Kontroversen um die Regelauslegung verunsichern Spitzensportler. Auch Olympia-Golfer Martin Kaymer wünscht sich eine Vereinfachung. Foto: Getty Images South America

Nach mehr als 100 Jahren ist Golf wieder olympisch. Als 1744 die ersten Regeln niedergeschrieben wurden, gab es nur 13. Heute gibt es 34. Golf, sagen Kritiker, sei zu kompliziert geworden. Nicht mal die Profis blickten noch durch. Die Deutschen Olympia-Golfer Martin Kaymer und Sandra Gal fordern: Vereinfacht die Regeln!

Stuttgart - Für Golf-Profis reicht es nicht, den Ball weit zu schlagen. Auch die Tücken des Konjunktivs sollten sie beherrschen: „Wenn diese Pfütze nicht hier wäre, und der Ball würde einfach hier auf dem Weg liegen, was würdest Du tun?“ Mit dieser Frage eröffnete der Schiedsrichter Bred Gregory jüngst bei der bedeutenden PGA Championship eine Diskussion mit dem Weltranglisten-Dritten Jordan Spieth. Spieth hatte bei seinem drittletzten Loch den Ball auf einen Schotterweg am Rande des Platzes gespielt. Eine Pfütze grauen Regenwassers sollte dem 23-Jährigen zum Verhängnis werden: Zehn Minuten dauerte das Spektakel, in dem Spieth und Gregory, umringt von einer Schaar neugieriger Zuschauer, diskutierten, wie der Ball nun weiter zu spielen sei.

Fünf Mal ließ Spieth den Ball enstprechend Gregorys Anweisungen auf den Weg fallen. Ein Mal landete er dabei erneut in der Pfütze. Irgendwann sagte der Schiedsrichter, dass es sich theoretisch immer noch um den ersten Versuch des Fallenlassens, also um den ersten sogenannten „Drop“ handle – und nachdem Spieth am Ende endlich weiterspielen konnte, wurde dennoch diskutiert, ob er nicht eigentlich doch zwei Strafschlag hätte bekommen müssen. Denn als Spieth den Ball endlich abschlug, berührte seine linke Fußspitze die Pfütze. Hatte er also doch keine „vollkommene Erleichterung“ vom zeitweiligen Wasser in Anspruch genommen, wie die Regeln es vorschreiben?

Golf sollte als normaler Breitensport gesehen werden, hofft der deutsche Golfverband

„Normalität“ für den Golf erhofft sich Alexander Klose, Vorstandsmitglied des deutschen Golfverbands (DGV) und dort für die Regeln zuständig, von der Tatsache, dass der Sport nach mehr als 100 Jahren nun wieder bei den Olympischen Spielen vertreten ist. Dass Golf als „ganz normaler Breiten- und Freizeitsport“ gesehen wird, wünscht sich Klose. Das Spektakel um Jordan Spieth und die Pfütze allerdings hat jüngst vielmehr eine entgegengesetzte Debatte neu entfacht, die die Golfwelt schon seit Jahren beschäftigt: Sind die Golfregeln zu kompliziert? Läuft da nicht etwas schief, wenn selbst Profis die Regeln offenbar nicht mehr durchschauen, sondern sich schlicht auf das Verdikt der Schiedsrichter verlassen?

Er hätte den Ball nie gespielt, wenn der Schiedsrichter nicht gesagt hätte, dass es okay sei, sagte Spieth nach dem Spiel mit Pfützen-Malheur – offenbar auch, um weiteren Diskussionen einen Regel vorzuschieben. Trotz seiner Hoffnung für Rio: Klose vom deutschen Golfverband schließt nicht aus, dass es auch in Rio zu solchen Diskussionen kommen wird. Denn der Platz sei spektakulär und „keiner von der Stange“, da seien ungewöhnliche Spielsituationen durchaus möglich.

