Brust raus und ran an den Ball: Tanguy Coulibaly hat beim VfB Stuttgart offenbar seinen Schwung verloren. Foto: Baumann/Volker Müller

Dem VfB Stuttgart fehlt es vor dem nächsten Bundesligaspiel am Sonntag beim FC Augsburg an Zielstrebigkeit und Durchschlagskraft – aber nicht nur.

Stuttgart - Es gibt einfach kein Vorbeikommen mehr. Rechts herum nicht, links herum nicht, und mit dem Kopf durch den Gegner hindurch sowieso nicht. Dabei lässt sich Tanguy Coulibaly von seinen Fehlversuchen überhaupt nicht entmutigen. Er setzt weiter seine Dribblings an – und nicht immer ist sein Gegenspieler so stark wie Jonas Hector vom 1. FC Köln. Unabhängig vom direkten Kontrahenten scheint Coulibaly jedoch seinen Schwung verloren zu haben, und ohne diesen lahmt das Flügelspiel des VfB Stuttgart.

 

Das ist allerdings nur ein Teil des weiß-roten Offensivproblems, wie das 0:2 im DFB-Pokal gezeigt hat. Es fehlt nach wie vor an Zielstrebigkeit und Durchschlagskraft, wie sie der zweifache Torschütze Anthony Modeste auf der Gegenseite demonstriert hat. Oder wie es der VfB-Trainer Pellegrino Matarazzo ausdrückt: „Man merkt einfach, dass manche Spieler noch ein bisschen brauchen, bis sie schlagkräftiger werden.“ Neben Coulibaly zählt sicher Mateo Klimowicz zu den Fußballbegabungen an der Mercedesstraße, an die sich Hoffnungen knüpfen.

Es mehren sich die Zweifel an den Talenten

Doch es mehren sich ebenso die Zweifel, wann der nächste Entwicklungsschritt folgt beziehungsweise, ob er überhaupt kommt. Beim Pokal-Aus in der zweiten Runde wechselten bei Klimowicz wie so häufig Licht und Schatten. Der 21-Jährige kann im Tempo mit dem Ball umgehen wie kaum ein anderer. Er kann nach einer misslungenen Aktion aber auch so verzagt wirken wie kein anderer. Dabei fordert Matarazzo gerade von den jungen Spielern, Mut zu zeigen, die Initiative zu ergreifen und mit Überzeugung aufzutreten.

Alles Elemente, die den Offensivkräften des VfB in den vergangenen Wochen immer wieder abgehen. Trotz ordentlicher Spielanlage wie gegen den Rivalen vom Rhein. „Was uns diesmal konkret gefehlt hat: dass wir in Situationen, in denen wir die Angriffe hätten abschließen können, es nicht getan haben“, sagt der Sportdirektor Sven Mislintat. Stets wurde noch ein Pass gesucht, um in eine vermeintlich bessere Position zu gelangen. Häufig wurde eine Lücke oder gar ein Nadelöhr gesucht, um den Ball im Gästestrafraum durchzuspielen. Noch einmal wurde ein tiefer Laufweg gesucht, um das Spielgerät womöglich ins Tor zu tragen.

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Chris Führich fiel dabei im ersten Abschnitt besonders auf. Weil er dadurch die Geschwindigkeit aus seinen Aktionen herausnahm und seinen Bewegungsvorsprung herschenkte. Klimowicz kam erst besser zum Zug, als er sich von der falschen Neun wieder zu einem echten Mittelfeldspieler verwandeln durfte. Und Coulibaly bestätigte die These seines Trainers, dass der 20-Jährige lernen muss, mehr direkten Einfluss auf das Spiel zu nehmen. Es genügt nicht, wie bei Klimowicz mit seiner Vorliebe für Hackentricks, sich mit Schönspielerei zu begnügen.

Zumal ja kein Sasa Kalajdzic in der Spitze agiert, der die Angriffe veredelt. Und auch kein Silas Katompa Mvumpa über die Außen stürmt, um den Ball ins Netz zu wuchten. Diese Qualität fehlt dem VfB, und es offenbart sich, dass es der Mannschaft zunehmend schwer fällt, die verletzungsbedingten Ausfälle weiter zu kompensieren. Trotz der nachverpflichteten Omar Marmoush (angeschlagen) und Wahid Faghir mangelt es an Torgefahr.

Zwei Schlüsselspiele stehen an

Die besten Torschützen aus der Vorsaison arbeiten zwar an ihren Comebacks, aber Katompa (elf Ligatore) und Kalajdzic (16) benötigen Zeit. Der Kongolese soll im November verstärkt ins Mannschaftstraining integriert werden. „Bei ihm ist die Wahrscheinlichkeit deutlich höher, dass er nach der Länderspielpause einen Fitness- und Gesundheitszustand erreicht, der einen Kaderplatz ermöglicht. Ob er dann auch athletisch so weit ist, muss man dann entscheiden“, sagt Mislintat. Mit Kalajdzic im Trikot rechnen die Stuttgarter erst ab Januar.

Als Nächstes stehen jedoch die Begegnungen beim FC Augsburg an diesem Sonntag und gegen Arminia Bielefeld am folgenden Samstag an, zwei Schlüsselspiele in der Bundesliga. Dennoch sollen die Aufeinandertreffen mit potenziellen Abstiegskandidaten nicht mit Bedeutung überfrachtet werden. „Die Augsburger haben bereits extremen Druck. Wir dagegen könnten uns mit einem Sieg weiter von ihnen absetzen oder mit einem Unentschieden zumindest den Abstand halten“, sagt Mislintat. Für den Sportdirektor ist das nächste Spiel die nächste Chance, wieder zu gewinnen. Weshalb er darauf verweist, dass zuvor sechs Punkte aus vier Partien geholt wurden.

Darunter ein Zähler bei Borussia Mönchengladbach, das nach dem Bayern-Coup im Pokal in aller Munde ist. „Da haben Borna Sosa auf links und Tanguy Coulibaly auf rechts jeweils auch zur ersten Elf gehört“, sagt Mislintat und findet vor allem die Kritik an Coulibaly überzogen: „Er ist ja kein reiner Flügelstürmer, sondern ein Wingback – und da gehören Defensivaufgaben dazu.“ Was Coulibaly jedoch nicht daran hindern sollte, mal wieder an einem Gegenspieler vorbeizukommen.