Eine Datenauswertung für den Böblinger Bahnhof zeigt: In manchen Wochen dürfte die Hälfte der Umstiege von der S-Bahn auf den Bus nicht geklappt haben.
Für Pendlerinnen und Pendler sind verspätete S-Bahnen ärgerlich. Noch ärgerlicher ist es vermutlich, wegen einer verspäteten S-Bahn den Anschlussbus zu verpassen. Dass genau dieses Szenario häufig vorkommen dürfte, zeigen Daten, die unser Datenteam seit September 2025 für den Böblinger Bahnhof ausgewertet hat.
Der Fokus liegt auf der S-Bahn Linie 1 von Kirchheim unter Teck Richtung Herrenberg und den Busanschlüssen am Zentralen Omnibusbahnhof (ZOB). Das Ergebnis: In mehreren Wochen wurden – rein rechnerisch – bei bestimmten Linien mehr als die Hälfte der Busanschlüsse verpasst, weil die S 1 so oft verspätet kam.
An einzelnen Tagen und bei einzelnen Buslinien sogar mehr als 70 Prozent. Wer mit der S 1 aus Richtung Herrenberg oder mit der S 60 in Böblingen ankommt, hat dagegen seltener mit verpassten Bussen zu tun.
Welche Buslinien von der Verspätung besonders betroffen sind
Für die Auswertung wurde eine Umsteigezeit von vier Minuten angenommen – schließlich müssen Passagiere zunächst aus der Bahn aussteigen, zwei Treppen bewältigen und dann noch einige Meter zum ZOB gehen. Wer schneller zu Fuß ist, könnte manche Busse theoretisch noch erreicht haben, rechnerisch wurden sie aber als verpasst gezählt. Als Basis die Umstiegszeiten, die typischerweise in der Auskunft des Verkehrs- und Tarifverbund Stuttgart (VVS) angenommen werden.
Ob ein Anschluss, der laut Fahrplan möglich war, tatsächlich erreicht oder verpasst wurde, ergibt sich aus der Verspätung der ankommenden S-Bahn. In Wochen, in denen die S-Bahn hohe Verspätungswerte aufweist, steigt dementsprechend der prozentuale Anteil der verpassten Busse.
Die folgende Grafik zeigt, welcher Anteil der Busanschlüsse pro Woche verpasst wurde - je nach Richtung und Linie der S-Bahn. Dabei werden alle Buslinien zusammengenommen.
Einzelne Buslinien sind von verspäteten S1-Bahnen Richtung Herrenberg besonders stark betroffen. Dazu zählen:
- die Linie 707 über die Böblinger Hulb und Mercedes Benz zum Sindelfinger ZOB
- die Linie 760 über Schönaich nach Steinenbronn
- die Linie 761 über Schönaich nach Weil im Schönbuch
- die Linie 763 über Aidlingen nach Calw
- die Linie X16 über Waldenbuch nach Nürtingen
Die Tabelle zeigt die einzelnen Buslinien am Böblinger ZOB – und wie viel Prozent der Anschlüsse Fahrgäste der S 1 pro Woche verpasst haben. Je dunkler, desto höher der Anteil der verpassten Anschlüsse:
Was die Busunternehmen zu den Verspätungen sagen
Unter den betroffenen Buslinien sticht die 707 besonders hervor, hier wurden teils über mehrere Wochen mehr als die Hälfte der Anschlüsse verpasst. Höhepunkt: Am 27. Oktober 2025 lag die Zahl der verpassten Anschlüsse sogar bei 76 Prozent. Sie fährt allerdings auch bereits sechs Minuten nach der regulären Ankunftszeit der S 1 ab – die Umsteigezeit ist also ohnehin nicht üppig. Und nach 15 Minuten kommt der nächste Bus. Deutlich unkomfortabler ist die Situation bei den anderen besonders betroffenen Linien, die teils im Abstand von einer Stunde oder mit noch größeren Lücken fahren.
