Kombinierer Philipp Nawrath, Biathlet Manuel Faißt und Foto: imago/Daniel Goetzhabe/Ramil Sitdikov, //Hendrik Schmidt

Gleich dreimal schrammen deutsche Athletinnen und Athleten am Dienstag mit vierten Plätzen denkbar knapp an einer Podestplatzierung vorbei. Das sind ihre Geschichten.

Zhangjiakou/Yanqing - Wer bisher dachte, Wettkämpfe in der nordischen Kombination seien eher eintönig, oft langweilig, vielleicht sogar altmodisch – der liegt komplett falsch. Würde es Medaillen für Spannung und Dramatik geben, der Mix aus Skisprung und Langlauf stünde bei diesen Winterspielen auf dem Podest. Auch der zweite Wettbewerb (Großschanze, 10-Kilometer-Lauf) war eine perfekte Werbung für die Sportart, obwohl die Deutschen diesmal leer ausgingen. Anteil an der PR-Show hatten sie trotzdem. Dank Manuel Faißt.

 

Der Schwarzwälder biss auf der Zielgerade die Zähne zusammen, er kämpfte, gab alles. Und doch reichte es nicht. Nicht zur Medaille. Und nicht zum glücklichen Ende einer außergewöhnlichen Geschichte. Denn ursprünglich stand Faißt gar nicht im Olympiateam. Auf die Enttäuschung über die Nichtnominierung folgte ein Anruf. Nach den positiven Coronatests bei Eric Frenzel und Terence Weber wurde der Ersatzmann nach China beordert, hielt sich in Zhangjiakou fit und wurde ins Team berufen, weil Weber erst am Dienstag aus dem Quarantäne-Hotel entlassen worden ist. Und dann war Faißt plötzlich der beste Deutsche.

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Nach einem Sprung auf 133 Meter lag er auf Rang vier, nur 47 Sekunden hinter Jarl Magnus Riiber (Norwegen). Da Julian Schmid (9./+ 1:35 Minuten), Vinzenz Geiger (14./+ 2:15) und Johannes Rydzek (15./2:18) auf der Schanze schwächelten, hatte nur er realistische Medaillenchancen. Bis 500 Meter vor dem Ziel sah es so aus, als würde er es aufs Podium schaffen. Doch dann machte ihm ein Teamkollege einen Strich durch die Rechnung. Geiger gab nach der zweiten von vier Runden richtig Gas. Doch dem Oberstdorfer ging der Saft aus, dafür führte er die Norweger Joergen Graabak und Jens Luraas Oftebro nach vorne. Sie überspurteten Faißt und Akito Watabe, holten sich Gold und Silber vor dem Japaner.

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In der Dramatik des Augenblicks wäre Jarl Magnus Riiber beinahe untergegangen. Der nordische Dominierer der vergangenen Jahre befand sich elf Tage im Quarantäne-Hotel. Kaum wieder draußen, sprang er fantastische 142 Meter. Rund eine halbe Minute büßte er ein, weil er sich anschließend verlief – im Zielbereich nahm er die falsche Spur, musste umkehren. Danach verließen ihn die Kräfte, am Ende wurde er Achter: „Was für ein dummer Fehler. Es ist nicht lustig, der Welt zu zeigen, dass ich auf diese Art und Weise eine Goldmedaille wegwerfe.“

Ein bitterer Morgen für Kira Weidle

Die Sonne scheint, die Vögel zwitschern, der Picknickkorb ist gepackt, das Verdeck beim Cabrio unten – und an der Ampel kracht ein Auto von links in die Fahrertür. Für Kira Weidle war dieser laute Aufprallknall der Blick auf die Anzeigetafel im Ziel. Es leuchtete die „4“ auf, die chinesische Unglückszahl, die in diesem Moment die persönliche Unglückszahl der deutschen Abfahrerin wurde. Was die Tragik noch verschärfte: Der Abstand zur Italienerin Nadia Delago auf „3“ betrug nur 14 Hundertstelsekunden. „Das ist so bitter. Unglaublich“, sagte Kira Weidle, und ihre Augen hatten rote Ränder, „das ist so extrem hart.“ Und dabei dachte sie an Lena Dürr, die im Slalom in der Endabrechnung die Bronzemedaille ebenfalls knapp verpasst hatte, um nur widerwärtige sieben Hundertstel. „Wie die Lena“, sagte die gebürtige Stuttgarterin, die in Starnberg aufgewachsen ist, und konnte die Tränen irgendwann nicht mehr unterdrücken. „Es soll nicht sein.“ Manchmal wird aus einem Picknick im Grünen eine Fahrt mit dem Abschleppwagen in die Werkstatt.

