Auf dem Inn-Radweg quer durch Tirol lässt sich gut radeln: Vom Kloster Stams zu Swarowski.

Kufstein - Der Inn führt gerade ordentlich viel Wasser. Es strudelt und rauscht, dass es jedes Wort übertönt - und wenn man auf einer der schmalen Fußgängerbrücken steht, wird einem ganz schwindlig beim Hinuntersehen. Auf dem Inn-Radweg direkt neben dem Fluss versuchen wir ein Wettrennen mit den Baumstämmen, die in den schlammigen Fluten dahintreiben. Zeigt der Tacho 20 Kilometer pro Stunde, dann passt es gerade.

Gestartet sind wir in Imst, einer Tiroler Gemeinde, die für ihre Fasnacht bekannt ist. Jedes vierte Jahr dreht sich hier alles um das „Schemenlaufen“: Athletisch springen und tanzen ausschließlich die Männer in einer seit Jahrhunderten festgelegten Formation. Im Fasnachtshaus neben der Kirche treffen wir Manfred Thurner, der die Tradition auch im Sommer lebendig werden lässt: Aus einer mächtigen Holztruhe zieht er einen medizinballgroßen Stoffknüppel, mit dem die „Wiftig“ die Gassen frei halten, und eine Spritze, mit der noch in der dritten Reihe gezielt für Kreischen gesorgt wird. Er erklärt die Masken und die aufwendige Schnitzkunst: Die älteste ist gut 300 Jahre alt.

„Sind die Imster Männer besonders sportlich?“, fragen wir den früheren Schullehrer. „Nein“, lacht er, „grundsätzlich nicht. Aber in den Monaten vor der Fasnacht kann man schon beobachten, wie sie anfangen zu laufen und ins Fitnessstudio zu gehen. Und in den Wirtshäusern wird dann auffällig weniger Bier bestellt.“ Lang hält der Elan jedoch meist nicht an. In der Jubiläumszeitung zum 50. Geburtstag des Hirschenwirtes „Hannes S.“ kann man nachlesen, wie der Lauf der Dinge ist: „Hannes war immer schon sportlich, auch wenn man das nicht mehr sehen kann.“

Man muss sich auf recht schotterige und schmale Wege einstellen

Im Garten des Hirschen treffen wir eine weitere Gruppe Radler: Sie kommen aus der Schweiz und kennen den Inn seit seiner Quelle am Malojapass. Auf 2484 Meter Höhe entspringt er nahe dem Lunghinsee. Im oberen Engadin seien die Fahrradwege noch recht schmal und schotterig, aber 60 Kilometer haben sie doch jeden Tag geschafft, erzählen sie stolz. Nun sind sie froh, in Tirol zu sein, wo es gemütlicher zugeht. Auch sie wollen bis Innsbruck weiterradeln.

Wir haben uns dieselbe Strecke vorgenommen: Etwa 70 Kilometer sind es von Imst bis zur Olympiastadt. Ein sportliches Vorhaben, wie sich zeigen wird, denn es geht keineswegs stetig bergab. Da der Inn im ersten Abschnitt durch eine schmale Schlucht rauscht, führt der Radweg oft oben am Hang entlang, was so manch giftige Steigung zur Folge hat. Hier und da reicht die Puste dann selbst im kleinsten Gang nicht bis zur Höhe: „What goes up, must come down . . .“, singe ich im Geiste vor mich hin. Denn natürlich folgt auf jede Steigung eine flotte Bergabfahrt. Nach rund 25 Kilometern unser nächster Kulturstopp: Das Stift Stams muss unbedingt besichtigt werden.

Schon 1273 siedelten die Zisterziensermönche im Inntal und bauten ein romanisches Kloster. Nachdem es Ende des 16. Jahrhunderts komplett abgebrannt war, errichteten sie die neue Kirche im Barockstil. Das Kirchenschiff kann mit einer Führung besucht werden: Wir bewundern die filigrane Kanzel und mannshohe Figuren, die komplett mit Blattgold belegt sind. Am Brunnen neben dem Kloster füllen wir die Trinkflaschen mit frischem Quellwasser auf. Einige Schüler des nahen Skigymnasiums tun es uns gleich: 1500 Schüler hat Stams, mehr als Einwohner. Zügig fahren wir weiter, den letzten steilen Anstieg bewältigen wir allerdings ganz und gar freiwillig: Denn oben in Flaurling wartet der schattige Wirtsgarten des Gasthofs Goldener Adler.

