Das österreichische Waldviertel ist bekannt für seinen Graumohn. Foto: Imago//stock&people

Das Waldviertel war früher eine strukturschwache Region und wird heute zu den Genussregionen Österreichs gezählt. Nicht nur zur Mohnblüte Anfang Juli ist es einen Besuch wert.

Ottenschlag - Bergauf und bergab geht es über bewaldete Hügel, vorbei an schroffen Felsen und majestätischen Burgen, bis sich der Wald lichtet, den Blick freigibt auf riesige Mohnfelder. Das Waldviertel liegt an Österreichs Grenze zu Tschechien, und durch den Eisernen Vorhang war es früher eine eher strukturschwache Region.

 

Heute setzt man auf nachhaltigen Tourismus, Wandern, Radfahren oder Kajaktouren. Schön sind das Tal der Thaya und der Stausee Ottenstein, sehenswert das Stift Zwettl und die Burgen Rosen- und Rappottenstein. Außerdem ist das Waldviertel eine der ältesten Genussregionen Österreichs. Bekannt vor allem durch den Anbau von Graumohn. Ende Juni beginnen die Mohnblumen zu blühen, in den Nationalfarben Rot und Weiß, aber auch in Pink, Altrosa oder Violett. Im Waldviertel bauen rund 700 Bauern circa 1000 Hektar Mohn an.

Durch eine schöne Birkenallee kommt man zum Einödhof von Mohnbauer Andreas Greßl in Ottenschlag. Seine Schwiegereltern betrieben hier einst eine aufwendige Viehwirtschaft. Aber die jungen Leute haben, wie viele Bauern im Waldviertel, jetzt auf Mohn umgestellt. Sie haben ein Mohnmuseum mit Hofladen, eine Mohnölmanufaktur und eine riesige Küche, wo Hausherrin Margarete Greßl gerade beim Teigkneten ist.

Rosinen im Mohnstrudel

Zwar arbeitet die dreifache Mutter noch halbtags als Lehrerin, doch jetzt wird gerade jede Hand gebraucht. In der Hochsaison werden täglich mehr als 200 Mohnzelten gebacken, dazu noch 20 der leckeren Mohnstrudel. Das Ausrollen, Drehen und Ziehen, alles geht von Hand. Danach kommt die Mohnmasse auf den hauchdünnen Strudelteig. „Rosinen gehören auf jeden Fall hinein“, meint die Hausherrin, „auch wenn manche Mädels die später wieder rauspolken.“

Die Mehlspeisen wie Buchteln, Zelten, Nockerln oder Palatschinken gelangten in der ungarisch-österreichischen k. u. k. Monarchie zur großen Beliebtheit. Doch im Zweiten Weltkrieg, während der Besetzung durch die Deutschen, waren sie verboten. Man nannte die heimlich gebackenen Strudel auch „Galgenstrudel“. Die deutsche Wehrmacht ließ nur noch den Anbau von Schlafmohn zu, verwendete ihn als schmerzstillendes Mittel für die Soldaten. Wer damit backen oder kochen wollte, musste das teuer bezahlen.

„Es gibt ja weltweit mehr als 80 Sorten Mohn“, erklärt Margarete Greßl. „Bei uns wird vor allem der traditionelle Graumohn angebaut. Er ist geschmacklich sehr mild und daher besonders gut für Mehlspeisen geeignet.“

Der Mohn blüht nur kurz zwischen Ende Juni und Mitte Juli

Wer die prächtige Mohnblüte erleben will, hat nur ein kurzes Zeitfenster von Ende Juni bis Mitte Juli. Jede Mohnblume blüht nur einen Tag, dann fallen die Blätter ab. Die Kapseln mit den Mohnsamen aber bleiben noch bis Ende August stehen. Erst wenn sie trocken sind, schüttelt man die Samen heraus und verarbeitet sie. Rauschmittel wie Opium, Morphium oder Heroin gewinnt man aus dem milchigen Saft der frischen Kapsel.

„Früher haben die armen Bäuerinnen, die den ganzen Tag aufs Feld mussten, ihre Kleinkinder mit hinausgenommen und mit Schlafmohn ruhiggestellt“, erzählt Margarete Greßl. „Sie haben einfach die frischen Kapseln komplett zerstoßen.“ Die Alkaloide des Kapselkörpers verursachten bei den Kindern schwere Nervenleiden, daher kam es zu dem Spruch „Mohn macht dumm!“.

