Sie tauschen den Brustring gegen die HSV-Raute: Trainer Hannes Wolf (re.) und Berkay Özcan. Foto: Baumann

Berkay Özcans Wechsel vom VfB Stuttgart zum Hamburger SV kann man bedauern, kritisch hinterfragen oder als gutes Geschäft für den VfB beurteilen. Markus Weinzierl und Michael Reschke sind sich ihrer Sache auf jeden Fall sicher.

Stuttgart - Die Nachricht bietet den Fans des VfB Stuttgart mal wieder reichlich Gesprächsstoff. Berkay Özcan verlässt den VfB und schließt sich dem Hamburger SV mit Trainer Hannes Wolf an. Für feste 1,5 Millionen Euro Ablöse und drei Millionen bei einem Aufstieg des HSV; deutlich mehr, als ein Abgang des latent wechselwilligen Spielers im kommenden Sommer erbracht hätte. Dann hätte eine Klausel im Vertrag des türkischen Nationalspielers gegriffen, die Abnehmern im (wahrscheinlichen) Falle einer nicht erreichten, bestimmten Anzahl an Bundesligaspielen für den Tabellen-16. einen wesentlich günstigeren Ausstieg aus Özcans bis 2021 gültigem Arbeitspapier ermöglicht hätte.

Bis zu drei Millionen Euro für einen Ergänzungsspieler, der in seiner dritten Profisaison auf dem Cannstatter Wasen Gefahr lief, zum ewigen Talent abgestempelt zu werden – kein schlechter Deal von Sportvorstand Michael Reschke, sagen die einen. Auch wenn der klamme Zweitligist aus der Hansestadt das Geld an den VfB in Raten abstottern wird.

„Der VfB wird mir immer positiv in Erinnerung bleiben“

Wie kann man nur das nächste seiner wenigen eigenen Talente verscherbeln?, entgegnen die anderen. Wurden Berkay Özcan („Der VfB wird mir immer in positiver Erinnerung bleiben“)und Timo Baumgartl doch zuletzt immer in einem Atemzug genannt, wenn es darum ging, wem zuletzt der Sprung aus dem eigenen Nachwuchs in den Profikader geglückt war. Im Dezember 2017 wurde die Vertragsverlängerung der beiden auf der Mitgliederversammlung freudig kundgetan.

Nun besitzt der Deutschtürke aus Karlsruhe, der seit der U17 für den VfB auf Torejagd ging, nicht die Perspektiven eines Timo Werner. Der Stürmer wurde 2016 für zehn Millionen Euro nach Leipzig verkauft. Vor dem Hintergrund eines nicht gerade üppig besetzten Kaders wirft Özcans Verkauf dennoch Fragen auf. Hatten Reschke und Trainer Markus Weinzierl nicht stets betont, die Mannschaft im Kampf gegen den Abstieg auf keinen Fall schwächen zu wollen?

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Auf Özcans Position im zentralen Mittelfeld fristet Daniel Didavi nun ein einsames Dasein. Hinter dessen Form und Gesundheitszustand bekanntlich ein großes Fragezeichen steht. Und Reschke auch keinen Automatismus ­erkennen lässt, für den Spielmacher Özcan bis 31. Januar einen adäquaten Ersatz zu verpflichten. Einer, der es schafft, die häufig in der Luft hängenden Stürmer mal mit einem überraschenden Zuspiel in Szene zu setzen.

Ist Özcans Verkauf also ein großes Wagnis?

Ein Deal mit vielen Fragezeichen ist es auf alle Fälle, der sich – wie so oft in dem Geschäft – nur vorab, jedoch nicht abschließend bewerten lässt. Zumindest das sportliche Führungsduo des VfB scheint sich seiner Sache sicher, auch wenn Michael Reschke am Donnerstag von einer „schweren Entscheidung“ sprach.

Er und Markus Weinzierl glauben auf den 20-Jährigen in der Rückrunde verzichten zu können. Weil der harte Existenzkampf in der Bundesliga nicht als geeignete Bühne erscheint, die Özcan den ersehnten Durchbruch verspricht. Und weil Weinzierl keine halben Sachen mehr duldet. Dazu gehören Spieler wie Özcan, die einen Abgang vom VfB schon länger mit sich herumtragen. Eigengewächs hin oder her.

Ohne Rücksicht auf Verluste greift der Coach vor dem Auswärtsspiel am Sonntag (15.30 Uhr) beim FC Bayern München durch. Am Donnerstag bekam Chadrac Akolo einen verbalen Tritt in den Hintern verpasst: „Chadrac ist ein Spieler, der Potenzial hat, der aber noch mehr leisten kann. Auch im Training.“ Was nicht nach einer Empfehlung für einen baldigen Platz in der ersten Elf klingt. Sondern eher nach Tribüne.

Weinzierl ermahnt Akolo und Maffeo

Auch bei Pablo Maffeo nimmt Weinzierl kein Blatt mehr vor den Mund. „Bei ihm haben wir genau hingesehen. Wir müssen individuelle Maßnahmen ergreifen, deswegen hat er in den letzten Tagen auch nicht mit der Mannschaft trainiert“, kommentierte der 44-Jährige Maffeos Sololäufe um den Trainingsplatz. Sollte sich bis zum Ende der Wechselfrist noch ein Abnehmer für den Verteidiger finden (Betis Sevilla wird Interesse nachgesagt), wird Weinzierl auch ihm den Weg nicht verbauen.

Er hat nur den Weg des VfB im Blick. Auch wenn so mancher dabei auf der Strecke bleibt.

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