Die "Kristallwelten" begrüßen jährlich 700.000 Besucher

Der Hit unserer Radlerpauschale ist die Kombination mit den Tiroler Wirtshäusern. Der Goldene Adler ist solch ein Glücksgriff, ein Mittagsmenü mit Radieschensuppe und Spinat-Palatschinken kostet ganze 5,50 Euro. Ein böiger Wind lässt die Nachmittagsetappe lang werden. Den Abend verbringen wir in Innsbruck, unser Hotel Weißes Rössl liegt mitten in der Altstadt. Am nächsten Morgen führt der Radweg über Hall nach Wattens - und damit zur Ausstellung des Schmuck­herstellers Swarovski. 700 000 Besucher im Jahr können nicht irren, sie machen die „Kristallwelten“ nach dem Wiener Stephansdom zu der am zweithäufigsten besuchten Attraktion Österreichs. Es glitzert nicht nur wie erwartet, sondern scharrt und dreht sich auch, schafft meditative Bilder und fantastische Räume.

Wie gerufen liegt zwischen Terfens und Pill der erste Badesee an der Strecke. Der Rasen reicht bis ins Wasser, und wer das nicht mag, nimmt an warmen Sommertagen den prächtigen Steg und die Badeleiter. Ein Stückchen weiter fließt der Vomperbach türkis in den schlammigen Inn: Wir springen schon wieder von den Rädern, um das Naturschauspiel zu bestaunen. Über Schwaz und die Glasbläserstadt Rattenberg geht die Tour weiter bis Breitenbach.

Am nächsten Tag bleibt uns die letzte und kürzeste Etappe, wir fahren nach Kufstein. Von der Burgterrasse der Festung aus können wir bis zur bayerischen Grenze sehen: Der Radweg führt weiter bis Passau, wo sich der mächtige Fluss mit der Donau vereint. Meist bringt der Inn sogar mehr Wasser mit als die Donau, aber der längste Fluss gibt den Namen. Nicht der kräftigste. Denn dann würde der Inn häufig gewinnen.

Infos zu Kufstein

Anreise
Mit dem Pkw von Stuttgart über Ulm, Kempten und Imst in rund drei Stunden bis Landeck, knapp 300 Kilometer.

Allgemeine Informationen
Tirol Marketing Service, Maria-Theresien-Straße 55, 6010 Innsbruck, Tel. 00 43 / 5 12 90 08 - 0,
Infos zum Innradweg auf www.rad.tirol.at

Unterkunft
Package „Radtour Tiroler Wirtshauskultur“, von Zams/Landeck nach Kufstein, circa 150 Kilometer Radweg, sechs Tage mit fünf Übernachtungen/ Frühstück, Tiroler Wirtshausführer, Gepäcktransport, 2 Einkehrgutscheine, Bahnrückfahrt von Kufstein nach Zams/Landeck für 459 Euro im DZ. Aufpreis Halbpension 85 Euro.

Diese und ähnliche Rad- Pauschalen bei Inntour sport & touristic services, Leopoldstraße 4, 6020 Innsbruck, Telefon 00 43 (0) 512 / 58 17 42 17, www.inntour.at

Hotel Hirschen, 6460 Imst, Thomas-Walch-Straße 3, www.hirschen-imst.com , pro Person im DZ/Frühstück ab 51 Euro;

Gasthaus Weißes Rössl, Kiebachgasse 8, 6020 Innsbruck, www.roessl.at , pro Person im DZ ab 60 Euro.

Sehenswürdigkeiten
Haus der Fastnacht in Imst. Geöffnet freitags 16 bis 19 Uhr, für Gruppen auf Anmeldung auch zu anderen Zeiten. Buchungen über den Tourismusverband Imst, Tel. +43 (0) 54 12 / 69 10, www.fasnacht.at ;

Stift Stams, Führungen im Sommer zu jeder vollen Stunde von 9 bis 17 Uhr (nicht 12 Uhr), www.stift-stams.at ;

Swarovski Kristallwelten, http://kristallwelten.swarovski.com , täglich 9 bis 18 Uhr;

Festung Kufstein, www.festung.kufstein.at , täglich 9 bis 17 Uhr. Karten Radreiseführer Inn-Radweg 1 und Inn-Radweg 2, Bikeline, Verlag Esterbauer, jeweils 12 Euro

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