28 Tage benötigte Andreas Fath, um den Rhein von der Quelle bis zur Mündung ins Meer zu durchqueren. Für den langsamer fließenden Tennessee River wird er länger brauchen. Foto: dpa

Der Rheinschwimmer Andreas Fath nimmt sich den Tennessee River in den USA vor. Auf 1049 Kilometern muss er neun Seen von der Größe des Bodensees durchqueren. Zusammen mit Chemikern will er während der Expedition auch die Wasserqualität des Flusses untersuchen.

Furtwange/Knoxville - Viele Forscher müssen verkraften, dass ein Projekt, das ihnen am Herzen liegt, keine Mittel erhält. In so einer Situation kann man zur Flasche greifen. Man kann auch Holz hacken, bis der Frust der Erschöpfung weicht. Oder man sagt sich: Dann ziehe ich es eben anders durch. Der Chemiker Andreas Fath gehört zu diesen Menschen. „Eine Niederlage“, sagt er, „ist die Quelle des Erfolgs.“

Aus dem Frust über ein abgelehntes Forschungsprojekt wurde das Projekt „Rheines Wasser“ geboren. 1231 Kilometer ist Fath vor drei Jahren durch den Rhein geschwommen, begleitet von einem 70-köpfigen Team. Er brauchte dafür nur 28 Tage – ein Weltrekord. Am Ende versprach er seiner Frau, so etwas nie wieder zu machen. Schließlich hatte er sich eine dauerhaft entzündete Wunde am Hals geholt, die ihn zu einer Unterbrechung zwang. Das „Nie wieder“ dauerte trotzdem nur drei Monate. Dann rief ihn ein Kollege aus den USA an, der von der Expedition gehört hatte. Schon war ein neues Projekt geboren – die Durchquerung des Tennessee River, der mit tausend Kilometern zwar etwas kürzer als der Rhein ist, dafür aber andere Herausforderungen bietet: Er durchquert neun Seen von der Größe des Bodensees, er fließt nur halb so schnell und verlangt damit viel mehr Kraft – und es gibt bissige Schnappschildkröten.

Die Ferien müssen reichen

In zwei Wochen, am 27. Juli, geht es los. Unterstützt wird Fath von seinem Arbeitgeber, der Hochschule Furtwangen, sowie amerikanischen Forschungseinrichtungen. Fath will schwimmend untersuchen, wie viele Medikamentenrückstände, Schwermetalle, Plastikteilchen und andere Stoffe den Fluss verunreinigen. Außerdem trägt er Instrumente am Körper, die Daten über die Tiere im Fluss aufzeichnen.

Lange stand die Finanzierung des Projektes „Tenneswim“ auf wackeligen Beinen. Auf der Crowdfunding-Plattform Go Fund Me sammelt Faths Team noch immer Geld, um die teuren Analysen bezahlen zu können. Ein knappes Budget ist jedoch nichts, was Andreas Fath abhalten könnte. Auch bei der Rheindurchquerung musste er mehr als ein Jahr Arbeit in die Vorbereitung investieren. Dann brachen ihm kurz vor dem Start plötzlich Mittel weg, die fest zugesagt gewesen waren. Doch ein Kollege erklärte sich schließlich spontan bereit, ihn auf seinem eigenen Boot zu begleiten. Damit fielen die Charterkosten weg, die Finanzierungslücke war geschlossen.

