Olga Tokarczuk im Literaturhaus Stuttgart Foto: Julia Schramm

Die polnische Literaturnobelpreisträgerin Olga Tokarczuk hat im Stuttgarter Beethovensaal ihr Werk „Die Jakobsbücher“ vorgestellt. Es wird ein sehr politischer Abend.

Stuttgart - Ein Pulk von Fotografen tummelt sich vor der Bühne des Beethovensaals, sogar ein Fernseh-Team ist gekommen. Großer Bahnhof für eine zierliche Frau namens Olga Tokarczuk, die bis zum Donnerstag der vergangenen Woche in Deutschland wohl nur besonders interessierten Literaturfans bekannt war. Seit die 1962 geborene Polin neben dem umstrittenen, aus Österreich stammenden Dichter Peter Handke mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet worden ist, hat sich das schlagartig geändert.

 

Stefanie Stegmann, Leiterin des Stuttgarter Literaturhauses, ist sichtlich aufgeregt, als sie Tokarczuks riesiges Publikum am Dienstagabend im Beethovensaal begrüßt. Ursprünglich war die Lesung von Tokarczuks aktuellem Werk „Die Jakobsbücher“ im Literaturhaus geplant gewesen, die sprunghaft angestiegene Bekanntheit der Schriftstellerin erforderte jedoch den Umzug in die Liederhalle.

Beim späteren Signieren der Bücher dürften jedoch „bitte keine Selfies“ geschossen werden, lächelt Stefanie Stegmann auf die Reihen herab. „Und bitte auch keine fünfzehn Exemplare pro Person zum Signieren vorlegen.“ Fast tadelnd klingt auch die Einführung der Moderatorin Schamma Schahadat, Professorin für slawische Literaturwissenschaft an der Uni Tübingen. Als Olga Tokarczuk 2014 in Stuttgart ihr Buch „Gesang der Fledermäuse“ vorstellte, sei die Veranstaltung mit etwa 40 Leuten schlecht besucht gewesen. Auch fünf Jahre später sei das Interesse an polnischer Literatur noch immer gering. Vor der Verleihung des Nobelpreises habe man wieder nur mit verhaltenem Zuspruch gerechnet. Olga Tokarczuk, die sich still zwischen Schahadat und den Übersetzer Stefan Heck gesetzt hat, winkt freundlich ab, sie finde 40 Zuhörer für literarische Lesungen normal, ein derartig großes Publikum sei dagegen ungewöhnlich.

Die Besucher interessieren sich mehr für Tokarczuks politische Äußerungen als für ihren jüngsten Roman

Noch mehr als an Tokarczuks tausend Seiten starkem Roman über Jakob Frank, einen polnischen Religionsführer, selbst ernannten Messias und Reformator des 18. Jahrhunderts, sind die Menschen derzeit vielleicht an den kritischen Kommentaren Tokarczuks zur aktuellen politischen Situation in Polen interessiert. Von den Rechten im Land wird sie wegen ihrer liberalen Ansichten angefeindet. Vor der Parlamentswahl hatte die studierte Psychologin die Bürger in ihrer Heimat aufgerufen, richtig zu wählen, für die Demokratie. Nach dem starken Sieg der rechtskonservativen PiS-Partei möchte man nun wissen, wie Tokarczuk die Entscheidung der Polen verkraftet, weiterhin einen rechtskonservativen Kurs im Land zu befürworten.

Konkrete Aussagen zu den neuesten Entwicklungen macht die 57-Jährige zunächst jedoch nicht. Ein bisschen müde sitzt sie an ihrem Tisch auf der Bühne, vor sich ein kleines Sträußchen bunter Rosen. Es sei grausam, ihren Roman in nur wenigen Sätzen beschreiben zu müssen, sie habe acht, neun Jahre daran gearbeitet. Es handle sich um ein Panorama der jüdischen und polnischen Gesellschaft des 18. Jahrhunderts, einer Zeit, in der das Land von Armut und Aberglauben geprägt gewesen sei.