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Die Vorzeichen für die 24 Jahre alte Skirennläuferin auf eine metallene Auszeichnung standen gut wie selten zuvor. In den Trainingsläufen fuhr die Vizeweltmeisterin der Abfahrt von 2021 blendende Zeiten, sie hatte sich gut mit der Piste verständigt und mit den Bedingungen angefreundet. „Von der Körpersprache kann ich noch zulegen“, hatte sie nach dem Abschlusstraining gesagt, „es war noch nicht 100 Prozent Attacke.“ Auch in den Medien wurde der Name Kira Weidle stets genannt, wenn die Favoritinnen für das Rennen aufgezählt wurden.

Bittere Tränen

Die Sonne schien an diesem Dienstagmorgen, die Strecke war optimal präpariert. Alles bereit. „Sie ist wirklich sehr gut drauf, es passt alles“, sagte einer aus dem Umfeld der Läuferin vor dem Start. Und lange lag Kira Weidle auf Medaillenkurs, erst in einer lang gezogenen Linkskurve im letzten Fünftel der Strecke verließ sie den Weg, der ziemlich sicher aufs Podium geführt hätte. „Es ist schwierig, diese Strecke perfekt runterzukommen“, sagte die Sportsoldatin, „aber man hätte es besser machen können.“ Das sind Erkenntnisse nach dem Ende einer Vorstellung, die ganz besonders wehtun. Nadia Delago schluchzte ungehemmt auf dem Podium, es liefen dicke Rinnsale über ihre Wangen, als ihr Bronze am Hals baumelte. Tränen können süß schmecken, die von Kira Weidle waren von der ganz bitteren Sorte.

Biathlon-Staffel verballert den Olympiasieg

Sport lebt genau von solchen Situationen. Von der Zuspitzung, der Spannung, den Triumphen. Aber natürlich auch von den Enttäuschungen. Diesmal traf es die deutschen Biathleten. Philipp Nawrath hätte im letzten Stehend-Anschlag seine Staffel zum Olympiasieg ballern können. Oder wenigstens zur Medaille schießen. Am Ende blieb Rang vier – und ziemlich viel Frust. „Ich wollte es eintüten, aber ich bin nicht kaltschnäuzig genug gewesen“, sagte Nawrath, der Unglückliche, „es war eine Riesenchance – für alle. Jetzt ist es nur sauärgerlich.“ Auch, weil die deutschen Männer bei diesen Winterspielen noch immer ohne Medaille sind. Letzte Möglichkeit, dies zu ändern, ist am Freitag (10 Uhr/MEZ) der Massenstart.

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Ob die Enttäuschung bis dahin verdaut ist? Favoriten, so viel ist sicher, werden im Abschlussrennen andere sein. „Unsere Hoffnung“, sagte Roman Rees, „war schon die Staffel.“ Zunächst lief denn auch, abgesehen von den drei Nachladern, die Erik Lesser im Stehendschießen benötigte, alles nach Plan. Rees und Benedikt Doll hielten den deutschen Vierer im Rennen, Nawrath lag auf Medaillenkurs. Gold schien vor dem letzten Anschlag an die mit einer Minute Vorsprung führenden Russen vergeben, dahinter lagen Norwegen, Frankreich und Deutschland gleichauf. Doch dann schwächelte Eduard Latypow. Der Russe leistete sich bei acht Versuchen unglaubliche fünf Fehler, musste zweimal in die Strafrunde. Und plötzlich ging es für die anderen drei Teams wieder um den Olympiasieg. „Philipp“, sagte Lesser hinterher, „hätte zum Superstar werden können.“

Doll ging im fünften Rennen leer aus

Während der nervenstarke Vetle Sjaastad Christiansen den Norwegern Rang eins sicherte, machte der Franzose Quentin Fillon Maillet Silber klar. Er gewann im fünften Rennen die fünfte Medaille (2x Gold, 3x Silber). Philipp Nawrath dagegen musste in die Strafrunde, kehrte zwölf Sekunden hinter Latypow auf die Strecke zurück, war aber nicht mehr in der Lage, Bronze zu holen. Bundestrainer Mark Kirchner erklärte: „Leider haben wir es nicht geschafft, dieses Geschenk – die Medaille auf dem Tablett – einfach runterzunehmen.“ Was Benedikt Doll ebenfalls ziemlich bitter fand. Er war auch im fünften Rennen leer ausgegangen, zumindest viermal wäre eine Medaille möglich gewesen. „Heute“, sagte er, „können wir uns wenigstens gegenseitig trösten.“ Auch das macht den Sport aus.