Warum Teenager manchmal die Nähe zu viel älteren Menschen suchen, ist für Psychologen eine schwierige Frage. Foto: imago images/Rolf Poss

Der Mord an der 17-jährigen Tabitha E. aus Asperg hat die Region erschüttert. Eine der zentralen Fragen, die sich viele schnell stellten: Was hat eine Jugendliche mit einem so viel älteren Mann – ihrem späteren Mörder – zu schaffen? Ein Erklärungsversuch.

Das Urteil im Mordfall Tabitha E. aus Asperg ist Ende Mai gefallen. Der 36-jährige Angeklagte wurde zu lebenslanger Haft verurteilt. Weil sich Naim A. weder in der Untersuchungshaft noch während der Verhandlung zu seinem Werdegang, zu seiner Beziehung zum Opfer noch zu den Mordvorwürfen äußerte, fiel das Urteil nur auf Grundlage der Indizien, die das Gericht präsentierte.

 

Als das Alter des Angeklagten, der zur Tatzeit noch 35 war, öffentlich wurde, stellten sich viele als erstes die Frage: Warum gibt sich eine 17-Jährige mit einem mehr als doppelt so alten Mann ab? Dazu lieferte der Prozess nur Anhaltspunkte, keine endgültigen Antworten.

Was wurde im Rahmen des Mordprozesses bekannt? Offenbar hatte sich Naim A., bevor er sich Tabitha E. zuwandte schon mit Jugendlichen umgeben. Darunter waren auch Jungen. Ihm ging es vermutlich aber um die Mädchen, deren Vertrauen er sich erschlich, in dem er ihnen „gezielt einen Rückzugsort“ bot, beschrieb es Richter Joachim Holzhausen. Als „am Anfang eigentlich ganz chillig“, beschrieb es eine der vier Zeuginnen, die vor Gericht aussagten. Fahrdienste, für die er zur Verfügung stand, und kleinere Geschenke waren offenbar nur eine Masche mit dem Ziel, eine Bindung aufzubauen „und irgendwann sexuell übergriffig zu werden“, so Holzhausen. Dabei täuschte der verurteilte Mörder die Mädchen auch über sein Alter.

Was hat der Richter in seiner Urteilsbegründung gesagt? Ein Fehlverhalten bei Tabitha E. erkannte Holzhausen nur insofern, dass das Mädchen immer wieder Kontakt zugelassen habe, auch als ihr offenbar schon unwohl war. Sie habe in diesem Punkt „leider nicht konsequent“ gehandelt, so Holzhausen. Das Verhalten könne man als naiv beschreiben, „aber das darf man mit 17 sein, ohne dass es von Erwachsenen ausgenutzt wird“.

Wie erklärt ein Jugendpsychologe ein solches Verhalten? Den Fall Tabitha E. zu beurteilen sei im Nachhinein nicht mehr möglich, sagt Michael Buob. Er ist Kinder und Jugendpsychiater und leitet seit zwölf Jahren das Sozialpädiatrische Zentrum am Ludwigsburger Klinikum, zu dem auch die Abteilung Kinder- und Jugendpsychosomatik gehört. Überhaupt gebe es zu dem Thema, warum sich Jugendliche und Kinder an fremde Erwachsene wenden, keine Studien – nur Hypothesen. Eine davon nennt der 60-Jährige den „Versorgungsaspekt“ beziehungsweise „Beschützeraspekt“, den gestandene Männer jungen Frauen bieten können. Dabei gehe es nicht zwangsläufig um einen „Vaterersatz“, so Buob. Geld könne eine Rolle spielen, müsse es aber nicht. Oft sei wichtiger, dass Jugendliche mit „Teeniegedanken und -handlungen nichts mehr zu tun haben möchten“, sagt Buob. Im Umgang mit Älteren hätten Jugendliche das Gefühl, „als Mensch reifer wahrgenommen“ zu werden, was im Kreise von Gleichaltrigen so nicht möglich sei.

Ist das Verhalten vor allem bei Mädchen zu beobachten? Den „Versorgungsaspekt“ schreibt Buob vor allem Mädchen zu. Aber auch Jungen könnten sich zu älteren Frauen hingezogen fühlen. Das sei eine Frage persönlicher Neigungen. Der Mediziner nennt als prominentes Beispiel den französischen Staatspräsidenten Emmanuel Macron, dessen Ehefrau Brigitte, die er schon als Schüler kennenlernte, 25 Jahre älter ist.

Welche Rolle spielen Eltern? Generell sei ein derartiges Verhalten immer im Hinblick auf eine „Ablösung vom Elternhaus“ zu betrachten, sagt Buob. Im Grunde sei das ein Widerspruch in sich: „Auf der einen Seite wollen sich Jugendliche loslösen, machen sich aber gleichzeitig abhängig von anderen Erwachsenen.“ Der Prozess der Ablösung sei normal, Eltern sollten dennoch wachsam sein. Dass Jugendliche Erfahrungen außerhalb der eigenen Peer-Group machen, sei einerseits „Motor, um etwas zu lernen, anderseits lauern da natürlich auch Gefahren“.

Was können Eltern tun? Wichtig ist aus Sicht von Michael Buob, dass sich Eltern für Ihre Kinder interessieren und sich vor allem auch kümmern. Dazu gehöre vor allem, weiter mit den Kindern zu sprechen, um etwas über ihre „alltäglichen Bedürfnisse“ zu erfahren. Elementar dabei sei, wie kommuniziert werde. Das Verhalten der Kinder nur zu verurteilen und zu sagen, dass sie aus ihrer Sicht einen Fehler begehen, stoße meist nur auf Widerstand. „Das ist eine schwierige Geschichte“, sagt Buob, „da hat jedes Elternteil so seine Not.“

Lösen sich Kinder und Jugendliche generell früher vom Elternhaus? Ja, sagt Buob. Dabei spiele auch Corona eine Rolle. Die Pandemie habe bei vielen Teenagern das Gefühl ausgelöst, etwas nachholen zu müssen. Die Schnelllebigkeit der heutigen Zeit, auch Social Media, seien weitere Gründe. Außerdem zeigten – vor allem Mädchen – häufig deutlich früher Pubertätsmerkmale. „Das beginnt schon bei Zehnjährigen heutzutage.“ Dann gehe es teilweise auch schon um Sex. In diesem Alter fehle den Kindern aber die emotionale Reife. „Wenn das Seelische und Körperliche auseinanderdriftet, dann kann das überfordern“, sagt Buob.

Welche Probleme häufen sich sonst? Die Unsicherheit bei Eltern sei, trotz des großen Wissens, das überall verfügbar ist, so groß wie nie, befindet Michael Buob. „Früher war man da in vielen Dingen deutlich gelassener“, sagt der Mediziner. Auf der anderen Seite gebe es tatsächlich deutlich mehr Kinder mit Autismus und Bindungsstörungen. Magersucht, Angst und Depressionen hätten ebenfalls deutlich zugenommen. Die Essstörungen oder ähnliche Probleme seien auch befeuert durch soziale Medien, wo junge Menschen mit Idealen konfrontiert werden, die mit der Realität nichts zu tun hätten.