Tokarczuks Hauptfigur Jakob Frank ist eine historische Persönlichkeit, eine ebenso charismatische wie zwiespältige Figur, die bis zu 15.000 Jünger um sich scharte; ein aschkenasischer Jude, der erst zum Islam, dann zum Katholizismus konvertierte. Die Juden der historischen Region Podoliens in der heutigen südwestlichen Ukraine setzten damals auf die physische Ankunft des Messias und auf die Erlösung vom irdischen Leid. Frank habe sich selbst zu diesem Messias ernannt und sich auf eine herätische Tradition in der Region berufen. Zunächst hätten sich Franks Anhänger im Islam anzusiedeln versucht, als sie später zur polnischen katholischen Kirche übertraten, wurden die neuen Gläubigen mit offenen Armen empfangen. Doch weil Frank den Katholizismus eigenwillig und nicht im Sinne der orthodoxen Lehre auslegte, warf man ihn dreizehn Jahre ins Gefängnis.

„Es gibt keine Geschichte, die nur aus Männern besteht“

Neben Frank spielen zahlreiche Frauengestalten wichtige Rollen in Tokarczuks Werk, wie etwa eine in Polen nahezu unbekannte Barockdichterin, der die Autorin eine eigene Körperlichkeit und Stimme verleiht. „Als Frau des 21. Jahrhunderts weiß ich, dass das Wirken von Frauen historisch wesentlich schlechter niedergeschrieben wurde. Man kann deshalb glauben, Frauen hätten historisch keine große Rolle gespielt. In Dokumenten werden sie höchstens als Töchter oder Ehefrauen erwähnt.“ Dass Tokarczuk in ihrem Buch solchen Frauen zu einer eigenen Geschichte verhilft, ist im Kontext des politischen Klimas in Polen ein wichtiger Beitrag zum Feminismus. Es gibt viel Gewalt gegen Frauen in Tokarczuks Roman, aber es gibt auch Frauen mit Macht, wie etwa Franks weibliche bewaffnete „Bodyguards“, wie die Dichterin sie nennt. „Ich glaube, da steckt der Feminismus im Buch, es gibt keine Geschichte, die nur aus Männern besteht. Es sei denn, es geht um die Kirche oder das Militär,“ sagt Olga Tokarczuk mit fester Stimme. Noch bevor Stefan Heck übersetzen kann, jubeln einige Zuhörer aus dem Publikum.

Ob es denn Aufgabe einer Schriftstellerin sei, Geschichte zu ändern, will Schamma Shahadat wissen. „Ich glaube nicht, dass man Fakten verändern kann“, erklärt Olga Tokarczuk. Sie selbst habe sich „fest an Fakten gehalten“. „Aber ich habe andere Blickwinkel auf die historischen Ereignisse eröffnet. Dadurch kann man die Bedeutung der Fakten verändern.“ Eine bemerkenswerte Äußerung, wenn man bedenkt, dass Jaroslaw Kaczynski seit dem Tod seines Zwillingsbruders Lech bei einem Flugzeugabsturz im Jahr 2010 behauptet, es habe sich nicht um einen Unfall, sondern um ein russisches Attentat gehandelt. Einen 2016 gedrehten Film mit dem Titel „Smolensk“, der diese Verschwörungstheorie stützt, bezeichnet Kaczinsky als Wahrheit.

Polen hat nun drei Nobelpreisträger

Während rechtskonservative Kräfte in Europa in Sozialen Netzwerken das postfaktische Zeitalter eingeläutet haben, recherchieren Schriftsteller wie Olga Tokarczuk historische Zusammenhänge, um so erweiterte Perspektiven auf eine inzwischen vereinfachte, auf männliche Protagonisten verengte Geschichtsschreibung zu ermöglichen. „In meinem Buch gibt es viele Sprachen, Völker, Religionen, Frauen. Es geht um Alltagsereignisse , um schwache, gebrochene, unglückliche Leute.“ Um all das, was es etwa beim patriotischen, bei konservativen Lesern in Polen derzeit beliebten Dichter und Nobelpreisträger Henryk Sienkiewicz (1846-1916) nicht gibt, sagt Olga Tokarczuk.

Die Polen hätten nie eine Fußball-WM gewonnen oder eine Weltraumrakete gebaut. Doch Zeit ihres Lebens habe Polen nun schon drei Literatur-Nobelpreisträger neu bekommen, das sei schon etwas Besonderes. Man kann diese Worte als Ausdruck persönlichen Stolzes missverstehen, man kann sie aber auch als Ausdruck der Hoffnung hören, dass Kunst und Wissenschaft die besten Mittel sind im Kampf gegen ein dumpfes Weltbild von gestern.