Ein schwerer Unfall beendete die Karriere der elffachen Weltmeisterin Kristina Vogel und brachte sie in den Rollstuhl – aber er stoppte sie nicht. Inzwischen ist sie eine gefragte Expertin, Trainerin und politisch aktiv.
Tokio - Kristina Vogel ist Doppelolympiasiegerin – und ein Vorbild. Denn nach einem schweren Trainingsunfall 2018 in Cottbus, als sie mit einem anderen Fahrer zusammenprallte, sitzt sie querschnittgelähmt im Rollstuhl. Und meistert ihr neues Leben auf beeindruckende Art und Weise. In Tokio kehrt sie als TV-Expertin zu den Olympischen Spielen zurück.
Frau Vogel, in Rio gewannen Sie Gold im Bahnradsprint. Welche Erinnerungen haben Sie an die Olympischen Spiele 2016?
Sie waren laut, bunt – und für mich unheimlich erfolgreich.
Es ist ein wilder Ritt gewesen.
(Lacht.) Stimmt. Ich habe im entscheidenden Moment des Sprintrennens den Sattel verloren. Diese Erinnerung wird nie verloren gehen. Wenn ich daran denke, dann glitzert und funkelt es in meinem Kopf. Ich bin unendlich dankbar für diese Geschichte: Ohne Sattel Olympia-Gold zu holen, das gehört eigentlich ins Guinnessbuch der Rekorde.
Kommt im Rückblick auch Wehmut auf?
Gar nicht. Die Situation ist, wie sie ist.
Hart?
Natürlich hätte ich nach Gold 2012 im Teamsprint und Gold 2016 im Sprint gerne noch eine dritte oder vierte Goldmedaille gewonnen, und wenn ich mir das Niveau in meiner Disziplin anschaue, wäre das vielleicht sogar möglich gewesen. Auf der anderen Seite habe ich alles erreicht, was es zu erreichen gibt. Nur dass mein Leben nach dem Sport etwas früher begonnen hat als geplant.
Lesen Sie aus unserem Angebot: Kristina Vogel will leben
Und etwas anders ist es auch.
Das stimmt. Aber ich habe meinen Frieden damit geschlossen.
Sie sind bei den Sommerspielen in Tokio live vor Ort . . .
. . . was ich ziemlich aufregend finde. Als ZDF-Olympiaexpertin und Co-Kommentatorin beim Bahnradsport erlebe ich dieses Ereignis von der anderen Seite. Das ist extrem spannend.
Ein paar Teilnehmer haben Sie im Vorfeld fürs ZDF porträtiert, unter anderem auch den Musberger Ringer Frank Stäbler.
Ich hatte ein eigenes Format – die Vogel-Perspektive. Frank Stäbler habe ich vor ein paar Jahren im Club der Besten an der Bar kennengelernt. Ich liebe seine Art, seine große Ehrlichkeit, sein Kämpferherz. Er ist eine der großen Persönlichkeiten im deutschen Sport.
Lesen Sie aus unserem Angebot: „Es befinden sich so viele Fragezeichen in meinem Kopf“
Was trauen Sie ihm zu?
Gold. Aber ich weiß auch, wie schwierig und unkalkulierbar Ringen ist.
Das sind zwei Adjektive, die auf die gesamten Sommerspiele passen. Was erwarten Sie von Tokio 2021?
Einerseits verstehe ich nicht ganz, dass trotz umfangreicher Test-, Hygiene- und Schutzmaßnahmen keine Zuschauer in die Stadien gelassen werden, schließlich ist die Inzidenz in Tokio ja gar nicht so hoch. Allerdings sind die Japaner von ihrem Naturell her extrem vorsichtig.
Und andererseits?
Glaube ich trotzdem, dass es so etwas wie einen olympischen Spirit geben wird. Die Athleten sind so professionell, dass sie sich auf die Gegebenheiten einstellen. Auch wenn es sie hart trifft, dass keine Zuschauer da sind, werden sie dafür sorgen, dass es einzigartige Spiele werden.
Zuletzt bei der Fußball-EM waren die Stadien teilweise voll.
Das ist natürlich das andere Extrem gewesen. Allerdings glaube ich nicht, dass der Fußball sich und der Gesellschaft damit einen Gefallen getan hat.
Im Bahnradsport kennen Sie sich nach wie vor besonders gut aus. Wie stehen die Chancen der Deutschen?
Als Trainerin der Bundespolizei-Athleten bin ich tatsächlich immer noch sehr nahe dran. Die Sprinterinnen um Emma Hinze sind sehr gut drauf, ein bis zwei Medaillen sind da ganz sicher drin – und es kann auch Gold dabei sein. Allerdings gibt es ein Problem.
Lesen Sie aus unserem Angebot: Fährt Franziska Brauße bald virtuelle Radrennen?
Welches?
Wie in vielen anderen Disziplinen fanden vor Olympia sehr wenige Wettkämpfe statt. Die meisten Athleten wissen nicht, wo sie stehen, und sie haben wenig Ahnung davon, wie stark die Konkurrenten tatsächlich sind. Ich denke, dass es sehr viele Überraschungen geben wird. Diese Spiele sind wie eine Wundertüte.