Aber das ist lange her. „Der Graumohn ist anders und hat viele gesunde Aspekte“, erklärt uns Familienvater Andreas Greßl. „Unsere kalt gepressten Öle haben einen hohen Anteil an ungesättigten Fettsäuren, zudem ist Mohn reich an Linolsäure, Kalium und Kalzium.“

Im Waldviertel findet man die größte Mohnmühlensammlung der Welt

Unweit von Ottenschlag liegt das erste Themendorf Österreichs: das Mohndorf Armschlag. Mohnbauer Johann Neuwiesinger hat hier die größte Mohnmühlensammlung der Welt. Seit 1881 ist sein Hof schon in Familienbesitz. Er hat sich mit anderen Bauern zusammengetan und einen Mohn-Erlebnisort gegründet mit jeder Menge Gastronomie, einem Mohn-Wanderweg und schönen Mohnblumen-Malkursen. Am Wochenende kommen bis zu 500 Gäste in sein Mohn-Wirtsstadl. Von pikanten Schmankerln bis hin zu süßen Köstlichkeiten gibt es fast alles, was sich aus Mohn herstellen lässt. In dem riesigen Stadl hat Johann auch seine Mohnmühlensammlung ausgestellt mit über 1500 Mühlen. Die älteste ist mehr als 140 Jahre alt.

Kaiserin Maria Theresia ist es zu verdanken, dass es im Waldviertel auch eine ansehnliche Karpfenzucht gibt. Um die Donaumonarchie vor einer Hungersnot zu schützen, ließ die Kaiserin Teiche anlegen, mehr als 1000 sind es bis heute. Die besten Karpfen soll es bei Peter Paffrath geben. Der Aussteiger arbeitete früher als Broker, bereiste die halbe Welt, bis er „Peters’ Land“ in Amalienhof gründete. Hier lebt er mit seiner Familie biologisch-dynamisch. Rund 100 seltene Gemüsesorten hat er angepflanzt. Sehr besonders ist aber vor allem seine kleine, aber feine Teichwirtschaft.

Zwischen Gourmetrestaurants und Burgruinen

Auch Haubenkoch Michael Kolm lässt es sich nicht nehmen, persönlich bei Peter am Teich vorbeizufahren, um sich dort einen schönen Karpfen auszusuchen. In Arbesbach, in seinem „Bärenhof Kolm“, versucht er harmonische Wirtshausklassiker und Gourmetküche zu vereinen. Der „Gault&Millau“ honorierte das mit einer Haube und lobte seinen „Mut zum Geschmack!“. Natürlich darf dabei auch der Mohn nicht fehlen.

Im östlichen Waldviertel liegt das malerische Gars am Kamp. Schon von Weitem sieht man die alte Burgruine oben auf dem Taberberg. Sie stammt aus dem 11. Jahrhundert und war einst sogar der Regierungssitz der Babenberger, der damaligen Herrscher Österreichs. Von der Aussichtsplattform des Nordturms hat man einen schönen Blick über das gesamte Kamptal. Mehr als 20 Wanderrouten sind hier ausgeschrieben. Ein besonderer Stern am Genusshimmel ist hier die Bäckerei und Kurkonditorei Ehrenberger, ein Familienbetrieb mit Restaurant, Café und Greißlerei. Inzwischen gibt es 30 Varianten des Waldviertler Mohnzuzlers, welchen Johann Ehrenberger selbst erfunden hat. Bäckerin Manuela Ehrenberger erklärt: „Das Rezept haben wir uns patentieren lassen, es bleibt ein strenges Familiengeheimnis. Nur so viel: Rum-Pflaume, Mandel und natürlich Mohn müssen immer drin sein.“

Informationen

Anreise
: Mit dem Zug über Nürnberg nach St. Pölten, weiter nach Krems , Bus nach Zwettl, www.bahn.de, www.vor.at. Mit dem Auto über die A8 Richtung München, weiter über Linz und Freistadt.

Unterkunft:
Das Faulenzerhotel Schweighofer bietet einen Indoorpool, die Waldviertler Stuben und einen Weinkeller. DZ/F ab 72 Euro. www.faulenzerhotel.at.Loisium Wine & Spa Hotel Langenlois: Designerhotel mit Weinerlebniswelt. DZ/F ab 89 Euro. www.loisium.com.Hotel-Restaurant Schwarz Alm Zwettl, 4-Sterne-Hotel im Landhausstil, ruhige Lage, Außen- und Innenpool, DZ/F ab 99 Euro. www.schwarzalm.at.

Essen und Trinken:
Mohnwirtshaus der Familie Neuwiesinger im Mohndorf Armschlag, Traditionsgerichte, Hofladen, Mohnmühlensammlung. www.mohnwirt.at.Bärenhof: Kolm Arbesbach, Restaurant des Haubenkochs Michael Kolm, Waldviertel-Spezialitäten auf hohem Niveau, www.baerenhof-kolm.at. Bäckerei-Kurkonditorei Ehrenberger in Gars am Kamp, riesige Auswahl an Torten, www.mohnzuzler.at.

Mohnmuseum:
Liebevoll gestaltetes Privatmuseum auf dem Mohnhof Greßl. www.mohnhof.at.

Allgemeine Informationen:
www.waldviertel.at.