Irfan lebt, braucht aber noch viel Hilfe Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Dass Irfan lebt, ist ein Wunder der modernen Medizin. Er kam mit 650 Gramm zur Welt, die Lunge ist schwer geschädigt. Dennoch wird er nach einem halben Jahr im Krankenhaus entlassen. Eigentlich ein Unding für die Familie. Doch das Olgahospital zeigt neue Wege.

Stuttgart - Das Leid von Kindern berührt. Es lässt einen nie kalt. Bilder von hilfsbedürftigen Kindern wecken Ur-Instinkte. Mit diesen Emotionen spielen zwei Filmemacher: Sebastian Georgi und Markus Henssler wollen diesem Leid nun ein An-Sehen geben. Durch das Ansehen ihres Filmes „Großes Herz für kleine Kinder – wenn die Klinik nach Hause kommt“ sollen nicht nur die Problematik kranker Kinder in den Mittelpunkt gerückt werden, sondern auch deren Ansehen bei Krankenkassen und Gesundheitspolitikern verbessert werden.

Es sind 90 Minuten Film, die eine ganze Welt fassen. Die von fünf Kindern und deren Familien. Alle Kinder teilen ein ähnliches Schicksal. Sie müssen oder sollen nach ihrer Krankheit raus aus der Klinik. Entweder, weil die häusliche Umgebung viel besser für deren Genesung ist. Oder schlicht kein Geld mehr für den Klinikaufenthalt da ist.

Dr. Claudia Blattmann, Oberärztin für Onkologie, Hämatologie, und Palliativmedizin weiß: „Die Liegezeiten sind durch das DRG, die Abrechungspauschalen, begrenzt. Es geht gar nicht anders.“ Was daraus folgt, ist für manche Familien meistens unfassbar. Fast immer aber untragbar.

Olgahospital hat auf Not reagiert

„Wir haben diese Not gesehen“, sagt der ärztlicher Direktor der Pädiatrie, Dr. Andreas Oberle, „das Loch zwischen Entlassung und Weiterbehandlung ist beträchtlich. Dieses Loch wollten wir schließen.“ Deshalb geht das Olgahospital seit Oktober 2013 neue Wege. Das Team um Oberle hat das Angebot in dieser Schnittstelle zwischen Klinik und zu Hause erweitert. So genannte „Case Manager“, begleiten im Rahmen der Sozialmedizinischen Nachsorge kleine Patienten beim schwierigen Übergang von der Klinik nach Hause.

Zum Beispiel den kleinen Irfan. Dass der Winzling nach der Geburt überhaupt noch lebt, grenzt an ein Wunder. Er kommt mit 650 Gramm zur Welt – drei Monate zu früh. Irfans Lunge ist schwer geschädigt. Dennoch wird das Frühchen nach einem halben Jahr im Krankenhaus entlassen. Auch weil die Mediziner wissen: Irfan gedeiht zu Hause besser. Gleichzeitig kennen die Ärzte auch die Ängste der Mutter. Die Furcht vor dem Versagen, der Hilflosigkeit und möglichen Schuldgefühlen. Edina Bajramovic ist gepackt von dem Gedanken, Irfan könnte zu Hause in ihren Armen ersticken. Sie und ihr Mann reagieren beinahe panisch, wenn das Sauerstoffgerät einen falschen Piepser macht.

Die beiden Filmemacher Sebastian Georgi und Markus Henssler zeigen dieses Gefühlschaos einfühlsam und doch mit einer klinischen Klarheit. Sie lassen den Zuschauer durchs Schlüsselloch von fünf Familien blicken, ohne in die Voyeurismusfalle zu tappen. Die Familien scheinen nie in ihrer Privatsphäre gestört, wenn die Kameras ihr Leben über viele Monate hinweg begleiten. Sie dokumentieren Krisen, Tränen, Rückschläge, ja auch den Tod. Aber stets mit dem richtigen Blick, der den Betroffenen ihre Würde lässt.

SWR dokumentiert die Arbeit des Klinikums

Und sie zeigen, welche Rolle dabei die Case Managerinnen spielen. Sie schaffen es, ein medizinisches, soziales und therapeutisches Helfersystem aufzubauen, damit die Familien selbstständig ihre neue Lebenssituation meistern können. Ihr Einsatz dokumentiert die enorme Herausforderung und Verantwortung jener Kinderkrankenschwestern, die in der Regel eine Zusatzausbildung haben. Jeder Fall birgt neue Gefahren, Hindernisse und Schwierigkeiten.

Auch die Probleme der Geschwisterkinder gehören dazu. Wenn der Bruder eines kranken Kindes vor laufender Kamera die Mutter wegen Vernachlässigung („So ne richtige Mutterbeziehung habe ich nicht mehr“) anklagt, lässt das die Fachleute des Olgahospitals nicht kalt. Sie reagieren natürlich betroffen, aber noch mehr durch direkte Hilfe. Selbst in ihrer Freizeit.

Diese Hilfe ist weder selbstverständlich noch ausreichend finanziert. Das Projekt der sozialmedizinischen Nachsorge im Olgäle konnte nur durch eine von Spenden getragene Anschubfinanzierung in Höhe von 500 000 Euro gestartet werden. „Das hätten eigentlich die Kassen finanzieren sollen“, sagt Andreas Oberle, „immer noch werden 25 Prozent der Kosten durch Sponsoren gedeckt. Die Kassen bezahlen nur 75 Prozent der Kosten.“

Seine Kollegin Blattmann ergänzt: „Es kann einfach nicht sein, dass wir jedes Jahr 100 000 Euro selbst stemmen müssen. Das ist nicht fair.“

Auch deshalb lohnt es sich diesen Film als Zweiteiler demnächst im Dritten anzusehen. Denn es geht ums Hinsehen sowie das Ansehen der Kindern samt ihrer Familien. Oder wie Filmemacher Sebastian Georgi sagt: „Uns war wichtig, zu zeigen, was notwendig ist.“

Die Sendetermine der Dokuserie „Großes Herz kleine Kinder – Wenn die Klinik nach Hause kommt“ sind am Mittwoch, 1. und 8. Juni, jeweils um 21 Uhr im SWR-Fernsehen. Mehr Informationen zu dem Angebot des Stuttgarter Olgahospitals findet man im Internet unter www.klinikum-stuttgart.de
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