Anastasiya Kuzmina mit der Goldmedaille im Massenstart Anastasiya Kuzmina holt zum dritten Mal Olympia-Gold. Foto: AFP

Rechtzeitig zu den Olympischen Spielen kommt die slowakische Biathletin Anastasiya Kuzmina wieder einmal in beeindruckende Laufform – und siegt im Massenstart. Die Goldmedaille ist ihre dritte nach 2010 und 2014. Zweifel schwingen mit.

Pyeongchang - Ihre erste Medaille von Pyeongchang, es war die silberne in der Verfolgung, widmete Anastasiya Kuzmina ihrem Bruder. Anton Schipulin darf bei den Winterspielen in Südkorea nicht starten, er zählt zu den belasteten Biathleten des McLaren-Berichtes über russisches Staatsdoping und hat vom IOC für die Spiele 2018 keine Starterlaubnis erhalten. Weil die in Russland geborene Slowakin Anastaiya Kuzmina diese Sperre für ungerechtfertigt hält, hat sie auch nach ihrer Silbermedaille im Einzel noch einmal verbale Grüße an ihren Bruder und Giftpfeile ans IOC geschickt. Nun hat sie nach dem Massenstart ihrer Pyeongchang-Medaillensammlung noch Gold hinzugefügt, sie schaute wahnsinnig zufrieden und glücklich aus und meinte: „Ich war schon mit zweimal Silber sehr zufrieden, ich hätte heute nicht geglaubt, dass ich Gold hole – eigentlich wollte ich nur das Rennen genießen.“

Böse Zungen würden sagen: „Wer’s glaubt.“ Noch bösere behaupten: „Das war zu erwarten.“ Denn immer, wenn die Olympischen Ringe über einem Biathlon-Stadion im Wind flattern, dann mögen Anastasiya Kuzmina zwar am Schießstand die Nerven ein wenig flattern – doch mit ihrer überragenden Laufleistung gelingt es ihr stets, zu Gold zu sprinten. Die Déjà-vu-Frau aus der Slowakei.

Der Nachbrenner auf der Strecke zündet offenbar nur alle vier Jahre

Seit ihrer Heirat mit Skilangläufer Daniel Kuzmin lebt das Paar in Banska Bystrica, weshalb die Biathletin die Nation wechselte. Die 33-Jährige besitzt nun drei olympische Goldmedaillen, eine vom Sprint in Vancouver, eine zweite ebenfalls im Sprint aus Sotschi, und nun eine im Massenstart aus Pyeongchang. Im Gegensatz zu Kuzmina feierten Ole Einar Björndalen, der einstige Kannibale der Szene, der aktuelle Dominatoren Martin Fourcade oder auch die deutsche Dauerbrennerin Laura Dahlmeier ihre Erfolge über einen längeren Zeitraum. Bei Weltmeisterschaften sprang außer einer silbernen und einer bronzenen Plakette nichts für Kuzmina heraus, und eine WM im Biathlon findet jährlich statt.

Anastasiya Kuzmina zündet anscheinend immer nur alle vier Jahre den Nachbrenner auf der Strecke. Zwei Jahre vor Gold in Vancouver hatte die gebürtige Russin ein Kind bekommen und danach eine Babypause eingelegt. Nach Gold 2014 wurde es fast schlagartig ruhig; 2015 brachte sie eine Tochter zur Welt. Rechtzeitig für 2018 ist sie wieder in Topform gekommen, obwohl sie erst in der vergangenen Saison wieder in den Weltcup-Zirkus eingestiegen und bei ihren Auftritten ziemlich blass geblieben war. In diesem Winter kam sie allmählich in Form, im Gesamtweltcup liegt sie auf Platz zwei hinter der Finnin Kaisa Mäkäräinen. Die jedenfalls wundert sich über diese Zuverlässigkeit in Regelmäßigkeit. „Sie war in Vancouver gut, sie war in Sotschi gut. Ich weiß nicht, wie sie das macht“, sagte Mäkäräinen.

Die gesamte Biathlon-Szene staunt über die innere Uhr von Anastasiya Kuzmina. Vor allem, weil die Slowakin ihre Olympia-Erfolge über eine einzigartige Laufleistung generiert, weil sie damit den einen oder anderen Schießfehler auf der Strecke lässig kompensiert. Im Einzel lag sie lediglich 24,7 Sekunden hinter Siegerin Hanna Öberg – obwohl sie für zwei Fehlschüsse zwei Strafminuten kassiert hatte. „In meiner Karriere bin ich noch nie viermal ohne Schießfehler geblieben“, räumte die Slowakin freimütig ein, weil das ja in den Ergebnislisten zu recherchieren wäre, „ich bin sehr dankbar, dass meine Laufzeit gut genug war, dass ich Gold gewinne.“

Eine positive Dopingprobe lag noch nie vor

Das weckt Argwohn, weil kurzfristige Verbesserungen auf der Laufstrecke eigentlich mit deutlich höherem Aufwand verbunden sind, als eine höhere Treffgenauigkeit beim Schießen. Und am schnellen Ski allein kann es nicht liegen, schließlich fallen die übrigen Slowakinnen nicht durch permanente Laufbestzeiten auf.

„Sie hat eine abartige Laufzeit hingelegt“, sagte Franziska Preuß nach dem Massenstart, „da fragt man sich schon, wo sie diese Sekunden findet. Echt krass.“ Frauen-Bundestrainer Gerald Hönig hielt sich mit einer Einschätzung der Ursachen zurück. „Es ist schon beeindruckend, wenn man dreimal bei drei verschiedenen Spielen als Olympiasiegerin rausgeht“, sagte der 59 Jahre alte Thüringer. Punkt. Man ist vorsichtig mit Mutmaßungen und gar Anschuldigungen, die nicht zu beweisen sind. Fakt ist: Von Anastasiya Kuzmina lag noch nie eine positive Dopingprobe vor.

Die dreimalige Weltmeisterin Vanessa Hinz war vor geraumer Zeit weniger diplomatisch, als sie nach einem Statement zu den verwunderlich rhythmischen Comebacks gefragt wurde: „Ich wüsste wirklich gerne, was die zum Frühstück isst.“ Nur mit Müsli und Orangensaft am Morgen sowie hartem Training ist diese grandiose Leistung von Anastasiya Kuzmina kaum zu erklären. Vielleicht kennt ja ihr Bruder Anton Schipulin das Geheimnis.

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