Der Schweizer ergänzte: „Es ist, als würde ich träumen.“
Zumal der historische Bezug gewaltig ist. Zweimal gab es bis dahin erst alpine Skirennläufer, die bei Winterspielen dreimal Gold gewonnen haben. Jean-Claude Killy gelang das 1968 in Grenoble. Toni Sailer 1956 – in: Cortina d’Ampezzo. Der Dolomitenort ist auch diesmal Ausrichter der Spiele, allerdings fahren auf den Pisten der Tofana nur die Frauen. Die Männer absolvieren ihre Rennen in Bormio – was von Allmens Serie aber nur noch bedeutsamer macht. Denn: Zufallssieger gibt es auf der Stelvio nicht. „Das ist“, sagte Bernhard Russi nach der Abfahrt, „eines der größten Rennen, die ich je gesehen habe.“
Der Schweizer wurde 1972 Olympiasieger – als amtierender Weltmeister. Auch das gab es vor diesen Spielen nur zweimal. Ehe Franjo von Allmen auch diesen Rekord einstellte. Dass ihn das groß beschäftigen wird, ist allerdings eher nicht zu erwarten. Zu der Tatsache, dass er zu Sailer und Killy aufgeschlossen hat, sagte er am Mittwoch nur: „Das wusste ich überhaupt nicht.“ Was dagegen klar ist: dass er auf einem eher ungewöhnlichen Weg in den Olymp gelangt ist.
Die Karriere stand auf der Kippe
Der heute 24-Jährige war nie auf einer der Sportschulen des Landes. Und als er 17 Jahre alt war, stand infrage, ob er seinen Traum, Ski-Profi zu werden, überhaupt weiterverfolgen wird können. Nach dem unerwarteten Tod seines Vaters fehlte der Familie das Geld für den kostenintensiven Sport. Nur dank einer Crowdfunding-Aktion ging es weiter, und von Allmen erreichte den Nationalkader.
Nur auf das Pferd Skifahren setzte er in der Folge nicht. Der nun erste Super-G-Olympiasieger der Schweiz absolvierte eine Lehre als Zimmermann, die er 2021 abschloss. „Die Ausbildung war wichtig für mich“, sagte er, „danach konnte ich mich voll auf den Sport konzentrieren, weil ich jetzt einen Plan B hatte, falls mal was schiefgeht.“ Im gefährlichen Abfahrtssport ist das alles andere als ausgeschlossen. Zumal als risikobereiter Rennläufer.
Wobei. Bernhard Russi sagte dem „Blick“, er habe hier „einen anderen von Allmen“ wahrgenommen. Weniger aggressiv und risikoreich, er habe „die ultimative Reifeprüfung abgelegt“. Was einem Teamkollegen die bisherigen Winterspiele 2026 schwer macht.
Marco Odermatt, der Superstar der Szene, wollte nach seinem Olympiasieg im Riesenslalom 2022 in diesem Jahr in Bormio weitere Goldmedaillen gewinnen. Vier gute Chancen hatte er, dann wurde er in der Abfahrt Vierter, in der Team-Kombination Zweiter, im Super-G nun Dritter. „Mit einer Medaille muss man zufrieden sein“, sagte er, „aber ich wollte ein bisschen mehr.“ Er wurde auch genauer: „Ich wollte Gold, aber Franjo ist einfach im Flow.“ Für sein zweites Gold bleibt ihm nun nur noch eine Chance: im Riesenslalom am Samstag.
Die gute Nachricht für Marco Odermatt: Franjo von Allmen ist dann nicht am Start.