Christoph Schrahe ist im neuen Skiverbund Saalbach/Leogang/Fieberbrunn jede Piste abgefahren und hat bestätigt: Es ist nun das größte Skigebiet Österreichs. Foto: Schreiber

Bei den Angaben der Pistenkilometer in einem Skigebiet wird oft geschummelt. Doch Geograf Christoph Schrahe entlarvt falsche Angaben.

Fieberbrunn - Es gibt Skigebiete, da hat Christoph Schrahe keine Freunde (mehr). In Italien ist man nicht gut auf ihn zu sprechen, aber auch in Regionen Österreichs, der Schweiz oder Frankreichs ist er Persona non grata. Wenn man wissen will, warum das so ist, sollte man einen Blick dorthin werfen, wo Schrahe ein gefeierter Mann ist. Aktuell trifft das auf einen neuen Skiverbund zwischen Tirol und Salzburg zu. Dort gibt es Pressekonferenzen mit dem Ski-Experten aus Köln, auf denen er erklärt, was er herausgefunden hat: Der Skicircus Saalbach/Leogang/Fieberbrunn ist mit 270 Kilometern nun der größte seiner Art in Österreich und steigt damit in die Top Ten weltweit auf. Das liegt zunächst einmal daran, dass es einen nagelneuen Lift gibt, mit dem sich das kleine Fieberbrunn an den großen Nachbarn im Salzburger Land dranhängt. Und hier kommt der Geograf Schrahe ins Spiel. Er hat eine Methode entwickelt, um die Pistenkilometer exakt zu bestimmen. In der Branche wird heftig geschummelt. In Europa hat Schrahe massenhaft schwarze Schafe entdeckt.


Eine beliebte Methode in Frankreich ist es, unpräparierte Freeride-Abfahrten hinzuzurechnen

Rund 30 Prozent der untersuchten Wintersport-Regionen mogeln massiv, so die Erkenntnis des Kölners, der in seinem Leben mehr als 450 Ski-Destinationen besucht hat und die Liste der „100 größten Skigebiete der Welt“ herausgibt. Es gibt keine Regeln oder Vorschriften, nach denen sich die Liftbetreiber richten müssen, und so sind kreative Methoden entstanden, um Kilometer zu schinden: Skigebiete verkaufen Breite als Länge. Bei Pisten mit 30 Metern vom linken bis zum rechten Rand wird die Kilometerzahl gerne verdoppelt, bei 60 Metern gar verdreifacht. Eine beliebte Methode in Frankreich ist es, unpräparierte Freeride-Abfahrten hinzuzurechnen. Andere Skigebiete geben reine Fantasie-Längen an. Die Methode von Schrahe (46) ist einleuchtend und transparent. Er reist in ein Skigebiet, bewaffnet sich mit seinem GPS-Gerät und bestreitet alle Abfahrten. Sein Grundsatz: „Ich vermesse jede Piste entlang ihrer Falllinie. Das ist jene Linie, die entlang einer Piste dem größten Gefälle folgt, die Höhenlinien also stets rechtwinklig schneidet.“ Eine akribische Arbeit, bei der der Skispaß auf der Strecke bleibt. Schrahe muss unbeliebte Ziehwege nutzen, jede Umfahrung berücksichtigen und hat meist keine Zeit, eine Abfahrt zu wiederholen.


Einmal verschwindet er plötzlich im Wald, weil er eine weitere Piste wittert, stellt dann aber fest, dass es sich um eine Sackgasse handelt und muss zurück. Abends im Hotel spielt Schrahe seine Daten auf den Computer, wertet sie aus, addiert und subtrahiert. Zusätzlich hilft ihm das Internet. Er zieht sich Pistenpläne herunter, zeichnet sie auf Google Earth nach und erhält gesicherte Werte. Das funktioniert sogar mit gedruckten Pistenplänen, manchmal nutzt er auch Daten anderer Internet-User oder von Behörden. Es gibt auch Skigebiete, die ihn unterstützen. Manche sind froh, wenn er anklopft und die Pistenlängen prüft. Seit dieser Saison bietet er sogar ein entsprechendes Zertifikat an. Andere gehen ihm lieber aus dem Weg und sehen auch keine Notwendigkeit für Korrekturen, wenn er auf Ungereimtheiten stößt. Pistenkilometer sind ein heißes Eisen, denn Snowboarden und Carven zählen zum Big Business in Österreich. Die Alpenrepublik kommt auf mehr als 400 Skigebiete, allein die Seilbahnen machen einen Umsatz von rund 1,3 Milliarden Euro pro Jahr und beschäftigen etwa 80 000 Mitarbeiter.


Pistenkilometer sind der ultimative Faktor fürs Skivergnügen

Der Konkurrenzdruck ist groß, und jeder in der Branche weiß: Pistenkilometer sind der ultimative Faktor fürs Skivergnügen, Größe ist wichtiger als alles andere. Das gilt letztlich auch für Fieberbrunn, das zwar zu den Top-Freeride-Gebieten in den Alpen zählt, sich aber mit den Schrahe-geprüften 41 Pistenkilometern langfristig nicht überlebensfähig sah. Deswegen schluckten die Verantwortlichen im Rathaus und bei den Bergbahnen so manche Pille, um Junior-Partner des Giganten Saalbach-Hinterglemm zu werden. Wie üblich gab der Größere den Ton an und diktierte die Bedingungen: Modernisierung verschiedener Aufstiegshilfen und Ausbau der Beschneiungsanlagen. Auch die Kosten für den Verbindungslift zwischen beiden Gebieten blieben zu 100 Prozent an Fieberbrunn hängen. So kamen unterm Strich rund 20 Millionen Euro zusammen. „Aber auch in Saalbach haben sie gemerkt, dass sie etwas von dem Zusammenschluss haben“, sagt Toni Niederwieser, Chef der Fieberbrunner Bergbahnen.


Und damit meint er nicht nur den Aufstieg zum Pistengiganten Nummer eins in Österreich. Die Salzburger dürfen jetzt auch mit dem weißen Tirol-Schriftzug auf rotem Grund werben, der in der Tourismus-Branche hohen Markenwert besitzt. Die Fusion hievt Fieberbrunn auf das Tableau der Großen. Die Zeiten, in denen man mit dem Slogan „das best-versteckte Skigebiet“ warb, dürften vorbei sein. Vermutlich büßt der Ort in Tirol auch etwas von seinem ursprünglichen Charme ein. Noch gibt es keine großen Bettenburgen, aber Hilton hat angekündigt, eine Unterkunft zu bauen. Die Hütten müssen sich auf einen größeren Ansturm von Skigästen einstellen. Auch jene, die nur auf Fieberbrunner Gebiet fahren wollen, müssen mehr zahlen, denn es gibt nur noch einen Skipass für das komplette Gebiet. Der Titel „Größtes Skigebiet Österreichs“ könnte aber bald schon wieder weg sein: Am Arlberg und rund um Kitzbühel wird über neue Mega-Skigebiete diskutiert. Und Hinterglemm-Fieberbrunn will sich mit Zell am See verheiraten. Der Kampf geht weiter, und auf Christoph Schrahe wartet neue Arbeit.

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