Im Zeichen des Kriegs setzen viele auf deutschen Ökostrom. Doch eine Selbstversorgung wird es nicht geben – auch nicht, wenn wertvolle Agrarflächen für die Produktion von grünem Strom genutzt werden.
Die Empörung ließ nicht lange auf sich warten. Kaum hatte Landwirtschaftsminister Peter Hauk (CDU) sich dafür ausgesprochen, Ackerflächen verstärkt für die Erzeugung von Nahrungsmitteln zu verwenden statt für Windräder und Fotovoltaikanlagen, hagelte es Kritik. So sprach der Naturschutzbund Deutschland (Nabu) von einer Rolle rückwärts in der Landwirtschaftspolitik, selbst von einer Instrumentalisierung des Krieges ist die Rede. Doch tatsächlich stellt sich die Frage, wie begrenzte landwirtschaftliche Flächen genutzt werden sollen, seit Kriegsbeginn in ganz neuer Weise.
Es drohen Lebensmittel-Engpässe
Zusätzlich zu den verheerenden Auswirkungen auf die Ukraine und ihre Bevölkerung hat der Krieg auch weltweite Folgen, die bis zu globalen Engpässen bei der Versorgung mit Grundnahrungsmitteln reichen können. Zwei Prozent der deutschen Landesfläche sollen für die Ökostrom-Produktion reserviert werden; die EU verlangt zudem von Landwirten, die weiter Direktzahlungen erhalten wollen, die Stilllegung von vier Prozent der Flächen. Das soll die landwirtschaftliche Überproduktion eindämmen, wirkt inzwischen aber wie aus der Zeit gefallen. Schließlich könnte die Ukraine als Exporteur ausfallen, auf deren Produktion viele andere Länder im Nahen und Mittleren Osten oder in Ostafrika angewiesen sind.
Nach Kriegsausbruch vor nunmehr vier Wochen gab es zunächst kaum Stimmen, die mehr Agrarproduktion forderten, um weltweiten Hungersnöten entgegenzuwirken – schließlich ist Deutschland vergleichsweise gut versorgt. Viele forderten stattdessen sogar, anstelle der Produktion von Gerste und Weizen die von Ökostrom auszubauen, die teilweise um die gleichen Flächen konkurriert. Damit, so die Idee, solle Deutschland bei der Stromerzeugung unabhängig von Importen aus Russland werden und in Richtung Selbstversorgung steuern.
Strombedarf läuft davon
Allerdings ist die Erwartung, Deutschland werde sich jemals auch nur annähernd selbst mit der benötigten Energie versorgen können, illusorisch. Denn zumindest das deutsche Binnenland ist ein mittelprächtiger Standort für Windräder und Fotovoltaik-Anlagen, deren Stromproduktion schon deshalb nicht annähernd ausreichen kann, weil der Bedarf an Elektrizität stark steigen wird. Schließlich sollen künftig auch Gebäudeheizungen mit Hilfe von Ökostrom betrieben werden – oder mit grünem Wasserstoff, für dessen Herstellung ebenfalls große Mengen grünen Stroms benötigt werden. Auch die stark steigende Zahl von Elektroautos benötigt zusätzlichen Strom, ebenso riesige Industrien wie die Stahlbranche, die mittels grünem Wasserstoff klimaneutral werden sollen.
Der beste Weg, um den Energiehunger zu decken, besteht somit darin, die Abhängigkeit auf möglichst viele Länder zu verteilen und nie wieder einem einzelnen Land eine solche Macht einzuräumen, wie man es bei Russland zugelassen hat. Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) ist schnell in der neuen Realität angekommen und bahnte mit Katar und den Vereinigten Arabischen Emiraten Lieferbeziehungen für Flüssiggas und klimaneutral erzeugten Wasserstoff an. Je mehr solcher Lieferbeziehungen entstehen, desto geringer ist die Macht eines einzelnen Lieferanten und desto sicherer ist die Versorgung.
Lebensmittel oder Ökostrom?
Allzu wählerisch kann man nicht sein, wenn es darum geht, mit welchen Ländern man Geschäfte macht. Klar ist: Die Idee, Deutschland könne sich unabhängig von ausländischen Lieferungen machen, ist unrealistisch. Umso wichtiger ist es, gut abzuwägen, ob man für die heimische, eher ineffektive Produktion von Ökostrom wertvolles Ackerland opfert, dessen Erträge für die Menschheit so wertvoll geworden sind.