Michael Braungart mit Öko-T-Shirt von Trigema – Neue Produkte sollen den Konsum umweltfreundlicher machen. Foto: dpa

Der Öko-Papst Michael Braungart  verspricht den Menschen Konsum ohne Reue. Allerdings muss man dafür die Spielregeln ändern.

Michael Braungart plant eine Welt ohne Müll. In ihr sind die Produkte gänzlich andere als heute. Das Vorbild ist die Natur. Große Firmen beginnen, das Konzept umzusetzen.
Stuttgart/Hamburg - Herr Braungart, auf Vorträgen zitieren Sie gerne folgenden Witz: Unterhalten sich zwei Planeten. Sagt der eine: Du siehst aber schlecht aus. Sagt der andere: Stimmt, ich habe Homo sapiens. Sagt der andere: Kenn’ ich, hatte ich auch mal, geht aber wieder weg. Herr Braungart, sind die Menschen eine Plage für den Planeten?
Ja natürlich, sie sind ein richtiges Krebsgeschwür geworden. Es gibt in der Erdgeschichte keine Spezies, die sich so stark auf Kosten anderer Arten entwickelt hat. Die Konsequenz daraus ist aber nicht, zu sagen, wir sollten jetzt weniger werden. Wir sollten vielmehr etwas dafür tun, nützlich zu sein, so wie andere Lebewesen auch.
Ich denke, ich verhalte mich gut. Ich versuche, Energie zu sparen, und lasse das Wasser nicht den ganzen Tag laufen. Reicht das nicht aus?
Die Menschen denken, es sei Umweltschutz, wenn sie sich weniger schlecht verhalten, wenn sie weniger Auto fahren, den Energieverbrauch reduzieren, weniger Müll produzieren. Das bringt aber nichts, weil wir dadurch das Falsche nur etwas weniger falsch machen. Wenn man sowieso auf dem falschen Weg ist, nützt es nichts, effizienter zu sein. Man sollte sich vielmehr fragen, wo der richtige Weg ist. Man muss versuchen, von vornherein das Richtige zu tun.
Als Hauptproblem der Welt haben Sie den Müll ausgemacht, weil er riesige Mengen unverbrauchter Ressourcen enthält. Wie können wir Müll vermeiden?
Zunächst einmal sind die Menschen die einzigen Lebewesen, die Müll produzieren. Alle anderen Spezies stellen Nährstoffe für andere her. Genau darauf zielt mein Cradle-to-Cradle-Konzept (d. Red: Von der Wiege bis zur Wiege) ab. Es schafft die Grundlage dafür, alle Dinge so zu konstruieren und zu designen, dass sie ausschließlich nützlich sind. Dinge, die verschleißen – etwa Kleidung oder Bremsbeläge –, werden dabei so gefertigt, dass sich der Abrieb oder die Fasern des Pullis mühelos in Natur und Nahrungsketten integrieren lassen. Bei Gegenständen wie Fenstern, die nicht verschleißen, sondern nur genutzt werden, ist es etwas anders. Sie dürfen Stoffe enthalten, die im Nahrungsmittelbereich bedenklich wären – etwa Kupfer –, müssen aber zu 100 Prozent recycelt werden können. Wichtig ist, dass man beide Produktkategorien nicht vermischt. Dann fallen fast keine Abfälle mehr an.
Sind unsere heutigen Waren denn so schlecht?
Die Produkte sind nicht für den Menschen gemacht. Wenn sie eine Ein-Euro-Münze in die Hand nehmen, kriegen sie 200-mal mehr Nickel mit, als in jedem anderen Produkt legal ist. Als Folge haben fast 20 Prozent der Frauen Nickelallergie, bei Männern etwas weniger. Parktickets oder Kassenbons sind ebenfalls nicht für Hautkontakt gemacht. Da sind Chlorparaffine drin, die sich später in der Muttermilch wiederfinden. All diese Produkte, und ich könnte ihnen Dutzende weitere nennen, müssen neu erfunden werden.
Haben Sie ein Beispiel für ein gutes Produkt?