Kein Golfplatz gleicht dem anderen – das macht das Spiel komplex

Im Prinzip ist Golf ein simples Spiel: Wer vom Abschlag bis zum Loch die wenigsten Schläge benötigt, gewinnt. Als die „Gentlemen Golfers of Edinburgh“ 1744 die ersten Regeln niederschrieben, gab es nur 13 – laut dem Golfhistoriker Roger McStravick unter anderem eine zu dem Fall, dass der Ball ein Pferd trifft. Das ist heute unwahrscheinlich, denn Golf wird mittlerweile auf künstlich angelegten Plätzen gespielt. Über 720 Golfplätze gibt es allein in Deutschland. Anders als Tennis, Fußball oder Hockey findet Golf damit nicht auf einer normierten Spielfläche statt. Kein Golfplatz gleicht dem anderen. Darin sieht Alexander Klose den Hauptgrund, warum Golf komplexere Regeln benötigt als andere Sportarten. Und weil im Laufe des 20. Jahrhunderts die Golfplätze – und damit die Anzahl der möglichen Spielsituationen – vielfältiger geworden sei, seien heute auch detaillierte Regeln nötig als noch vor 100 Jahren, so Klose.

Der Royal and Ancient Golf Club of St. Andrews (R&A) und der amerikanische Golfverband (USGA) wachen gemeinsam über die Regeln. Alle vier Jahre werden sie überarbeitet. Die neueste Ausgabe ist 2016 erschienen. 34 Regeln mit zahlreichen Unterkategorien gibt es heute, dazu ein Buch mit den aktuellen Entscheidungen zur Auslegung der Regeln als Orientierungshilfe. 976 Seiten umfasst dieser Wälzer in der deutschen Ausgabe.

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Deutsche Olympia-Golfer fordern Vereinfachung

Was die Regelauslegung bei Golf-Turnieren noch komplexer macht: Werden Fernsehbilder in Zeitlupe abgespielt, sind gelegentlich Dinge zu sehen, die das menschlichen Auge nicht erkennt. Die Aufnahmen zu sichten allerdings braucht seine Zeit – in der die Golfpartie weitergeht. Das führt gelegentlich zu bösem Blut. Die Schwedin Anna Nordqvist, eigentlich in Führung, unterlag jüngst ihrer Gegnerin in den US Women’s Open, weil eine Fernsehaufnahme zeigte: Beim Abschlag in einem Sandbunker hatte sie mit ihrem Schläger minimal den Sand berührt, bevor sie den Ball abschlug. Zwei Strafschläge bekam Nordqvist – darüber wurde sie aber erst informiert, als die Partie schon wesentlich weiter war. Hätte sie früher von der Strafe erfahren, hätte sie ihr Spiel anschließend geändert, sagte Nordqvist hinterher.

Deutsche Olympia-Golfer fordern jetzt im Gespräch mit unserer Zeitung eine Vereinfachung der Regeln. „Durch die ständige TV-Präsenz ist es wirklich schwierig geworden, nicht nur für uns Spieler, auch für die Referees. Alles steht unter Beobachtung, so dass man sich schwer einhundertprozentig verlassen kann, dass das, was man auf dem Platz gesagt bekommt, auch so bleibt“, sagte Kaymer unserer Zeitung. „Eine Vereinfachung und damit klarere Auslegung wäre sicher für alle Beteiligten wünschenswert.“ Die Golferin Sandra Gal, ebenfalls für Deutschland in Rio, wählt noch deutlichere Worte: „Viele der Regeln sind veraltet und bräuchten ein Update!“

Beratungen über Vereinfachung haben begonnen

Die gute Nachricht an alle Golfer und jene, die es vielleicht nach Olympia werden wollen, lautet: Die Golfregeln könnten bald tatsächlich massiv entschlackt werden. Ein „allgemeiner Wunsch nach Vereinfachung“ sei vorhanden, räumt auch DGV-Vorstand Alexander Klose ein, „dem will man Rechnung tragen.“ Die beiden Institutionen, die über die Regeln wachen, hätten Beratungen zur Vereinfachung der Regeln begonnen. Ob schon in einem, oder erst in vier Jahren mit Ergebnissen zu rechnen ist, sei noch unklar. Auch eine Grundsatzentscheidung zu den umstrittenen Videobeweisen könnte laut Klose bei der Regelvereinfachung fallen. Aus seiner Sicht geht es vor allem um die Frage, wie viel Zeit verstreichen darf, bis die Golfer informiert werden müssen.

Am Donnerstag startet die erste olympische Golfrunde seit 112 Jahren. Das vereinfachte Regelwerk wird bis dahin noch lange nicht fertig sein. Bleibt also nur zu hoffen, dass kein Ball in der Pfütze landet. Sonst könnte die Partie weitaus länger dauern, als geplant.

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