Windräder vor der untergehenden Sonne – viele Bürgerinitiativen stören sich an solch einem Anblick. Die Proteste gegen die Windkraft bremsen den Bau neuer Anlagen. Foto: dpa

Obwohl mehr Strom aus regenerativen Quellen erzeugt wird und sich die Bundesregierung zu mehr Ökostrom-Ausbau durchgerungen hat, fordern Experten und Verbände deutlich mehr Tempo bei der Energiewende.

Stuttgart - Viel Wind und noch mehr Sonne – 2018 ist ein gutes Jahr für die Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien. Beinahe 170 Milliarden Kilowattstunden Strom aus Sonne, Wind, Wasser und Biomasse sind in den ersten drei Quartalen dieses Jahres in Deutschland gewonnen worden. Das ist mehr als im Vorjahreszeitraum und fast so viel wie mit den fossilen Ressourcen Braun- und Steinkohle. So konnten regenerative Quellen insgesamt 38 Prozent des Stromverbrauchs in Deutschland decken; im Vorjahreszeitraum waren es noch 35 Prozent.

Die neuesten Zahlen des Bundesverbandes der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) sowie des Zentrums für Sonnenenergie- und Wasserstoff-Forschung Baden-Württemberg (ZSW) liegen unserer Zeitung vor und zeigen, dass vor allem die Windkraft an Land (63 Milliarden Kilowattstunden, plus 13 Prozent) und die Sonnenenergie (41 Milliarden Kilowattstunden, plus 16 Prozent) einen großen Beitrag zur Energieversorgung in Deutschland leisten konnten.

Auf die kommenden Jahre blickt die Erneuerbare-Energien-Branche mit Sorge

So positiv die Zahlen aus diesem Jahr auch erscheinen – auf die kommenden Jahre blickt die Erneuerbare-Energien-Branche mit Sorge, denn der Ausbau von Anlagen stockt. Dem will die Bundesregierung nun zwar begegnen: In den nächsten drei Jahren sollen zusätzliche Windkraft- und Solaranlagen mit einer Kapazität von jeweils vier Gigawatt gebaut werden dürfen, teilte die große Koalition am Mittwoch mit. Nächste Woche soll die Einigung vom Kabinett beschlossen werden, anschließend muss dann noch der Bundestag darüber abstimmen. Eigentlich hätte das alles noch vor der Sommerpause passieren sollen. Und eigentlich war sich Schwarz-Rot auch darüber einig, dass sie den Anteil regenerativer Quellen am Stromverbrauch bis zum Jahr 2030 auf 65 Prozent erhöhen will – so steht es jedenfalls im Koalitionsvertrag. Doch wie das geschehen soll, darüber stritten Union und SPD monatelang.

Die Zahl von neu genehmigten Anlagen liegt auf einem historischen Tiefstand

„Diese Einigung ist längst überfällig“, sagt BDEW-Chef Stefan Kapferer. Der bisherige Stillstand müsse beendet werden. „Wir brauchen mehr Tempo beim Erneuerbaren-Ausbau, sonst schaffen wir das Ziel von 65 Prozent regenerativen Energien bis 2030 nicht“, so Kapferer. Auch aus Sicht des Bundesverbandes Windenergie (BWE) kommt die Einigung reichlich spät. Denn in diesem Jahr würden deutlich weniger neue Windkraftanlagen entstehen, sagt ein Sprecher im Gespräch mit unserer Zeitung. Die Daten des unabhängigen Fachgremiums „Arbeitsgruppe Erneuerbare Energien Statistik“ bestätigen dies: Demnach wurden bis Juli 2017 Anlagen mit einer Leistung von insgesamt fast 2600 Megawatt zugebaut, im Vergleichszeitraum 2018 waren es fast 1000 Megawatt weniger. Als eine Ursache für den Rückgang gilt das neue Ausschreibungssystem: Seit 2017 müssen sich Betreiber von Solar- und Windanlagen an Auktionen beteiligen – wer das günstigste Angebot macht, erhält den Zuschlag. So soll mehr Wettbewerb entstehen und die Förderkosten sollen sinken. Damit bei diesem Bieterverfahren aber auch kleine Bürgerenergiegesellschaften zum Zug kommen können, haben diese einen einfacheren Zugang zum Bieterverfahren und weitere Privilegien erhalten; beispielsweise dürfen sie sich mehr Zeit bei der Umsetzung lassen als professionelle Projektentwickler. Genau das trägt aber dazu bei, dass nun viel weniger neue Windparks entstehen als geplant. Insgesamt sind zudem weniger Gebote eingereicht worden, als Volumen für die Windenergie an Land ausgeschrieben war. Die Zahl von neu genehmigten Anlagen liegt laut BDEW auf einem historischen Tiefstand.

ZF spürte Unsicherheit, aber Drang nach neuen Innovationen

Der Zulieferer ZF Friedrichshafen, der Getriebekomponenten für Windkraftanlagen herstellt, spürt die geänderten Vergaberegeln. Tatsache sei, erklärt ein Sprecher, dass die Einführung des Auktionssystems in Deutschland und in anderen Ländern den Markt für Windkraftanlagen gestört und zunächst Unsicherheit gebracht habe. „Für ZF können wir feststellen, dass das Auktionssystem für Windkraftanlagen speziell in Deutschland das Wachstum des Windmarktes verlangsamt hat“, sagt der Sprecher weiter. Jedoch habe das Auktionssystem auch neue Innovationen in der Branche bewirkt, wie etwa die Entwicklung kostengünstiger Windkraftanlagen mit höherer Leistung.

Windkraft-Verband beklagt Stellenstreichungen

Zugleich werden jedoch ab 2021 viele alte Anlagen vom Netz gehen – und damit werde dann die installierte Windkraft-Leistung rapide sinken, heißt es aus Expertenkreisen. Der Bau neuer Windparks wird allerdings auch durch Proteste von Anwohnern und Naturschützern erschwert. Viele Projekte stecken im Genehmigungsverfahren fest, weil Bürgerinitiativen sie verhindern wollen. Die Bundesregierung versucht nun einen Schritt auf Windkraftgegner zuzugehen: Sie legt dafür unter anderem neue Regeln für die von manchen als störend empfundene Beleuchtung fest. Eine Arbeitsgruppe soll über Abstände zu Häusern oder feste Grenzen für die Höhe der Anlagen beraten. Städte und Gemeinden könnten auch mehr Mitspracherecht bekommen oder finanziell profitieren. Ergebnisse soll die Gruppe bis Ende März vorlegen.

Ob und wann diese Ergebnisse Wirkung zeitigen, sei ungewiss, heißt es aus den Verbänden. Die Ausbaulücke werde so oder so zunächst einmal größer werden. Schon jetzt hätten fehlende Aufträge und mangelnde Planungssicherheit zum Stellenabbau in der Branche geführt – bis zu 5000 Jobs seien in den vorigen beiden Jahren weggefallen, beklagt der BWE.

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