Wir haben Verpackungen für Eiscreme entwickelt, die innerhalb weniger Stunden biologisch abbaubar sind. Zudem enthalten sie Samen seltener Pflanzen. Wenn Sie die Eistüte wegwerfen, tun Sie der Natur etwas Gutes, weil Sie zur Artenvielfalt beitragen. Mit Teppichböden, die Feinstäube aktiv binden, hat ein von uns beratenes Unternehmen innerhalb von zwei Jahren seinen Marktanteil in Europa von 16 auf 24 Prozent gesteigert. Dazu muss man wissen, dass die Luft in Gebäuden wegen Feinstaub aus Laserdruckern und ­ausgasenden Klebstoffen bis zu achtmal schlechter ist als in der dreckigsten Großstadt. Durch den Kauf dieser Produkte tun wir Gutes, weil wir Veränderungen bewirken. Derartige Waren eröffnen den Menschen neue Konsumchancen. Für die Unternehmen bringen sie ökologische Absatzmärkte. Der Kleidungshersteller Trigema ist beispielsweise mit solchen Produkten extrem erfolgreich.
In so einer Warenwelt kann die Menschheit konsumieren und völlen bis zum Umfallen?
Schauen Sie sich einen Kirschbaum im Frühling an. Kein Sparen, kein Vermeiden, kein Verzichten, kein Reduzieren, kein Schuldmanagement. Dennoch ist alles, was der Baum hervorbringt, nützlich. Für uns heißt das: Wir können uns intelligente Verschwendung erlauben. Man sagt immer, wir haben nur einen Planeten. Aber was soll das heißen? Als wir noch Jäger und Sammler waren, waren zehn Millionen Menschen das maximal Mögliche. Durch die Entwicklung der Landwirtschaft konnten plötzlich drastisch mehr Menschen ernährt werden. Wenn wir Ackerbau und Viehzucht klug weiterentwickeln, können wir 80 Milliarden Menschen ernähren.
Konsumkritiker sind der Meinung, Ihre Ideen führen zum Kollaps der Welt.
Das alles funktioniert natürlich nicht, wenn alle jeden Tag ein Rindersteak verspeisen. Wir müssen uns anders ernähren. Algen sind wunderbare Proteinlieferanten. Aus denen kann man tolle Speisen zubereiten, und sie sind viel gesünder. Damit wir uns nicht falsch verstehen. Ich will den Leuten nicht ihr Steak verbieten, aber ich will das ­Bewusstsein dafür schaffen, dass es ziemlich dumm ist, so viel Fleisch zu essen. Pilze sind hochproduktive Eiweißspender. Wir haben beispielsweise biologisch abbaubare Flaschen entwickelt, auf denen Etiketten kleben, die einen optimalen Nährboden für Shitake-Pilze abgeben. Von diesem Produkt können Sie einkaufen soviel Sie wollen, und die Welt wird dadurch immer besser. Konsum ist nicht verwerflich.
Wer ist verantwortlich, dass es mit der Umstellung Ihrer Warenwelt nicht schneller geht?
In Deutschland ist der Staat das Problem, weil er die bestehenden Strukturen erhält und durch Normen und Gesetze schützt, anstatt Ziele oder alternative gesellschaftliche Modelle zu definieren. In der jetzigen Koalitionsvereinbarung ist keine einzige Vision enthalten. Das ist ein einziges Trauerspiel. Anderswo ist man da weiter. Die Niederlande beschaffen für 45 Milliarden Euro Waren, die nach unseren Prinzipien hergestellt ­wurden. Luxemburg und Dänemark haben umfassende Förderprogramme auf den Weg gebracht. Aber auch die Industrie zieht nach. Die größte Reederei der Welt, Maersk aus Dänemark, wird bald nur noch Schiffe vom Stapel laufen lassen, die voll recycelbar sind.
Um die Welt zu verändern, postulieren Sie eine Art neue Herrschaft der Naturwissenschaften. Aber Naturwissenschaftler erfinden auch gefährliche Dinge. Und nicht alle machen sich Gedanken um die Nebenwirkungen. Öffnen Sie nicht die Büchse der Pandora?
Durch Umweltskandale wie in Tschernobyl, in Bhopal oder in Seweso haben wir in den ­1970er und 1980er Jahren eine ganze Generation von Naturwissenschaftlern verloren. Technik und Wissenschaften waren voll­kommen ­diskreditiert. Wer konnte denn ­damals noch guten Gewissens zu Siemens ­gehen, wo die doch Atomkraftwerke her­stellen? Oder zu BASF? Als Folge haben wir heute tolle ­Journalisten, Kaufleute und Beamten, aber wir haben viel zu wenige ­Denker in der Industrie.
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