Den Neoprenanzug anzulegen und endlich ins kalte Wasser zu springen, sagt Fath, sei damals nach all den bürokratischen und finanziellen Problemen geradezu eine Erlösung gewesen. „Auf die Tage im Wasser habe ich gewartet“, sagt er. „Beim Schwimmen kann ich alles abwerfen, was mich belastet.“ So wird es auch dieses Mal sein. Sein Engagement für saubere Gewässer, sagt Fath, sei streng genommen kein Idealismus, sondern purer Eigennutz: „Ich bin ein leidenschaftlicher Freiwasserschwimmer. Und ich will noch viele weitere Jahre in Flüssen und Seen schwimmen können.“

Das Wasser bestimmt sein Leben

Schon als Jugendlicher liebte er es, ins Wasser einzutauchen und den Alltag hinter sich zu lassen: „Das Wasser nahm einen wütenden Pubertierenden in sich auf und spuckte einen entspannten Heranwachsenden wieder aus“, schreibt er in seinem Buch. Später, als er nach dem Studium seine erste Stelle als Chemiker bei der Firma Hansgrohe antrat und einen Ausgleich suchte, entdeckte er die wohltuende Wirkung des Wassers noch einmal für sich. Heute schwimmt er vier-, fünfmal pro Woche – manchmal sogar zweimal täglich.

Das Wasser bestimmt inzwischen sein ganzes Leben – selbst dann, wenn er sich gar nicht darin aufhält. Die ernüchternden Messergebnisse und die explosionsartige Vermehrung der Plastikteile treiben ihn um. Je schlechter die Befunde, desto entschlossener wird er. „Wir brauchen Lösungen, die dafür sorgen, dass die Substanzen gar nicht erst ins Wasser gelangen – sogenannte Start-of-the-pipe-Lösungen“, fordert Fath. In seiner freien Zeit tüftelt er an einer technisch simplen Methode, mit der sich Rückstände von Antibiotika aus Rinderurin entfernen ließen. Die Rückstände würden zu ungefährlichen Stoffen abgebaut, statt in Flüssen, Seen oder im Grundwasser zu landen. Die Methode basiert auf einem Patent, das er bei Hansgrohe entwickelt hat. Erste Erfolge sind vielversprechend.

In den letzten Monaten hat er aber auch viel Zeit in die Vorbereitung der Tennessee-Expedition gesteckt. Am 29. April nahm er mithilfe eines befreundeten Flößers und eines Studenten Proben aus der Kinzig zwischen den Orten Biberach und Gengenbach. Ziel war, einen Filter zur Entnahme von Proben zu testen, der auch während der Expedition im Tennessee River zum Einsatz kommen soll. Die Zeitung in Chattanooga staunt schon jetzt über das Vorhaben: Es sei die detaillierteste Untersuchung eines Flusses bis jetzt in ganz Nordamerika.

Seine sportlichen Abenteuer helfen dem Wissenschaftler, die Botschaft zu transportieren, dass sich Sorgfalt beim Entsorgen von Müll auszahlt. In seinem Buch „Rheines Wasser – 1231 Kilometer mit dem Strom“ gibt er viele Tipps, wie jeder im Alltag dafür sorgen kann, dass er weniger Wasser verbraucht und verschmutzt. Tipps, die vielleicht auch bald entlang des Tennessee River Aufmerksamkeit finden.

Mikroplastik findet sich inzwischen überall – auch dort, wo man es kaum sieht

Die wichtigsten Informationen zum Projekt auf einen Blick

Proben
Mikroplastik ist nicht nur in Meeren und großen Flüssen zu finden. Am 29. April untersuchte Andreas Faths Team die Kinzig zwischen Biberach und Gengenbach. Das Flußufer war komplett mit Plastik verschmutzt. Die Messergebnisse des Teams finden sich hier.

Expedition
Am 27. Juli startet Fath in Chattanooga, um den Tennessee bis zu den Großen Seen hinunterzuschwimmen. Dabei will der 52-Jährige den Fluss beim Schwimmen genauso gründlich untersuchen wie vor drei Jahren den Rhein. Faths Team twittert unter dem alten Hashtag #tenneswim.

Forschung
Wissenschaftlich begleitet wird das Projekt unter anderem von der University of the South in Sewanee, dem Tennessee Aquarium sowie dem River Basin Center der University of Georgia. Um die teuren Wasseranalysen zu finanzieren, sammelt das Team Spenden über die Crowdfunding-Plattform Go Fund Me (zu Deutsch: Unterstütze mich).

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