Der Flowtrail in Urbach (Rems-Murr-Kreis) wurde vor einem Jahr eröffnet und kommt gut an. Foto: Gottfried Stoppel/Gottfried Stoppel

Die Idee der Stadt Fellbach, eine offizielle Mountainbikestrecke einzurichten, stößt nicht bei allen auf Gegenliebe. Der Flowtrail Urbach zeigt, wie es gelingen kann, einen gemeinsamen Kompromiss zu finden.

Fellbach/Urbach/Beilstein - Der Kappelberg in Fellbach (Rems-Murr-Kreis) ist beliebt: Spaziergänger, Fahrradfahrer, Hundebesitzer – sie alle suchen das Naherholungsgebiet auf. Interessenkonflikte bleiben nicht aus. Nun überlegt die Stadt Fellbach, im Wald eine offizielle Strecke für Mountainbiker anzulegen, die die Biker, die bereits jetzt durch das Unterholz fahren, aus der Illegalität holen soll. Vor allem bei Jägern stößt diese Idee auf wenig Gegenliebe. Die Stadtverwaltung Fellbach hat vergangene Woche zu einem ersten Informationsaustausch geladen, weitere Gespräche sollen nach der Sommerpause folgen. Es werde ein Miteinander im Landschaftsraum gesucht, welches durch gegenseitige Rücksichtnahme bestimmt werden soll, heißt es.

 

Biker und Bürgermeisterin schwärmen vom Flowtrail Urbach

Dass dies gelingen kann, zeigt ein anderes Beispiel aus dem Rems-Murr-Kreis. In Urbach wurde vor gut einem Jahr, zur Remstal-Gartenschau, ein sogenannter Flowtrail eröffnet. Der obere Teil wurde von Profis gebaut und zum Beispiel mit Steilkurven versehen: „Das ist wie in den Alpen“, erklärt Alexander Brauch, einer der Ehrenamtlichen, die den Trail betreuen. Der zweite Teil ist dagegen naturbelassen. Die positive Resonanz ist enorm. In Videos schwärmen Mountainbiker von der Strecke – und auf dem Parkplatz am Ausgangspunkt stehen Autos mit Kennzeichen aus der ganzen Region Stuttgart.

Und trotzdem: „Mich haben noch keine Klagen erreicht“, sagt die Urbacher Bürgermeisterin Martina Fehrlen, und auch Ulrich Häussermann, der stellvertretende Leiter des Forstamts in Backnang, berichtet, dass der Trail gut sei: „Das läuft.“ Martina Fehrlen hat sogar das Gefühl, dass sich die Situation durch die Strecke verbessert hat: „Es fahren nicht mehr so viele illegal durch den Wald“, sagt Fehrlen. Warum? „Wenn es eine gute Strecke gibt, die von Bikern gebaut wird, die von oben nach unten ins Tal durchgeht und nicht mittendrin aufhört, dann kanalisiert diese“, sagt Nikolai Rost, der Inhaber des Fachgeschäfts freeride mountain in Schorndorf.

Mit dem Jagdpächter wurde ein Kompromiss gefunden

In Urbach haben sich bei der Planung alle Beteiligten an einen Tisch gesetzt: Gemeinde, Jäger, Naturschutz, Forst und Mountainbiker. Es wurden Kompromisse gefunden – auch mit dem Jäger, durch dessen Revier die Strecke führt: „Wir haben einen Hochsitz verlegt“, berichtet Martina Fehrlen. „Wir haben ganz viel kommuniziert“, ergänzt Alexander Brauch, der die Pläne von Anfang an bis zur Umsetzung begleitet hat.