Die Linien 707 und 763 werden vom Böblinger Busunternehmen Pflieger, die restlichen Linien von Friedrich-Müller-Omnibus (FMO), einer Tochter von DB Regio, betrieben. Während FMO laut einem Bahnsprecher gar keine Beschwerden oder Anfragen wegen verpasster Anschlüsse vorliegen, sieht es bei Pflieger anders aus. Dort betreffe es aber nicht eine einzelne Buslinie, sondern „eigentlich alle“, sagt Dirk Neurath, Geschäftsführer von Pflieger.
Vereinzelt riefen Fahrgäste sogar aus der S-Bahn in der Pfliegerzentrale an und meldeten, dass die S-Bahn verspätet ankomme, verbunden mit der Bitte, doch zu warten. Außerdem häuften sich Beschwerden, wenn der Umstieg abends nicht klappe.
Wie lange die Busfahrer warten können
Grundsätzlich gibt es im Busfahrplan einen kleinen Puffer. Die Busfahrer dürfen bis zu drei Minuten über die reguläre Abfahrtszeit hinaus warten. „Danach muss der Bus aber los“, betont Neurath. Ein Problem dabei: Die Busfahrer bekommen laut Neurath oft nicht mit, um wie viele Minuten sich die S-Bahn verspätet. Der Blick aufs Handy und damit auf die DB-App ist den Fahrern nicht erlaubt, die im Bus vorhandenen Geräte können die Info nicht abrufen. Und: „Die Busfahrer sehen am ZOB nicht von allen Halteplätzen aus, ob die S-Bahn gerade einfährt und sie noch kurz warten könnten.“
Dieses Informationsdefizit will Neurath allerdings angehen. Zusammen mit der Stadt Böblingen arbeite man an einer Lösung. „Wir wollen in der Tickerzeile auf der Anzeigentafel die Ankunftszeit der S-Bahn anzeigen.“ Damit die Busfahrer die Info sehen und abschätzen können, ob sie den Puffer von drei Minuten ausreizen oder nicht.
Baustellen und veraltete Signale als Ursache für Verspätungen
In dieser Hinsicht scheint das Unternehmen FMO weiter zu sein. „Die aktuellen Anschlusszeiten werden den Busfahrerinnen und Busfahrern auf den jeweiligen Bordrechnern der Busse angezeigt“, teilt ein Bahnsprecher mit. Auch sie haben eine „definierte Wartezeit“, die sie ausreizen können, bevor sie losmüssen. Noch flexibler auf verspätete S-Bahnen zu reagieren ist laut beiden Unternehmen kaum möglich – zu groß seien die Verzögerungen im weiteren Fahrtverlauf aufgrund von Baustellen und viel Verkehr.
Besserung ist so schnell wohl nicht in Sicht. Baustellen wegen der Umstellung auf eine digitale Zugsteuerung und veraltete Signale im Tunnel zwischen dem Stuttgarter Hauptbahnhof und der Schwabstraße hemmen den S-Bahn-Fluss. Und von eben diesen Einschränkungen ist die S1 in Richtung Herrenberg besonders betroffen.
Zu den Berechnungen
Daten
Grundlage für die Auswertung sind die offiziellen Fahrplandaten des VVS. Zusätzlich wertet unsere Redaktion laufend Echtzeit-Verspätungsinformationen der S-Bahn aus und kann so auch für vergangene S-Bahn-Ankünfte die Verspätung nachvollziehen, soweit sie in der digitalen Fahrplanauskunft dokumentiert wurde.
Methodik
Weil Echtzeitinformationen für Busse in der Region Stuttgart nur lückenhaft vorliegen, wurde für die Analyse stets von der fahrplanmäßigen Abfahrtszeit der Busse ausgegangen. Ob ein Bus selbst verspätet war oder die drei Minuten erlaubte Wartezeit ausgereizt hat, ist derzeit nicht Teil der Auswertung.