Die alte Bim (rechts) verschwindet allmählich aus dem Wiener Stadtbild. Foto: Mauritius

Im Stuttgarter OB-Wahlkampf wird bei der Verbesserung des öffentlichen Nahverkehrs immer wieder die österreichische Hauptstadt Wien als Musterbeispiel genannt. Warum eigentlich? Eine ehemalige Wienerin erklärt es.

Wien - In Wien geht die Sonne auf, doch hier unter der Erde strahlt bloß grelles Kunstlicht auf Wesen wie mich, die lieber noch im Bett wären, aber stattdessen in der U 3 zur Arbeit fahren. Nirgends kommt man Menschen so nahe wie in öffentlichen Verkehrsmitteln zur Hauptverkehrszeit: Arbeiter in Overalls, Anzugträger, dazwischen schreien sich Touristen auf fremden Sprachen an. Ein älterer Herr betrachtet auf seinem Smartphone das Foto eines blonden Mädchens. Sie macht einen Kussmund.

 

Die Wiener Linien transportieren pro Tag 2,6 Millionen Gäste. In den Stoßzeiten fahren 120 U-Bahnen im Netz. Zur Flotte gehören darüber hinaus 450 Busse und über 500 Trams. Rund um die Uhr sind Busse und Züge im Einsatz und bringen mich zuverlässig von A nach B. Mit 80 Kilometer pro Stunde rasen wir durch den Untergrund. Im letzten Moment ergreife ich die Schlaufe, die über meinem Kopf baumelt, um bei der Bremsung nicht umzufallen. „Horcht’s, i bin scho in da Hockn“, macht uns der Fahrer wenige Sekunden später darauf aufmerksam, bitte die Türen frei zu machen, damit er weiterfahren und auch uns in die Arbeit bringen kann. Widerwillig rutschen wir weiter in den Gang. Direkt an der Türe zu stehen hält jeder nur dann für eine gute Idee, wenn er es selbst macht.

Die Zahl der Kommunalpolitiker, die neidisch nach Wien schauen, ist groß. Die österreichische Hauptstadt ist verkehrstechnisch nämlich dort, wo andere europäische Großstädte – zum Beispiel Stuttgart – hinwollen: 19 von 20 Wienern wohnen in Gehweite zu einer Haltestelle, von dort aus startet in der Regel alle drei Minuten ein Bus oder eine Bahn. Vor sechs Jahren führte die österreichische Metropole das Ein-Euro-am-Tag-Ticket ein – mit durchschlagendem Erfolg. Bis heute sind aus einst 373 000 Jahresabonnenten 780 000 geworden. Nur noch 27 Prozent der Wege durch die Beinahe-zwei-Millionen-Stadt werden mit dem Auto gefahren, aber 39 Prozent mit den zärtlich „Öffis“ gerufenen Transportmitteln des Nahverkehrs – in Stuttgart liegt der Anteil des Autoverkehrs noch immer bei stolzen 43 Prozent und der des ÖPNV bei vergleichsweise mageren 27 Prozent.

Müde Grantler am Westbahnhof

Der Spotpreis für das Jahresticket und die extrem gute Erreich- und Verfügbarkeit führen dazu, dass die Kundenzufriedenheit mit dem Wiener Linien laut Umfragen konstant hoch ist. Mit einem besonderen Komfort oder einer freundlichen Atmosphäre lassen sich die guten Noten der Kundschaft jedenfalls nicht erklären. Die glücklichen Fahrgäste, die morgens in den überfüllten Bahnen einen der Plastiksitze erwischt haben, starren wahlweise auf ihre Handys oder lesen eine der Gratiszeitungen, die an jeder Haltestelle ausliegen. Das Nötigste an Information, subjektiv angereichert. Alternativ bieten auch die Wiener Linien Zeitschriften, die an jedem Vierersitz hängen. Aktuelle Events, Interviews und Streetstyle-Trends für hippe U-Bahn-Fahrer.

Drei Stationen und vier Minuten später brechen wir aus. Es folgt die Übernahme des Westbahnhofs durch müde Grantler. In einer wohlbekannten Choreografie drängen wir vorbei an einer Frau, die auf dem Steinboden kniet und um Geld oder irgendwas anderes bettelt – wer liest schon die Schilder? Vorbei auch an den Zeitungsverkäufern, die ihre Ware an quadratischen Gittern drapiert haben.

Ein Musiker gibt seine Performance auf dem extra dafür vorgesehenen Platz. Er wurde im Bewerbungsverfahren, das es seit 2017 gibt, von den Wiener Linien zum „U-Bahn-Star“ gekürt. Wien, die Stadt der Musiker – aber eben nur der guten Musiker. Wehe, hier belästigt jemand mit seinem Gedudel die vorbeirauschenden Menschen, von denen die meisten ihre Ohren eh mit Kopfhörern verstopft haben.

Die berühmt-berüchtigte U-Bahn-Linie

Talent hin oder her, die Musiker sollen den Menschen durch ihre Anwesenheit auch ein Gefühl von Sicherheit vermitteln, vor allem am Abend. Bezahlung bekommen sie keine, dafür aber die Chance auf den ganz großen Durchbruch. Aber auch Oliver schaut auf mich. So steht es auf dem Plakat am Gleis der U 6, das sich zwei Ebenen über der U 3 befindet. Aus seinem roten Rahmen trifft mich Olivers bestimmter Blick. Er gehört zum neuen 22-köpfigen Sicherheitsteam, das seit 2017 unterwegs ist. „Oliver schaut auf dich.“ Na Servas.

