Glaubensvermittlung mit Distanz: Kirchentag 2021 Foto: ©franz21/iStockphoto / epd-bild/Norbert Neetz

Da hilft auch kein Ökumenischer Kirchentag in Frankfurt: Die evangelische und die katholische Kirche sind in der Defensive. Warum aber eigentlich? Unterschätzen Christen ihre Chancen?

Frankfurt - Noch bis zum 16. Mai feiern evangelische und katholische Christen gemeinsam in Frankfurt. Theoretisch. Praktisch findet der 3. Ökumenische Kirchentag nach 2003 in Berlin und 2010 in München im Jahr zwei der Coronapandemie an diesem Wochenende zwar in der Mainmetropole statt, mehr noch aber im Internet.

 

Kirchentags-Motto: „Schaut hin“

„Schaut hin“ ist das Motto des Ökumenischen Kirchentags – und man kommt schwerlich daran vorbei, dass sich diese Botschaft zuvorderst nach innen richtet. Mag jüngst der Scheinwerfer eher in dunkle Ecken auf katholischer Seite gerichtet gewesen sein, erreicht etwa das Schreckensthema Missbrauch nun auch die evangelische Kirche wieder mit aller Macht.

Kirche beschäftigt sich mit Kirche

Was eigentlich gemeint ist mit „Schaut hin“ – der scharfe, analytische Blick auf Widersprüche und Ungerechtigkeiten im Kleinen wie im Großen – ist nur mehr Beiwerk. Auch deshalb, weil sich die evangelische Kirche mit der Entsendung eines Seenotrettungsschiffs ins Mittelmeer 2020 an die Grenzen von Realpolitik wagte. Am Problemfall Kirche hat die „Sea Watch 4“ nahezu nichts geändert. Mehr noch: Das Engagement der Evangelen in den Untiefen zwischen Afrika und Europa ist im Meer der realen wie der unterstellten Schwierigkeiten vor und hinter dem eigenen Haus beziehungsweise Kirchentüren untergegangen. Und es ist kein Trost, dass die viel beschworene Gesellschaft dabei allzu gern eine eigenwillige Mentalität spüren lässt: die Lust, sich an Fehlern anderer zu weiden.

Eine entfernte Größe?

Die evangelische und die katholische Kirche, das sind – zugegeben auch medial – zunehmend die anderen, eine entfernte Größe. Doch braucht es keinen Kirchentag, um erkennen zu können: Kirche, das sind unglaublich viele, das sind – ganz unabhängig vom individuellen Glauben und individueller Religionszugehörigkeit – im Grunde wir alle in diesem Land.

Gleichberechtigung mit Unbedingtheit

Wie das? Es ist christliche Überzeugung, unabhängig von der Herkunft Leben gemeinsam zu gestalten. Und es sind wesentlich im Ringen der beiden großen Kirchen um Identität und Ziele entstandene Prägungen, die unseren Alltag bestimmen. Folgerichtig wird umso heftiger in den beiden großen Kirchen wie mit diesen gerungen, wenn deren Ziele nicht mit Binnenrealitäten übereinstimmen. Macht dies aber von, mit und gegen die Kirchen erstrittene Grundfesten wie (geschlechterunabhängige) Brüderlichkeit, Gerechtigkeit, Gleichheit und individuelle Freiheit weniger bedeutsam? Hat in diesem Sinn Gleichberechtigung nicht eine Unbedingtheit, die weit tiefer geht, als es multimediale Diskussionsdauerschleifen und auch Binnendebatten vor allem in der katholischen Kirche nahelegen?

Enttäuschung in der Corona-Pandemie?

In dieser Unbedingtheit menschlicher und damit gesellschaftlicher Grundfesten liegt – gerade im ständigen und bewussten Dialog mit anderen Religionen – die Chance der Christen und damit auch der evangelischen und katholischen Kirche. Hätte man dies nicht gerade in der Coronapandemie stärker spüren müssen? In einer Zeit, da sich Menschen buchstäblich verlassen fühlten?

Jeder einzelne Gottesdienst entscheidet

Der flotte Ruf nach digitalen Angeboten geht ins Leere. Vielmehr kann und muss die Erfahrung der Abhängigkeit von direkter Begegnung, von aktiver Beteiligung, von inspirierender Nähe Christinnen und Christen Mut machen. Mut, die eigenen Möglichkeiten nicht zu unterschätzen. Kirchentage mögen diesen Mut beflügeln. Entschieden aber wird die Faszination, die Kirche haben kann, die Kraft, die Glauben entwickeln kann, in jedem Gottesdienst. Dies legt nicht die Fortführung der Debatte über die Zahlen in und von Gottesdiensten, sondern ein anderes Motto für Christen nahe: Horcht auf. Erst, wer aufhorcht, schaut hin.

nikolai.forstbauer@stuttgarter-nachrichten.de