Oldtimerlinie 21 Ein letztes Mal dieses Rattern und Quietschen

Von Tilman Baur 

Abfahrt! Der 21er vor seiner vorerst letzten längeren Fahrt Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth
Abfahrt! Der 21er vor seiner vorerst letzten längeren Fahrt Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth

Das Museum auf Rädern macht Pause! Die vorerst letzte Fahrt in der historischen Oldtimerbahn der „Straßenbahnwelt“ in Bad Cannstatt ging am Sonntag über die Bühne. Familien und Bahninteressierte ergriffen die Chance, ein noch einmal in den Vorläufern der heutigen Stadtbahnen mitzufahren.

Stuttgart - Rund ein Dutzend Menschen warteten am Sonntagvormittag auf die Bahn. Nicht auf die Stadtbahn, nicht auf die S-Bahn und nicht auf einen Fernzug. Die Oldtimerbahn ist es, der die Leute vor dem denkmalgeschützten Straßenbahndepot in Bad Cannstatt entgegenfiebern. Wer die Fahrten in den angestaubten Bahnen schätzt, lässt sich die Chance heute nicht entgehen. Vorerst zum letzten Mal nämlich macht die historische Bahn Nummer 21 ihre Rundfahrt von Cannstatt aus über die Staatsgalerie, den Berliner Platz und den Hauptbahnhof. Von Montag an steht sie dann erst mal ziemlich lange still.

„Durch den Umbau der Haltestelle Staatsgalerie im Zuge von Stuttgart 21 können wir die Strecke nicht mehr bedienen“, sagt Jürgen Daur vom Verein Straßenbahnwelt Stuttgart. Im Frühjahr 2019 solle es weitergehen, so die vorsichtige Prognose. Neben der 21 ist auch die zweite historische Bahnstrecke, die 23, außer Gefecht. Durch die baulichen Maßnahmen am Leuze-Knoten gibt es für sie kein Durchkommen. Geplant war, die Strecke in diesem Sommer wieder in Betrieb zu nehmen. „Aber es tut sich nichts auf der Baustelle“, klagt Daur. Als neuer Termin ist nun das Frühjahr 2017 anvisiert. Doch auf dieser Strecke hat der Verein einen Ersatz organisiert: ein historischer Bus von 1984 fährt nun die Strecke ab. „Er kommt aber nicht ganz so gut an wie die Bahn“, gibt Jürgen Daur zu.

Früher hingen die Menschen außen an der Bahn

Mit zwanzigminütiger Verspätung geht es los. Durch die Wartungshalle fährt die Bahn auf die Daimlerstraße, biegt rechts auf die Mercedesstraße und ruckelt und quietscht parallel zum Wasen voran. „Da haben die sich früher drangehängt, als die Bahn überfüllt war“, sagt ein Mann und deutet auf die hölzernen Griffe und das Trittbrett, die außen angebracht sind. Beim Anblick der rotbraunen Lederbezüge, der groben Holzverkleidungen und der quer über den Fußboden genagelten Holzplanken taucht man schnell in frühere Zeiten ein. Genauer: Ins Stuttgart der Jahre zwischen 1953 und 1978. Denn so lange war das Modell in Betrieb.

Dem historischen Anspruch der Fahrt wird auch der Schaffner gerecht, der im grauen SSB-Anzug mit Schaffnermütze und mechanischer Geldwechselmaschine im Waggon auf und ab marschiert. Er hat die Original-Tickets für 1,50 Mark zum Abreißen dabei. „Das Ding ist ganz schön schwer. Ich weiß gar nicht, wie die früher damit zurechtgekommen sind“, schmunzelt er.

Es sind aber nicht nur die schweren Geräte, mit denen sich die Schaffner früher arrangieren mussten. Mit dem Fahrvergnügen der heutigen Stadtbahnen hatte die Fahrt damals nicht viel zu tun. Die Bahn quietscht und ruckelt, mehrmals bremst der Zugführer abrupt ab. „Tun Sie mir den Gefallen, bleiben Sie heute bitte auf Ihren Plätzen sitzen“, bittet der Schaffner. Entlang der Neckarstraße, vorbei an den staunenden Blicken einer japanischen Reisegruppe, geht es über den Stöckach, die Staatsgalerie, den Berliner Platz zum Hauptbahnhof und zurück nach Cannstatt. Nach einer guten halben Stunde biegt die Bahn wieder ins Depot ein, wo die nächsten Gäste warten. Ganz auf die Fahrt in ihren heiß geliebten Oldtimern müssen Bahnfans die kommenden drei Jahre trotzdem nicht verzichten, sagt Jürgen Daur. „Wir bieten eine kleine Runde innerhalb des Depot-Geländes an, die wird fünf Minuten dauern“. Zu sehen gebe es dabei zwar nicht allzu viel. Aber entscheidend sei ja sowieso das Erlebnis, in den Oldtimern drinzusitzen.

Künftig gibt’s eine kleine Runde durchs Depot

35 historische Bahnen sind im angeschlossenen Museum zu sehen, die älteste ist von 1904. „Das ist die Urform des elektrischen Triebwagens, die 1895 in Stuttgart eingeführt wurde“, so Jürgen Daur. Sogar dieses blau-braune Fossil bewegt sich noch alle Jubeljahre auf der Schiene. Zuletzt voriges Jahr beim 111-jährigen Jubiläum des Modells. Und dann wieder in zwei Jahren, wenn die SSB ihr 150-jähriges Bestehen feiert. Im Jahr 1868 ging nämlich alles los: im ersten Pferdetriebwagen von der heutigen Staatsgalerie aus zum Mineralbad Berg.

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