Für Nikolai Rost ist eines klar: „Biker nutzen den Wald, sie lassen sich nicht verbannen“, sagt er. Und Alexander Brauch ist sich angesichts der enormen Verkaufszahlen bei Rädern sicher, dass es noch mehr werden: „Ich glaube aber, dass das Biken ein Weg ist, sich der Natur zu öffnen. Und dass es besser funktioniert, den Bikern zu sagen: Bleibt auf legalen Wegen und geht respektvoll miteinander um, als grundsätzlich Nein zu sagen.“

Outdoor Award für Mountainbike-Rundtouren um Oberstenfeld und Beilstein

Geöffnet hat man sich den Bikern auch bei einem anderen Vorzeigeobjekt in der Region Stuttgart. Auf der Gemarkung der Gemeinden Oberstenfeld (Kreis Ludwigsburg) und Beilstein (Kreis Heilbronn) wurden zwei Mountainbike-Rundtouren mit mehreren Trails angelegt. Die Runde um Beilstein ist 26 Kilometer lang. Geplant wurden die legalen Pfade unter der Federführung des Vereins Trailsurfers. „Man will als Biker nicht 20-mal die gleiche Strecke befahren – mit unserem Netz kann man sich durch den Wald bewegen“, sagt der Vorsitzende und Vereinsgründer Stefan Pyttlik. Das Projekt wurde sogar mit dem diesjährigen Outdoor Award Baden-Württemberg ausgezeichnet.

Doch der Erfolg hat Schattenseiten: Die beliebte Strecke zieht eben nicht nur Biker aus der Umgebung an. „In den letzten Wochen hat sich die Situation verschärft“, berichtet Patrick Holl, der Bürgermeister von Beilstein. Trotz des attraktiven Rundkurses bewegten sich nicht alle auf den ausgewiesenen Wegen. Holl hatte auf ein besseres Miteinander gehofft – und wünscht sich von den Mountainbikern, dass sie mehr auf diejenigen einwirken, die sich nicht an die Regeln halten. Auf ihrer Homepage appellieren die Trailsurfers: „Verdammte Axt, unterlasst das Befahren illegaler Trails im Gemeindewald Beilstein sowie Oberstenfeld, denn das ist der Kern unseres Schaffens!“

Dialog mit allen Waldnutzern in Beilstein geplant – und im Rems-Murr-Kreis

Der Bürgermeister möchte nun mit allen Beteiligten in den Dialog gehen, möchte, dass jeder seine Kritik direkt äußern kann – und hofft, dass eine Lösung gefunden werden kann. „Nur gewähren lassen, das geht nicht. Aber Trails zerstören und Katz und Maus spielen, das bringt uns auch nicht weiter“, sagt Patrick Holl.

Dass Mountainbiker einen langen Atem benötigen, um ans Ziel ihrer Träume zu kommen, hat sich in Esslingen bewahrheitet. Dort hatte die Stadtverwaltung am Katzenbühl, an der Grenze zum Rems-Murr-Kreis, die beliebte, aber illegale „Esslinger Nordschleife“ – kurz Esnos genannt – Anfang 2014 dem Erdboden gleichgemacht. Doch die Akteure gingen nicht auf Konfrontationskurs, sondern setzten auf Kompromissbereitschaft. Sie organisierten sich als Radsportabteilung im Esslinger TV Hegensberg und schafften es binnen dreieinhalb Jahren im Einvernehmen und in enger Zusammenarbeit mit der Stadtverwaltung, dem Landratsamt und diversen Naturschutzbehörden, eine legale Strecke in Eigenleistung zu bauen. Seit rund drei Jahren erfreut sich der neue, nur unweit der ursprünglich illegalen Strecke gelegene Trail „Esnos 2.0“ großer Beliebtheit und Akzeptanz.

Ein Austausch der verschiedenen Interessengruppen ist auch vom Forstamt Backnang für den Rems-Murr-Kreis geplant. Ziel sei es, eine gegenseitige Verständigung einzuleiten – und einen Prozess zu starten, an dessen Ende offizielle Trails stehen könnten, die von allen toleriert werden: „Gut wäre es, über einen Verbund mehrerer Pfade nachzudenken. Denn eine Feierabendtour macht nicht an Gemeindegrenzen halt“, sagt Ulrich Häussermann.