Sie sprechen immer davon, dass der Bahnradsport immer noch eine große Faszination auf Sie ausübt. Warum?
Als Athlet hat man das Gefühl, in einer 70 bis 80 Stundenkilometer schnellen Achterbahn zu sitzen, die man selbst betreibt, und dabei gleichzeitig Schach zu spielen. Die Verbindung aus Tempo, Technik und Taktik macht einen süchtig. Diese Faszination spüren auch die Zuschauer.
Woran machen Sie das fest?
Während der Spiele ist der Bahnradsport immer eine der Disziplinen mit den besten Quoten. Das ist verrückt, wenn man sieht, dass sich das Interesse sonst sehr in Grenzen hält.
Warum zieht es Sie trotz aller Begeisterung nicht zurück auf die Bahn?
An der Geschwindigkeit hätte ich immer noch großen Spaß. Doch mittlerweile finde ich immer neue Sachen, die mir einen Kick geben.
Sie sind unglaublich positiv. Woher nehmen Sie die Kraft?
Lachen macht Spaß, und ich weiß ja weiterhin, wie viel das Leben zu bieten hat. Das feiere ich. Mit einer Behinderung ist das zwar etwas schwieriger, aber das geht vielen Menschen so.
Welche Einschränkungen erleben Sie?
Ich kann alles machen, nur eben auf etwas andere Art und Weise.
Es wirkt so, als seien Sie durch Ihren Unfall noch prominenter geworden.
Das stimmt. Vielen ist erst durch den Unfall bewusst geworden, wie erfolgreich ich war. Jetzt bin ich sehr froh für die zahlreichen Gelegenheiten, in der Öffentlichkeit die Themen ansprechen zu können, die mir wichtig sind.
Welche sind das?
Inklusion, Sicherheit, Soziales. Ich habe ein großes Herz für Gerechtigkeit. Und ich weiß, dass ich jetzt etwas tun muss, weil wir alle in der Coronakrise gelernt haben, dass sich niemand sicher sein kann, was morgen sein wird.
Lesen Sie aus unserem Angebot: Das lernt sie von Freundin und Vorbild Kristina Vogel
Wie sind Sie durch die Pandemie gekommen?
Ich lebe in einem Haus mit Garten, bin also privilegiert. Ich habe die Zeit genutzt, um in meinem Kopf Ordnung zu schaffen, mit dem Rollstuhl noch selbstständiger zu werden und ein Buch zu schreiben. Während meiner Karriere ging es doch sehr hektisch zu, ich war viel unterwegs. Deshalb habe nun versucht, in aller Ruhe aus der Krise das Beste zu machen.
Sie mussten allerdings auch vorsichtig sein.
Das stimmt. Ich bin in einer Höhe gelähmt, in der das Zwerchfell mitbetroffen ist. Bei einer Infektion wäre ich sofort an eine Lungenbeatmungsmaschine angeschlossen worden. Das habe ich nach meinem Unfall mitgemacht, es war die schrecklichste Zeit in meinem Leben. Das will ich nicht erneut durchstehen müssen.
Bei den Olympischen Spielen wird es sicher auch um Ihre sportlichen Ambitionen gehen. Reizt es Sie nicht, an den Paralympics teilzunehmen?
Nein.
Warum nicht?
Leistungssport geht nur, wenn man 100 Prozent gibt. Ich weiß, was das bedeutet. Auf diesen Druck habe ich keine Lust mehr, zumal ich mir sicher bin, dass ich niemals für etwas so brennen werde wie für den Bahnradsport.
Eine Rückkehr in den Sport würde Ihre Prominenz noch mal gewaltig steigern.
Das brauche ich nicht. Ich bin mit meinem neuen Leben glücklich.
Zur Person
Leben
Kristina Vogel wurde am 10. November 1990 in Leninskoje im heutigen Kirgistan geboren und kam im Alter von sechs Monaten nach Deutschland. Mit zehn Jahren entdeckte sie ihre Leidenschaft für den Radsport. Vogel ist seit 2009 mit dem früheren Radsprinter Michael Seidenbecher liiert, arbeitet als Expertin fürs ZDF und sitzt im Erfurter Stadtrat.
Karriere
Kristina Vogel, die für den RSC Turbine Erfurt startete, wurde bereits bei den Junioren zweifache Europameisterin und dreifache Weltmeisterin. 2012 feierte sie mit ihrer Partnerin Miriam Welte den Olympiasieg im Teamsprint. Bei den Olympischen Spielen 2016 in Rio de Janeiro machte sie als „Olympiasiegerin ohne Sattel“ Schlagzeilen. 2018 krönt sie sich mit den Weltmeistertiteln zehn und elf zur erfolgreichsten Bahnradsportlerin der Welt.
Unfälle
2009 erleidet Vogel auf einer Trainingsfahrt unter anderem Brüche an der Halswirbelsäule, kann ihre Karriere aber fortsetzen. Bei einem weiteren Trainingsunfall 2018 in Cottbus wird ihr Rückenmark durchtrennt. Fortan ist sie querschnittgelähmt.