Unsicher habe ich mich in den letzten vier Jahren in Wien nie gefühlt. Und das, obwohl ich regelmäßig mit der U 6 fahre, dieser berühmt-berüchtigte U-Bahn-Linie. Sie ist anders. Nicht nur, weil sie als einzige oberirdisch fährt, auch weil sie als Ringbahn entlang des Gürtels fährt, einer Straße, die die Innen- von den Außenbezirken trennt.

Der Wiener Architekt Otto Wagner hat die Haltestellen Ende des 19. Jahrhunderts geplant. Imposant ragen sie zwischen den acht Autospuren hervor. Nachts wird zwischen den Stationen, entlang ihrer U-Bahn-Bögen, gefeiert, getrunken und generell alles konsumiert, vom Würstel bis zu einer erlesenen Auswahl illegaler Substanzen.

Tagsüber genieße ich es, hier meine Sinne einzuschalten. Ich sehe die prächtigen Altbauten zu beiden Seiten, das Allgemeine Krankenhaus, in dem 10 000 Betten stehen, die Donau. Ich höre alle Sprachen, rieche verschiedene Parfüms, Tabakrauch, und an heißen Tagen spüre ich fremden Schweiß.

Die Stadt hat ein Maßnahmenpaket für diese Bahn aller Bahnen beschlossen. Zum Auftakt hat sie letzten Sommer Gratisdeos an den Haltestellen verteilen lassen. Dann wurde ein Essensverbot eingeführt. Der Protest kam prompt, in Form eines Facebook-Events mit dem Titel „Letztes Mal Döner essen in der U 6“. Um die 10 000 Menschen zeigten sich interessiert und erregten so vor allem jede Menge mediale Aufmerksamkeit.

Noch gibt es die alte Bim

Ich steige aus der U 6, atme tief durch und laufe geradewegs in eine Fahrscheinkontrolle. Schwarzfahrer haben es in Wien nicht leicht. Wenn die Rolltreppe sie wie am Fließband zu der Truppe wartender Kontrolleure transportiert hat, gibt es kein Zurück. Einmal erwischt, kostet der Spaß 105 Euro.

Dann steige ich in die Tram um, hier Bim genannt. Aus dem Zentrum fahren die Züge wie Sonnenstrahlen in alle Himmelsrichtungen. Wie immer stehe ich. Dieses Opfer bringe ich seit einer traumatischen Erfahrung in meinem ersten Wien-Jahr. Damals hatte ich meine Ohren ausgeschaltet und las Wichtiges auf meinem Handy, als ich einen Stoß spürte. Ich schrak hoch, riss mir die Kopfhörer aus dem Ohr und hörte gerade noch den restlichen Satz: „ . . . wenns Eana nichts ausmacht.“ Ich interpretierte, dass dieser ältere Mann meinen Sitz haben wollte und sprang sofort auf, überschüttete ihn mit Entschuldigungen. „Nur wenns eh passt, kurz von Ihrem Gerät aufzuschauen“, sagte er schroff. Beschämt schaute ich zu Boden und merkte deshalb erst später, dass der ganze Wagen leer war und alle Sitze frei. Nur in der alten Bim setze ich mich auf die hölzerne Sitzgarnitur, denn da trifft man selten jemanden mit körperlichen Gebrechen. Die Stufen will ich auch nicht mit einem Kinderwagen oder im Rollstuhl erklimmen müssen. In diesen Bahnen hat man als weniger mobiler Mensch verloren. Deshalb werden sie langsam ausgetauscht, gegen moderne, ebenerdige und klimatisierte Züge mit Infobildschirm. Gut für die Passagiere, schade um das historische Wiener Stadtbild.

Vorbei an Universität, Burgtheater, Rathaus, Parlament und Oper fährt auch die Bim ringförmig um das Herz Wiens und bietet dabei eine nahezu überfordernde Stadtrundfahrt. Ich weiß nie, auf welcher Seite ich aus dem Fenster schauen soll. Das Wiener Stadtzentrum bietet eine einzigartige Dichte an üppigen Prunkbauten. Hier bin ich hin und weg – noch schneller dank des unschlagbaren Öffi-Systems. Hier komme ich immer heim. Am Wochenende mit der U-Bahn, unter der Woche fährt alle halbe Stunde ein Nachtbus.

Was ich mir für Stuttgart wünsche

Und dann steht der Heimatbesuch in Stuttgart an. Hier fehlt mir manches: eine Ringbahn beispielsweise, die Möglichkeit, stets nachts heimzukommen, oder ein günstiges Jahresticket. Und doch hat meine alte Heimat für mich einen speziellen Reiz: Bei jeder Fahrt mit der Stadtbahn Richtung City fühle ich mich, als würde ich einen Ausflug machen. Vielleicht hängt das mit Kindheitserinnerungen zusammen: Sonntags bis zur Haltestelle Mineralbäder, um dann Eis schlotzend durch den Schlossgarten zu spazieren. Die Stuttgarter Stadtbahn, finde ich, hat das Beste aus U-Bahn und Tram zu einem Verkehrssystem vereint. Auf den sauberen, gepolsterten Sitzen platziert, stelle ich meinen Kaffeebecher auf dem kleinen Tischchen ab und genieße auf meinem Weg ins Möhringer Pressehaus den Ausblick von der Weinsteige auf den Kessel.

Vor einiger Zeit stellte der Verkehrsverbund Stuttgart, kurz VVS, sein System um: Nach 40 Jahren wurden aus 52 Zonen fünf. Für mich als Fellbacherin ist es ein völlig neues Gefühl, auch zur Kernzone zu gehören. Die Jahreskarte für knapp 700 Euro ist mir aber trotzdem noch zu teuer dafür, dass ich jede Fahrt akribisch planen muss, weil eine verpasste Bahn mich zehn Minuten meines Lebens kostet.